Die Dorfkirche von Niederjesar (Landkreis Märkisch Oderland)

1942 
1942Foto: Schüler
Quelle: Archiv Trebeß
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1989
1989Foto: Neugebauer
Quelle: Archiv Trebeß
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2000
2000Foto: JanowskiGroßbildansicht
2007
2007Foto: PröhlGroßbildansicht

Vor einigen Jahren besuchte eine Reisegruppe des Förderkreises Alte Kirchen unter anderem auch die Dorfkirche in Niederjesar. Einige der Mitreisenden standen etwas ratlos vor dem Gebäude, das in keiner Weise ihrem romantischen Bild einer märkischen Dorfkirche entsprach: Vom Turm ist nur noch ein kümmerlicher Stumpf vorhanden, an Stelle eines steilen Kirchendachs spannt sich eine flache Holzkonstruktion über den alten Baukörper und zwischen Mauerkrone und Dach zieht sich um das gesamte Gebäude ein Oberlichtband. Der erste Eindruck irritiert die Betrachter, doch erzählt gerade die Dorfkirche von Niederjesar exemplarisch die jüngere Geschichte einer ganzen Region.

Im Mai 1860 reiste Theodor Fontane mit der Pferdekutsche über Rüdersdorf, Müncheberg und Seelow nach Gusow, um für den Band "Das Oderland" zu recherchieren. In seinem Buch schildert er ein für ihn großartiges Erlebnis: "Ein Blick von dieser Seelower Höhe lässt uns in solchen Gottessegen schauen. Die ohnehin dicht gelegenen Dörfer rücken in dem endlosen Coulissenbilde immer dichter zusammen, und alles verschmilzt zu einer weitläufig gebauten Riesenstadt, zwischen deren einzelnen Quartieren die Fruchtfelder wie üppige Gärten blühen. ... Unvergesslich aber wird der Eindruck für den, den ein glückliches Ohngefähr an einem Pfingstheiligabend an diesen Höhenrand führt. Die Feuchte des Bruches liegt dann wie ein Schleier über der Landschaft, alles Friede, Farbe, Duft, und der ferne, halb ersterbende Klang von dreißig Kirchtürmen klingt in der Luft zusammen, als läute der Himmel selber die Pfingsten des nächsten Morgens ein."

Fünfundachtzig Jahre später, ebenfalls im Mai, bot dieselbe Landschaft ein Bild des Schreckens. Eine der größten Schlachten des Zweiten Weltkrieges hatte hier gewütet. Tausende von Menschen deutsche und russische Soldaten, aber auch zahlreiche Zivilisten hatten, wenige Wochen vor Kriegsende, noch einen sinnlosen Tod gefunden. Die durch die Meliorationsleistungen und die zielgerichtete Ansiedlungspolitik Friedrichs des Großen zu Wohlstand gekommene Landschaft des Oderbruchs glich einem Trümmerfeld. In vielen der Ortschaften war bis zu neunzig Prozent der Bausubstanz zerstört.

Der "Klang von dreißig Kirchtürmen" war nicht mehr zu vernehmen und wird wohl auch in Zukunft nicht mehr zu hören sein. Ein Befehl des Stabes der neunten Armee der Heeresgruppe Weichsel der Deutschen Wehrmacht hatte angeordnet, "die Türme der Kirchen im Bruch und auf den angrenzenden Höhen zu sprengen", um der sowjetischen Artillerie die Orientierung zu erschweren.

Im April 1945 sprengten deutsche Soldaten auch den Kirchturm von Niederjesar mit seinem hohen, schlanken Turmhelm. Dabei erlitten das Dach und die Mauerkrone des Kirchenschiffes schwere Schäden. Fast die gesamte Ausstattung ging verloren. Damit teilte die Kirche von Niederjesar das Schicksal der meisten Gotteshäuser dieser Region: Von ehemals fünfundfünzig waren sechsundzwanzig völlig zerstört. Nach dem Kriegsende verhinderten die DDR-Behörden die meisten Versuche, beschädigte Kirchen wieder aufzubauen. In etlichen Fällen wurden Ruinen, deren Wiederherstellung durchaus möglich gewesen wäre, unter dem Vorwand der Gewinnung von Baumaterialien zum Abriss freigegeben. Wertvolles Inventar wurde verheizt oder verschwand bei Plünderungen. In Niederjesar immerhin gelang es der Gemeinde in den fünfziger Jahren, einen kleinen Kirchsaal in die Ruine einzubauen. Der einer Gartenlaube ähnelnde Raum in makaberer Umgebung diente als Notkirche. Erst ab 1990 war es möglich, Bilanz zu ziehen, Notsicherungen vorzunehmen und auch über den Wiederaufbau zerstörter Kirchen nachzudenken.

