Warum Kirchengebäude aus theologischer Sicht bewahrenswert sind1

Vortrag von Pfarrer Dr. Clemens W. Bethke, Theologischer Referent im Konsistorium der EKBO
gehalten auf dem Arbeitsgespäch "Kirche(n) im Wandel - Ungenutzte Kirchen in Brandenburg: Fakten und Fragen"
am 03. November 2017 im Konsistorium der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

vielen Dank, dass ich hier sprechen und eine theologische Perspektive in das Gespräch einbringen darf. Ich wurde gebeten, zu der Frage zu sprechen: Warum sind aus theologischer Sicht Kirchengebäude bewahrenswert?

Das möchte ich in zwei Schritten tun. Erstens, indem ich etwas dazu sage, wie man das Kirchengebäude theologisch beschreiben kann. Das ist eine eher klassische Perspektive. Der Kirchenbau oder gar eine Theologie des Kirchenraumes - das muss ich dazu sagen - wurde in der theologischen Wissenschaft lange eher stiefmütterlich behandelt. Wenn überhaupt, dann hat sich die Theologie vor allem mit dem Kirchenbau und seiner Geschichte befasst. Raumfragen wurden eher nicht thematisch. Das ändert sich: Die Perspektive allein auf den Kirchenbau ist in jüngerer Zeit um die Perspektive von Kirche als Raum erweitert worden. Deshalb werde ich im zweiten Teil meines Vortrages einige raumtheoretische Gedanken in die Debatte einbringen.

Aber zuerst:

1. Die Kirche als Bau

Zunächst einmal kann man sagen: Die Kirche, das Kirchengebäude, ist die Summe seiner Einflüsse, die ihn formen und die ihm seine individuelle Gestalt geben, bei der Errichtung und über die Zeit seiner Nutzung. Wie in einen Text schreiben sich die Einflüsse in den Kirchenbau ein. Und das heißt: Sie sind in dem Kirchenbau als Strukturelemente vorhanden. Sie sind in der Tiefenstruktur des Kirchenraums aufgehoben und (bis zu einem gewissem Maße) an seiner Oberflächenstruktur ablesbar. Der Kirchenbau ist also "ein durch Geschichte gezeichneter Raum, in den immer neu Gegenwärtiges eingezeichnet wird"2.

Weil das so ist, sind Kirchenbauten Lebens- und Glaubenszeugnisse, räumlich- gegenständliche Dokumente ihrer Zeit. Kirchengebäude spiegeln Geschichte und Geschichten. Eine Dorfkirche zum Beispiel: Familienfeste wurden hier gefeiert, Hochzeiten, Taufen, Konfirmationen. Menschen sind an diesem Ort einander begegnet und Gott. Tote wurde betrauert, Trost gesucht, Schutz. Gottesdienste wurden hier gefeiert und Dorfjubiläen begangen.

Und all das sieht man auch, z.B. am Taufstein - wie viele hundert Kinder wurden hier getauft? Oder man sieht es an Epitaphien oder an Gefallenen-Ehrenmahlen oder an den ausgetretenen Stufen zur Kanzel - wie viele Prediger sind haben diese Stufen genommen und von der Kanzel das Wort Gottes gepredigt? - oder dem Zettel an einer Gebetswand. Und man spürt es, atmosphärisch: Hier hat sich Leben abgespielt, unzählige Leben haben sich hier abgespielt, viele Ereignisse, politische und gesellschaftliche, haben ihren Niederschlag gefunden. Also: Lebensgeschichten Einzelner und ihrer Familien haben ihren Abdruck genauso im Kirchenraum hinterlassen wie historische Ereignisse.

Das ist nun meine erste Antwort auf die Frage, warum Kirchenbauten bewahrenswert sind: Mit ihnen bewahren wir Geschichte und Geschichten. Das ist eine über die binnenkirchliche Nutzung hinausgehende Funktion von Kirchenbauten und - nebenbei bemerkt - auch ein gutes Argument, warum die Bewahrung von Kirchenbauten eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist: Kirchenbauten sind bewahrenswert, weil wir mit ihnen Geschichte bewahren.

Bei der Bewahrung geht es nicht um Bewahrung im Sinne von Musealisierung - ein Vorwurf, der in der theologischen Debatte immer wieder zu hören ist. Es geht vielmehr um das, was uns mit unserer Vergangenheit verbindet. Um unser Gewordensein. Um die Verbindung mit unseren Wurzeln. Und um das Erinnern. Das nun ist etwas zutiefst Religiöses. Es ist der Grundmodus des Glaubens: Glaube ist Erinnern: Wie das Volk aus Ägypten ausgezogen ist. Wie Jesus nicht bei den Toten geblieben ist. Glaube ist erinnern, was Gott getan hat. Erinnern nicht als Selbstzweck. Im Erinnern wird das Geglaubte real, gegenwärtig. Im Erinnern ist es da und schafft neue Hoffnung.

