3. Denkmalpflege-Forum der Konrad-Adenauer-Stiftung vom 28. – 30. August 2006

Die Vertreibung aus dem Tempel
Über die Umwidmung von Kirchenbauten

Vortrag von Bernd Janowski (Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg):
Perspektiven und Lösungsansätze. Möglichkeiten bürgerschaftlichen Engagements.

Sehr geehrte Damen und Herren,

für die Möglichkeit, an dieser Stelle reden zu dürfen, möchte ich mich bei den Organisatoren der Tagung herzlich bedanken.

Nun haben Sie es mir jedoch nicht gerade leicht gemacht, indem Sie meinen Beitrag unter die Rubrik "Perspektiven und Lösungsansätze" gestellt haben. Es sind tatsächlich nur Ansätze für Lösungen, die ich hier anbieten kann – und die Perspektive ändert sich ja in dieser schnelllebigen Zeit sowieso ständig und wird in der bildenden Kunst auch nur verwandt, um "die Illusion der räumlichen Tiefe" entstehen zu lassen.

Ich könnte mit genügend Beispielen für Umwidmungen von Kirchen in Brandenburg beginnen: Kürzlich hat eine junge Schauspielerin die Kirche von Briest (Potsdam-Mittelmark) gekauft. Die Sparkasse in der ehemaligen Leopoldsbuger Kirche von Milow (ebenfalls Potsdam-Mittelmark) ist hinlänglich bekannt. Die Buchholzer Dorfkirche (Oberhavel) wird von einem Bühnenbildner als Atelier und Wohnraum genutzt. In der Netzebander Kirche (Ostprignitz-Ruppin) gibt es im Dachgeschoss ein Architekturbüro, während das Kirchenschiff kulturell genutzt wird.

Doch die Umwidmung ist nicht mein Thema – ich soll ja die Lösungsansätze bieten.

In meinen Ausführungen möchte ich mich fast ausschließlich mit Dorfkirchen beschäftigen, oder anders gesagt, mit Kirchen im ländlichen Raum. Über die Umnutzung, Umwidmung und die Aufgabe von Kirchengebäuden in den größeren Städten wird genug gesprochen und geschrieben. Die Frage der Erhaltung von oftmals recht bescheidenen Kirchen in Ortschaften mit zum Teil weniger als 100 Bewohnern muss anders gestellt werden als die nach der Zukunft von historisierenden Großbauten des 19. Jahrhunderts oder von modernen Gemeindezentren der Nachkriegszeit in Großstädten. Und unser Problem ist, dass jedes Dorf über eine eigene Kirche verfügt. Vom Bauboom nach 1945, der anderswo zu riesigen Problemen mit inzwischen überflüssig gewordenen Kirchenbauten der Moderne führt, sind wir allerdings verschont worden.

Vor drei Wochen titelte die Berlin-Brandenburgische Kirchenzeitung "Geht die Kirche pleite?" Auf mein Thema bezogen, könnte man die Fragestellung erweitern: Ist ehrenamtliches Engagement der einzige und letzte Rettungsanker zur Erhaltung der über 1.500 Kirchengebäude im Land?

Ich möchte mit einigen Beispielen beginnen:

Im Herbst 1997 bot die etwa 200 Jahre alte Dorfkirche in dem direkt an der Havel gelegenen 50-Einwohner-Ort Saaringen (nur wenige Kilometer östlich der Stadt Brandenburg gelegen) einen reichlich desolaten Anblick. Teile des Gesimses waren herausgebrochen, tragende Balken im Dachstuhl kaputt und im Inneren hinderte nur der schlichte Kanzelaltar die gipsgeputzte Zwischendecke vor dem endgültigen Abstürzen. Die überforderte Kirchengemeinde stellte einen Antrag auf Streichung aus der Denkmalliste und Genehmigung des Abbruchs.

In Saaringen stieß diese Entscheidung allerdings auf heftigen Widerstand. Der Förderkreis Alte Kirchen bot sich als Vermittler an. In Gesprächen mit dem Landesdenkmalamt und dem Kulturministerium gelang es, den ersten Abbruch eines Kirchengebäudes im Land Brandenburg nach der Wende zu verhindern.

Schwieriger gestalteten sich jedoch die Gespräche mit der Kirchengemeinde. Das Angebot, eine Notsicherung zu finanzieren, wurde abgelehnt. Ein inzwischen entstandener örtlicher Förderverein übernahm die Kirche in sein Eigentum, um die dringend nötigen Instandsetzungsarbeiten durchführen zu können.

