Die Helenenkapelle in Hohenlychen (Uckermark)

Helenenkapelle Hohenlychen 
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Die nachstehend beschriebene Kapelle der Hohenlychener Heilstätten ist keine Dorfkirche im eigentlichen Sinne. Sie ist jedoch ein Sakralbau in einer ländlichen Region, der dringend der Hilfe bedarf.

Der nachfolgende Text ist ein Auszug aus der Festrede von Tobias Schönfeldt, Vorsitzender des Vereins Heilstätten Hohenlychen e.V. auf der Festveranstaltung zum 100. Geburtstag des Denkmals am 22. Oktober 2004.

Lassen Sie uns zurückblicken. Wie war das damals vor 100 Jahren? Deutschland hatte einen Kaiser Wilhelm II. und seine Frau die Kaiserin Auguste Viktoria, Lychen hatte den fortschrittlichen Bürgermeister Bachhuber und seit 1902 eine vom Volksheilstättenverein des Roten Kreuzes unter der Leitung von Prof. Dr. Gotthold Pannwitz gegründete Kinderheilstätte.

Dieses Hügelgelände umgeben von Mischwald, die Seenähe und die damit verbundenen klimatischen Verhältnisse waren ideal für die Errichtung einer Kinderheilstätte zur planmäßigen Bekämpfung der Tuberkulose. Mit riesiger Tatkraft schaffte es Prof. Dr. Pannwitz, die Heilstätte für Kinder systematisch auf- und auszubauen, wobei, nach der Fertigstellung im Sommer, ca. 500 und im Winter ca. 300 Kinder aufgenommen werden konnten.

Auf Grund dieser Entwicklung in diesem landschaftlich schönen Areal der Stadt Lychen ergab sich ganz natürlich der Wunsch nach der Errichtung einer Kapelle für die hier für lange Zeit untergebrachten kleinen Patienten.

Damals stellte die Stadt Lychen auf Ersuchen des Volksheilstättenvereins die Fläche hier auf diesem Hügel im Stadtwald gegen eine Anerkennungsgebühr von 3,00 Reichsmark jährlich als Pachtland zur Verfügung. Die gesamten Heilstätten wurden nur durch Spenden aufgebaut und betrieben. Dazu passt es, dass auch die Kapelle gestiftet wurde und zwar von Prof. Dr. Heinrich Venn, der sich auch selbst als Mitglied des Vorstandes der Abteilung "Ländliche Kolonie" engagierte. Nach seinen Vorstellungen fertigten die Architekten Hakenholz und Brandes aus Hannover die Pläne an. Angemerkt sei hier, dass diese Architekten maßgeblich den Baustil in der gesamten Anlage geprägt haben.

Am 25. Februar 1904 war Baubeginn für die Kapelle und bereits am 21.April wurde Richtfest gefeiert. Zu Ehren der deutschen Kaiserin Auguste Viktoria (auch "Kirchenjuste" genannt) und in Würdigung ihres finanziellen und sozialen Engagements für die Heilstätten wurde die Kapelle an ihrem Geburtstag, dem 22. Oktober 1904 eingeweiht.

Das Besondere an diesem Gebäude ist u.a. ihr Name: "Helenenkapelle". Wir haben aktenkundig nicht klären können, warum dieses Kirchlein so heißt. Doch haben wir die Bedeutung des Namens Helene nachgelesen und erfahren, dass Helene aus dem Altgriechischen stammt und "die Strahlende" bedeutet, bezugnehmend auf den Sonnengott Helios. Die Strahlende also, - eine Kapelle die voll Licht erstrahlt - das haben die damaligen Schenkgeber so gewollt und das Innere der Kapelle stimmungsvoll von Kunstmaler Plinke aus Hannover ausmalen lassen. Man sieht noch gut das Gewölbe über der Altarnische mit Triumphbogen, die Engelsgestalten und die Triumphbogen über der Empore.

Doch in erster Linie die Anordnung der in Dreiergruppen zusammengefassten Schifffenster tauchten den Raum in ein besonders Licht. Diese Lichtprojektion von außen nach innen wurde durch die drei besonders künstlerischen und schönen farbigen Fenster in der Altarnische noch verstärkt. Diese 3 Fenster waren damals ein Geschenk von Herrn und Frau Staatsminister von Thielen, ebenfalls Vorstandsmitglieder des Volksheilstättenvereins.

Gegenüber der Altarnische befindet sich die noch gut erhaltene kleine Orgelempore für den Kinderchor und eine den Raumverhältnissen angepasste Orgel, von der allerdings nur noch das Gehäuse übrig geblieben ist.