Niederjesar gehört mit fünf weiteren Dörfern zum Pfarrsprengel Mallnow. Noch immer gab es in keinem dieser Orte ein intaktes Kirchengebäude. 1995 entschied der Gemeindekirchenrat, Niederjesar zum Zentrum der Gemeindearbeit mit Gottesdiensten, Konfirmandenunterricht, Jugend- und Seniorenarbeit zu machen. Zugleich sollte der Kirchenraum Veranstaltungen der Kommune ermöglichen und Konzerten, Vorträgen oder Dorffesten Raum bieten. Der Wiederaufbau der Niederjesarer Kirche wurde beschlossen. Diese schwierige Aufgabe konnte die Gemeinde nicht allein bewältigen. Pfarrer Martin Müller vertraute auf die Solidarität der anderen Gemeinden seines Sprengels. Zur Unterstützung der Baumaßnahmen gründete sich ein Förderverein; zwischen Kirchengemeinde und Kommune wurde ein Nutzungsvertrag abgeschlossen.

Der Bauentwurf des Berliner Architekten Heinz Hoffmann folgte dem Nutzungskonzept und ordnete sich funktionalen Erfordernissen unter. Bewusst entschieden sich alle Beteiligten gegen einen originalgetreuen Wiederaufbau. Den mittelalterlichen Feldsteinbau hatte Friedrich August Stüler 1859 wesentlich umgestalten lassen. Ein gewölbter Chorraum aus Backstein war angefügt, der Turm wesentlich erhöht worden. Die großen Rundbogenfenster mit "Florentiner Maßwerk" und die Rosette über dem Südportal waren im Stil der Neuromanik gehalten. Jetzt jedoch standen nur noch die beschädigten Außenmauern des Kirchenschiffes und der Rest des Turmes. Bereits mit dem Beginn des ersten Bauabschnittes 1997 wurde konsequent vermieden, die Spuren der Geschichte zu verbergen; die Narben des Krieges sollten sichtbar bleiben. Selbst für die Ausbesserung der Außenmauern wurden etwas hellere Ziegel gewählt, damit neues und altes sichtbar blieb. Die einfache handwerkliche Konstruktion des Daches ist auch finanziellen Zwängen geschuldet. Doch das durchgehende Lichtband öffnet den Raum und gibt ihm Helligkeit für die Vielfalt der Nutzungen.

Nachdem die äußere Wiederherstellung weitgehend mit Geldern aus dem Staatskirchenvertrag finanziert werden konnte, gestaltete sich der Innenausbau schwieriger. Nach zahlreichen vergeblichen Anträgen sprang hier schließlich das Amt für Flurneuordnung und ländliche Entwicklung mit Mitteln aus dem Programm "Dorferneuerung" ein. Der Chorraum an der Ostseite wurde für den Gottesdienst der Gemeinde durch ein in das Schiff vorgestrecktes Bogenjoch zur Kapelle vergrößert, die etwa zwanzig Besuchern Platz bietet. Unter einer neu entworfenen Empore entstanden Räume für Gruppenarbeit. Die Trennwand der Kapelle zum Kirchenschiff lässt sich öffnen, um größere Gottesdienste, aber auch Konzert- und Festveranstaltungen für 130 Menschen zu ermöglichen.

Nachdem der funktionale Ausbau abgeschlossen ist, hat die Kirchengemeinde kürzlich einen Wettbewerb zur Gestaltung farbiger Chorfenster ausgeschrieben. Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein.


Zum Weiterlesen:
Märkische Oderzeitung vom 13. März 2008: Niederjesars neue Chorfenster sind da
Märkische Oderzeitung vom 10. Juli 2010: Beispiel gelungener Rekonstruktion
Märkische Oderzeitung vom 21. August 2013: Eine Orgel für Niederjesars Kirche
Mitteilungsblatt Dezember 2013: Karlsruher Orgel erklingt nun im Oderbruch

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