Durch viele Einzelspenden, kostenlose Sachleistungen der beteiligten Baubetriebe, den Einsatz von ABM-Kräften und natürlich durch den Einsatz von Fördermitteln gelang es, innerhalb weniger Jahre, eine vollständige Sanierung durchzuführen.

Für die Nutzung der Saaringer Kirche erarbeitete der Verein bereits frühzeitig ein umfassendes Konzept. Regelmäßig finden Konzerte, Theateraufführungen und Dorffeste unter Einbeziehung des Kirchenraumes statt. Die Kirchengemeinde, die ihr Gebäude bereits aufgegeben hatte, feiert – zu Ostern, Erntedank und Weihnachten – hier wieder Gottesdienste.

Die ehemalige Gutskapelle in Wulkow nordöstlich von Kyritz im Landkreis Ostprignitz-Ruppin ist ein reizvoller polygonaler, oval wirkender Fachwerkbau mit sichtbarer Ziegelausfachung und einem zentralen Dachreiter mit offener Laterne, entstanden 1692/95.

Seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts konnte die Kirche wegen Einsturzgefahr nicht mehr genutzt werden. Die evangelische Kirchengemeinde in dem 65-Einwohner-Dorf wurde trotz Protesten und Kirchenaustritten mit der Nachbargemeinde fusioniert und das Gebäude faktisch aufgegeben.

Im Jahre 2003 ging das Kirchengebäude in den Besitz der politischen Gemeinde, der Stadt Wusterhausen über, deren Ortsteil Wulkow seit der Gemeindegebietsreform ist. Nun ging eigentlich alles recht schnell: Noch im selben Jahr konnte mit Mitteln aus dem Dorferneuerungs-Fonds des Landwirtschaftsministeriums eine umfassende Instandsetzung abgeschlossen werden. Den notwendigen finanziellen Eigenanteil steuerte die Kommune bei. Eine Sanierung der Friedhofsmauer und die Gestaltung des Friedhofs folgten im nächsten Jahr.

Um die weitere Nutzung der Kirche zu gewährleisten, gründete sich im Dezember 2004 der Verein "Kunst- und Kulturkirche Wulkow".

Da durch das zuständige Pfarramt kein Weihnachtsgottesdienst angeboten werden konnte, organisierte man am Heiligen Abend in Eigenregie eine Andacht, zu der die meisten der Dorfbewohner erschienen. Die kulturelle Nutzung der Wulkower Kirche ist bescheiden, jedoch völlig ausreichend, um den Bestand des historischen Dorfmittelpunktes langfristig zu sichern.

Der Ort Küstrinchen in der Uckermark, abseits der Landstraße mitten im Walde, hat 49 Einwohner, von denen acht nominell noch zur Evangelischen Kirche gehören. Malerisch in der Mitte des Dorfes steht eine bescheidene barocke Saalkirche, die noch vor knapp fünf Jahren nach einer langen Zeit der Nichtnutzung und des Verfalls akut vom Einsturz bedroht war. Erst ein Fernsehbericht brachte dem in Vergessenheit geratenen Kirchengebäude wieder Aufmerksamkeit, der Landkreis nahm es in die Denkmalliste auf.

Der Förderkreis Alte Kirchen begann, nach Konzepten für eine Notsicherung zu suchen. Gespräche mit den Einwohnern des kleinen Ortes brachten ein erstaunliches Ergebnis: viele schienen nur darauf gewartet zu haben, dass jemand die Initiative ergreift und sagten spontan ihre Mitarbeit zur Rettung der Dorfkirche zu. Die anfängliche Skepsis der Kirchengemeinde im benachbarten Städtchen Lychen, die das Gotteshaus mangels Gemeinde längst abgeschrieben hatte, konnte ausgeräumt werden. Ein erstes Gutachten für die Sicherung des besonders gefährdeten Daches über dem Kirchenschiff wurde in Auftrag gegeben, ein Konzept für eine Vergabe-ABM erarbeitet. Der Förderkreis Alte Kirchen beteiligte sich mit etwa 20.000 Euro an den Instandsetzungsmaßnahmen, weitere Gelder kamen vom Landkreis, dem Amt für Flurneuordnung, der Kirchengemeinde und einer kleinen privaten Stiftung. Ein inzwischen gegründeter örtlicher Förderverein konnte umfangreiche baubegleitende Maßnahmen in Eigenleistung erbringen und weitere Spenden einwerben. Relativ schnell war es möglich, Dachstuhl und Dachhaut instand zu setzen. Das Richtfest war ein großes Ereignis in dem kleinen Dorf und zum Einweihungs-Gottesdienst (dem ersten nach über 30 Jahren) kamen etwa drei mal so viele Besucher als das Dorf Einwohner hat.