Das macht auch die religiöse Dimension des Kirchenraums aus: Er ist auf vielen Ebenen bezogen auf diese christlichen Inhalte, sie sind in ihm zur Form geronnen. In jedem Kirchenraum findet sich das christliche Selbst- und Weltverhältnis artikuliert - also, wie sich der Mensch in der Welt im Lichte Gottes sieht und woher er sich getragen weiß. So weisen Kirchenbauten immer auch über sich selbst hinaus auf eine andere, eine - wenn man so will - ganz andere Wirklichkeit. Und Kirchen sind deshalb auch nicht nur Zeugen der Vergangenheit und bestenfalls der Gegenwart, nicht nur Zeugen des Lebens, das sich in ihnen abgespielt hat und abspielt (oder im Blick auf ungenutzte Kirchen: vielleicht eben gerade nicht mehr abspielt), sondern sie sind noch mehr: sie sind auch Zeugen einer Zukunft. Zeugen dafür, dass alles Leben in seiner Vergänglichkeit "auf Hoffnung hin" angelegt ist (wie es im Römerbrief heißt, Röm 8,24).

Das ist meine zweite, mehr religiöse Antwort auf die Frage, warum Kirchen bewahrenswert sind: Kirchenräume sind symbolisch geformt und symbolträchtig; sie sind aufgeladene und verdichtete Orte. Sie stehen für ein christliches Selbst- und Weltverhältnis. Religiös gesprochen: Sie sind ein Zeichen für die Hinwendung Gottes zum Menschen. Und sie sind Platzhalter der Hoffnung in dieser Welt.

Sie merken: Diese zweite Antwort ist schon sehr religiös eingefärbt. Denn dass Kirchen Platzhalter der Hoffnung sind, das kann man nur glauben. Das ist schon eine spezifische Interpretation, eine Aneignung, eine Konkretisation der Erfahrung, die Menschen in und mit diesem Raum machen. Das bringt mich zum zweiten Teil meines Vortrages:

2. Die Kirche als Raum

Denn der Kirchenbau als solcher bietet zwar ins seiner Gestalt zur Form geronnene Geschichte und Geschichten an. Aber darin geht der Kirchenraum nicht auf. Der Kirchenbau ist das Potential, das aktualisiert, das angeeignet werden will. Raum entfaltet sich als aktive (leibhafte) Aneignung in der Interaktion zwischen den baulichen Gegebenheiten (inklusive der Ausstattungsstücke) und dem Architekturnutzer. Das kann man den Doppelcharakter des Kirchenraumes nennen: Der Kirchenraum spannt sich zwischen zwei Polen auf: Auf der einen Seite der architektonische Pol, der Kirchenbau mit seiner Geschichte. Auf der anderen Seite der ästhetische Pol, die Nutzung, die Aneignung, die in leiblicher Bewegung den Raum aus sich heraussetzt, sukzessive, in der Wahrnehmung und dem Nachvollzug der räumlichen Gegebenheiten.

Der Bau selber funktioniert also eher als Anweisung für den Raum, den es erst hervorzubringen gilt. Wie der Raum jeweils konkretisiert wird, wie er gedeutet wird und sich als sinnfällig erweist, etwa, ob er als heiliger Raum erfahren wird, das hängt von der individuellen Rezeption ab. Kirchenraum ist also weder "unabhängig von Personen, noch setzen Personen den Raum allein in ihren subjektiven Vorstellungen und Empfindungen. Beides steht in permanenter Wechselwirkung"3.

Traditionell hat man in der Theologie dem Kirchenraum seine Bedeutung vor allem als domus ecclesiae zugeschrieben, als Haus der Gemeinde. Man hat sich darüber gestritten, ob es im evangelischen Verständnis überhaupt so etwas wie einen heiligen Raum geben kann oder nicht. Und man war sich einig, dass unsere Kirchenräume nur in usu heilig sind, im Gebrauch (und meinte damit den Gebrauch als Gottesdienstraum).