Entsprechend den Wünschen des Stifters kam der Turm der Kapelle in barockisierenden Formen zur Ausführung, mit Sicherheit auch eine Besonderheit, hebt er sich doch aus der sonst schlichten märkischen Architektur heraus. In diesem Turm befinden sich heute noch die originalen 3 Gussstahlglocken, gegossen vom Bochumer Verein am 15.04.1904, mit einem Gesamtgewicht von ca. 1,5 t (inkl. Klöppel, Schrauben u. Lager).

Um allen Patienten und deren Betreuungspersonal gerecht zu werden, haben die evangelische und katholische Kirche hier im 14-tägigen Wechsel Gottesdienste abgehalten. Später wurden in diesem stimmungsvollen Raum auch Taufen und Trauungen vorgenommen.

Die Gruft unter der Apsis hat nie eine Bestimmung gefunden.

Im dunkelsten Kapitel in der Geschichte Deutschlands wurde es auch in der Kapelle dunkler, denn mit der Übernahme der Heilstätten durch die Nazis wurden fast alle Gebäude um- und ausgebaut, somit entstand zwischen 1939 und 1943 der rechteckige Anbau, und damit verdunkelten sich die 3 Fenster in der Apsis. Der Kapellenanbau soll eine Nutzung als Aufbahrungsraum für die Toten erhalten haben.

1945 beendeten die Alliierten die Naziherrschaft und in Hohenlychen marschierten die Russischen Streitkräfte ein. Die Geschichte ist uns allen bekannt, doch was passierte hier mit den einmal so erfolgreichen Heilstätten und der kleinen Kapelle?

Für die Gotteshäuser ihrer Feinde hatten die Russen nicht viel übrig. Nachdem feststand, dass hier das Militär sein Hospital einrichten wird, wurde der Kapellenraum kurzentschlossen in ein Diesel- und Öllager umfunktioniert. Die Leichenhalle sollte auch bei den Russen ihre Bestimmung beibehalten. In dieser Zeit geht auch das teils kostbare Inventar wie Altar, und das Gestühl verloren. Wir nehmen an, als Heizmaterial. Wahrscheinlich aus Angst vor Diebstahl oder um die Einsicht zu verwehren, haben die damaligen Bestimmer in diesem Gebiet die Kapellenfenster "bombensicher" vermauert und verbrettert. Um zusätzlich Spuren zu hinterlassen, wurden die Wände einheitlich mit gelber Leimfarbe überstrichen.

Als die Russen 1993 nach Perestroika und Wiedervereinigung das Land und Hohenlychen verlassen mussten, stand diese Kapelle eingezäunt mit den anderen damals noch völlig intakten Gebäuden auf diesem "Zauberberg" und warteten auf eine sinnvolle Weiternutzung. Während ein großer Teil des ehemaligen Heilstättenareals heute nach 11 Jahren Leerstand immer noch auf seine zukünftigen Nutzer wartet, ist es in und um die Helenenkapelle seit dem Jahre 2002 wieder lebendig geworden.

Wie kam es dazu?

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. In diesem Sinne beschlossen wir, die Mitglieder des 1999 gegründeten Vereins Heilstätten Hohenlychen, die Kapelle zu sanieren und einer sinnvollen Nutzung zuzuführen. Da die Kapelle immer noch auf städtischem Grund steht, konnten wir mit der Stadt am 10.05 2002 einen langjährigen Pachtvertrag abschließen. Logischerweise war dieses Gebäude inzwischen offiziell in die Liste der denkmalgeschützten Gebäude aufgenommen worden.

Es ist uns gelungen die unerträgliche Belastung durch Diesel- und Ölgeruch weitestgehend zu beseitigen, denn Teile des Fußbodens und Holzteile der Empore waren, bzw. sind stark mit Dieselöl durchtränkt. Durch das Freilegen der zugemauerten Fenster kam Licht und Luft in den Raum. Die beiden Außentüren sehen nach einer leidenschaftlichen Restaurierung wie neu aus. Aber auch Bänke sind in mühevoller ehrenamtlicher Tätigkeit für das Verweilen in dieser Kapelle gebaut worden. Auf Grund von Spenden und Fördermitteln war es möglich, bis heute 9 (also die Hälfte) der stark beschädigten Schiff-Fenster zu restaurieren bzw. zu ersetzen.

Viele ungezählte ehrenamtliche Arbeitsstunden stecken in dem bis hier Erreichten, immer das Ziel vor Augen, den einstigen Charme dieser Helenenkapelle wieder aufleben zulassen, aber auch ein Stück Kulturgut zu erhalten und zu pflegen.

Informationen über: Tobias Schönfeldt; Tel.: (03 98 88) 4 32 04 oder unter: www.kapelle-hohenlychen.de


Nachträge:
Mitteilungblatt vom März 2006: Lichtblicke für eine wieder auferstehende Kapelle
Mitteilungblatt vom Juni 2006: Unverhoffte "Finanzspritze"

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