Inzwischen konnte auch der Turm saniert werden. Das Gesims ist neu aufgemauert. Und im vergangenen Jahr konnten wir als Geschenk einer Gemeinde aus dem Rheinland, die ein Gemeindezentrum aus den 60er Jahren aufgegeben hatte, zwei Bronzeglocken sowie ein Orgelpositiv nach Küstrinchen vermitteln.

Die Dorfkirche von Strehlow, ebenfalls in der Uckermark, wurde in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 leicht beschädigt und anschließend vom kommunistischen Bürgermeister des Ortes zur Gewinnung von Baumaterial für Neusiedlerhäuser freigegeben. Auf der Südseite des Kirchenschiffes ist deutlich zu erkennen, dass ein großer Teil der sorgfältig behauenen Granitquader aus dem Mauerverband gebrochen wurden. Dachdeckung und Dachstuhl wurden abgetragen, so dass die Mauerkrone Jahrzehnte lang ungesichert war. Die Holzkonstruktion des Turmes mit seiner komplizierten Fachwerkkonstruktion und der vorgebauten Wetterschale waren durch Witterungseinflüsse stark beschädigt.

Bereits vor einigen Jahren finanzierte der Förderkreis Alte Kirchen ein Gutachten für die Notsicherung der Ruine. Erst ein Eigentümerwechsel ermöglichte jetzt die Rettung des Denkmals. Die örtliche Agrargesellschaft, deren Haupteigentümer ein Nachkomme der ehemaligen Patronatsfamilie ist, kaufte die Strehlower Kirche zu einem symbolischen Preis und sicherte den Turm sowie die Mauerkrone. Neben der Deutschen Stiftung Denkmalschutz beteiligte sich auch der Förderkreis Alte Kirchen an den Kosten. Langfristig geplant ist jedoch nicht nur die Notsicherung, sondern der vollständige Wiederaufbau.

Laut Nutzungskonzept der Agrargesellschaft soll die Kirche anschließend für kulturelle und soziale Zwecke genutzt werden. Vorgesehen sind jedoch ausdrücklich auch wieder Gottesdienste.

Mit diesen Beispielen wollte ich zeigen, dass es bei unseren Dorfkirchen in der Regel gar nicht um eine "Umwidmung" oder Umnutzung geht. Bereits mit relativ bescheidenen Nutzungserweiterungen könnten diese Gebäude – unter Beibehaltung des eigentlichen Widmungszweckes – erhalten und bewahrt werden.

Wenn wir uns die wirtschaftlichen, demographischen, aber auch die kirchlichen Gegebenheiten in Brandenburg betrachten, stellt sich natürlich die Frage, wie viele Kirchen in Zukunft überhaupt noch gebraucht werden.

Landesweit gehören noch etwa 20% der Bevölkerung einer christlichen Kirche an. Auch auf Grund des hohen Anteils von Rentnern und Arbeitslosen an der Bevölkerung sind die Einnahmen aus Kirchensteuermitteln gering. Die Zeiten, wo neben der Kirche im Dorf der Pfarrer wohnte, sind, entgegen der Annahme mancher Wochenendbesucher aus der Großstadt, lange vorbei. Ein Landpfarrer hat inzwischen nicht selten 15 und mehr Dörfer – mit eben so vielen Kirchengebäuden – zu betreuen.

In den östlichen Gliedkirchen der EKD leben acht Prozent der Kirchenmitglieder, gleichzeitig stehen hier jedoch 40 Prozent der Kirchengebäude!

Im vergangenen Jahr stand die brandenburgische Kulturlandkampagne "1000 Jahre Christentum" unter dem schönen Titel "Gott in Brandenburg". Aber ist Gott in Brandenburg wirklich noch zu Hause?