Sicher ist der Gottesdienst ganz zentral für das, was einen Kirchenraum ausmacht. Das ergibt sich aus dem, was ich zum Erinnern als Grundmodus des Glaubens gesagt habe: im Gottesdienst vollzieht sich ja die erinnernde Vergegenwärtigung in Wort und Sakrament. Wenn man jedoch den Kirchenraum darauf allein reduziert, wird vernachlässigt, dass es unzählige Aneignungsformen des Kirchenraums gibt. Eben individuelle Konkretisationen. Der Kirchenraum "ist heute nicht mehr nur und ausschließlich ein Haus der Gemeinde". Das war er ja eigentlich noch nie, was sich an der Breite der im Kirchenraum aufgehobenen Geschichte ablesen lässt. Der Kirchenraum ist - und das ist ganz entscheidend - "auch ein Haus für einzelne Menschen […], die in ihnen unterschiedliche Erfahrungen machen. Die Besucher[*innen] kommen und erfahren die Kirchen religiös, spirituell, ästhetisch, auch politisch"4 oder touristisch.

Kirchenräume ziehen immer noch viele Menschen an: der weite Raum, die Einrichtungsgegenstände, die besondere Atmosphäre, all das nimmt mich hinein, leiblich, alle Sinne ansprechend und überschreitet und weitet zugleich mein Dasein5. Dass dies geschehen kann, dafür ist es in der Tat wichtig, dass im Kirchenraum das Geheimnis Gottes gefeiert wird, dass der Raum "geistlich beatmet wird"6, dass in ihm religiöse Kommunikation stattfindet. Abgesehen davon, dass hierbei auch der*die einzelne*r Besucher*in eines Kirchenraums im Blick sein muss (wenn er*sie beispielsweise in einem Moment der Stille oder der Meditation ein Zwiegespräch mit Gott führt - ob mit Worten oder ohne) und der Gottesdienstbegriff nicht enggeführt werden darf, hat jedenfalls der Raum mittelbar an gottesdienstlicher Kommunikation teil. Selbst wenn in einer Kirche nicht mehr Gottesdienst im engen Sinne gefeiert wird, so steht sie - etwa über den Altar, die Kanzel und all die anderen offensichtlichen Hinweise auf eine gottesdienstliche Nutzung - doch in Verbindung mit anderen Kirchen, anderen Gottesdiensträumen, wie in einem Netzwerk.

Warum sage ich das? "Kirche(n) im Wandel - Ungenutzte Kirchen. Immer mehr Kirchen gerade im ländlichen Raum werden nicht mehr genutzt, schlicht nicht gebraucht - nicht durch die Kirchengemeinden, aber auch nicht durch Andere." - so lesen wir es in der Einladung zu der Veranstaltung heute. Aus theologischer Sicht sind Kirchenräume bewahrenswert. Ja, der Kirchenraum kommt erst in der Aneignung zu seiner eigentlichen Vollendung. Es ist daher erstrebenswert, für jede Kirche eine gute Nutzung zu finden. Wer wollte das nicht? Und sicher: Es ist all unsere und noch mehr Kreativität gefragt, um möglichst kreative, je vor Ort passende, realistische, finanzierbare Lösungen und Nutzungskonzepte zu finden. Eine große Herausforderung, niemand bestreitet das. Aber auch, wo das nicht möglich ist, verliert der Kirchenraum nicht seinen Wert und ist bewahrenswert.

Der Kirchenbau ist Potential. Und das bleibt er. Gerade mit diesem Potential können und sollten Kirchen in entdichteten Räumen, in entvölkerten Landstrichen Platzhalter der Hoffnung sein.

Ich danke Ihnen.




 1 Der Stil der mündlichen Rede wurde beibehalten. Der Vortrag fußt auf Clemens W. Bethge: Kirchenraum. Eine raumtheoretische Konzeptualisierung der Wirkungsästhetik, (Praktische Theologie heute 140), Stuttgart 2015.
 2 Sigrid Glockzin-Bever: Was der Kirchenraum lehrt. Fachdidaktische Überlegungen zur Kirchenraumpädagogik, in: dies./Horst Schwebel (Hg.): Kirchen - Raum - Pädagogik, (Ästhetik - Theologie - Liturgik 12), Münster 2002, 163-192, 164.
 3 Hermann Geyer: "Sprechende Räume"? Fragmente einer ‚Theologie' des Kirchenraumes, in: aaO, 31-98, 67.
 4 Beide Zitate Thomas Erne: Orte der Selbsttranszendenz. Warum wir Kirchen brauchen, DtPfrBl 115 (12/2015), 672-676, 672.
 5 Vgl. Erne, aaO, passim.
 6 Erne, aaO, 674.

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