Die Strukturreformen in unserer Landeskirche sind noch lange nicht abgeschlossen. Eine flächendeckende kirchliche Versorgung ist in manchen Regionen schon jetzt schwer zu gewährleisten. Weiße Flecken auf der religiösen Landkarte Brandenburgs sind in allernächster Zukunft zu erwarten.

Die besonders in den neuen Bundesländern verbreitete weitgehende Entkirchlichung der Gesellschaft bedeutet nicht nur geringe Einnahmen im Bereich der Kirchensteuern, sondern oft auch eine tiefe Unwissenheit über Geschichte und Symbolik christlichen Lebens. Ohne ein Minimum an Kenntnis dieser christlichen Symbole, Bräuche und Geschichte(n) ist aber kein vernünftiges Verhältnis zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der abendländischen Kultur möglich. Wie etwas soll sich jemand für den Erhalt und die Bewahrung von Dingen einsetzen, von deren Wert (materiell oder ideell) er nicht die geringste Ahnung hat?

Um auch Kindern und Jugendlichen die Kirchengebäude in ihren Dörfern und Städten nahe zu bringen, veranstaltete der Förderkreis Alte Kirchen in diesem Jahr gemeinsam mit dem Bildungsministerium einen Malwettbewerb unter dem Titel "Unsere Kirche – Ein Schatz unseres Heimatortes", der erstaunlich gut angenommen wurde und bemerkenswerte Ergebnisse brachte. Neben den beteiligten Schülern haben sich vielleicht auch einige Lehrer erstmalig intensiver mit "ihrer" Kirche auseinandergesetzt.

Auch ein Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung macht nicht gerade Mut.

Die immer stärkere Ungleichheit der Entwicklung und der Lebensverhältnisse zwischen dem sog. Speckgürtel rund um Berlin und Potsdam sowie den Randregionen – von der Politik verschämt als "äußere Entwicklungsräume" bezeichnet – bringt Joachim Ragnitz vom Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) in Halle auf den Punkt: "Wir müssen die Regionen auswählen, die gefördert werden, und jene, bei denen nur noch der Rückbau organisiert werden kann."

Rückbau organisieren also? – Wozu dann vorher noch die Kirchen sanieren? Vielleicht um sie als Museen einer längst vergangenen Zeit zu nutzen in den neu entstehenden Nationalparks, durch die dann die letzten verbliebenen Einwohner als Ranger japanische Touristengruppen führen?

Der Strukturwandel im ländlichen Raum ist in der Tat gravierend in seiner Schnelligkeit und Endgültigkeit. In Brandenburg gingen mehr als 80 Prozent der ursprünglich in der Land- und Forstwirtschaft vorhandenen Arbeitsplätze verloren. Damit liegt in dem vergleichsweise stark ländlich geprägten Flächenland (Eine Bevölkerungsdichte von 88 Personen je Quadratkilometer entspricht dem zweitniedrigsten Wert im Bundesdurchschnitt.) der Beschäftigungsanteil in der Land- und Forstwirtschaft gerade noch bei 4 Prozent. Die Arbeitslosigkeit hat sich in einigen Gegenden bei über 25% eingepegelt, während Politiker immer noch von Vollbeschäftigung reden. Die Jugend wandert im großen Stil ab, trotzdem ständig neue Spaß- und Erlebnisbäder in den märkischen Sand gesetzt werden.

Gleichzeitig – und das wird häufig übersehen – muss der ländliche Raum sich völlig neu definieren. Die Jahrhunderte alte Rolle als Nahrungsmittelproduzent hat sich stark relativiert. Die Zeiten der Agrarromantik sind passé, scheinbar feste Strukturen zerbrochen.

Das Versorgungsnetz wird immer grobmaschiger: Dorfläden, Postämter, Gaststätten, Sparkassenfiliale, Arztpraxen und Schulen schließen, Bahnlinien werden stillgelegt. In wie vielen Dörfern gibt es noch den Bäcker, den Fleischer oder den Schuhmacher? – Warum um Gottes Willen sollen wir uns dann noch in jedem winzigen Dorf ein Kirchengebäude leisten, in das durchschnittlich alle vier Wochen fünf, zehn oder im günstigsten Falle vielleicht zwanzig Gläubige den Gottesdienst feiern? – Sollten wir nicht im Zeitalter der Globalisierung auch hier in größeren Dimensionen denken, die Hälfte der Kirchen wegen Unwirtschaftlichkeit schließen und nur noch in den jeweiligen Hauptorten eine geistliche Grundversorgung anbieten?

Eigenartigerweise funktioniert das jedoch nicht und in der Regel sind die Proteste bei der angekündigten Aufgabe von Kirchen größer als bei der Schließung der letzten Dorfkneipe und auch Atheisten gehen auf die Barrikaden.

Was aber macht den Wert eines Kirchengebäudes für die Menschen aus?

Man kann an diese Frage zunächst einmal ganz marktwirtschaftlich herangehen. DIE ZEIT vom 12. April 2006 zitiert den Vorstandssprecher der katholischen Bank im Bistum Essen, Heinz-Peter Heidrich mit den Worten: "Der Wert einer Kirche bemisst sich nach dem Grundstückswert minus Abrisskosten."

Das ist doch erst einmal eine kurz formulierte und griffige Definition. Anscheinend gelingt es jedoch vielen Menschen nicht, derart rational mit ihrer Kirche im Dorf umzugehen.

In fast 200 Orten des Landes Brandenburg haben sich inzwischen Fördervereine gegründet mit dem Ziel, das jeweilige Kirchengebäude zu erhalten, es instand zu setzen und zu nutzen.

Oberflächlich betrachtet lassen sich diese Kirchen-Fördervereine in zwei Gruppen einteilen. Da sind erstens die Initiativen, die aus den Gemeinden kommen und ihre Kirche aus einem eher traditionellen Verständnis heraus als Gotteshaus erhalten wollen, dabei durchaus für behutsame Nutzungserweiterungen offen sind. Und da sind zweitens Vereine, die den Kirchenraum für – oftmals recht anspruchsvolle – kulturelle Zwecke nutzen wollen, für Konzerte, Ausstellungen, Theateraufführungen. Letztere Aktivitäten werden oft von neu zugezogenen "Berlinern" initiiert, die der Institution Kirche nicht unbedingt nahe stehen und mit ihren Vorstellungen bei den Gemeindekirchenräten manchmal auf anfängliche Skepsis treffen. Der günstigste Fall ist dort erreicht, wo beide Motivationen aufeinander treffen, wo sich Alteingesessene und "Neu-Dörfler", Gemeindeglieder und Nicht-Christen zusammen für ihr Kirchengebäude einsetzen und gemeinsame Konzepte für eine angemessene Nutzung entwickeln.

Ich möchte hier – fast willkürlich ausgewählt – einige Beispiele vorzustellen:

Das "Kirchlein im Grünen" in Alt Placht (Uckermark) ist während des ganzen Jahres täglich geöffnet. Bei Wochenendtouristen aus Berlin ist die malerisch von 500 Jahre alten Linden umstandene Kirche inzwischen weithin bekannt. Viele nutzen sie nach einem Ausflug in die Natur für eine kurze Zeit der Ruhe und Besinnung. Zu Beginn der 90er Jahre bot der Fachwerkbau einen bedauernswerten Anblick. Ein Schild warnte: "Achtung Einsturzgefahr! Betreten verboten." Ein Gutachten des Kirchlichen Bauamtes hatte bereits einige Jahre vorher angeregt "diesen Schandfleck baldmöglichst zu beseitigen".

Bereits im Frühjahr 1990 fand sich ein Förderverein "aus Ost und West" zusammen. Ein Sponsor stellte über die Deutsche Stiftung Denkmalschutz einen namhaften Einzelbetrag zur Verfügung. Fördermittel wurden beantragt. Viele freiwillige Helfer trugen durch Arbeitseinsätze dazu bei, auch das Umfeld der Kirche zu gestalten. Hilfsarbeiten wurden durch ABM-Kräfte geleistet. Die Ausfachung konnte zu einem großen Teil im Rahmen eines Lehmbauseminars durchgeführt werden. Zum Erntedankfest 1994 wurde nach Jahrzehnten wieder der erste Gottesdienst gefeiert.

Durch die Lage der Alt Plachter Kirche – etwas abseits des kleinen Dorfes, fast mitten im Wald – werden zahlreiche Besucher angelockt. Der Förderverein, ursprünglich als Bauverein gegründet, will durch seine Arbeit im Zusammenwirken z.B. mit der Naturparkverwaltung "Uckermärkische Seen" und der Deutschen Bundesstiftung Umwelt auch das ökologische Bewusstsein fördern und "Religion und Kultur im Zusammenhang mit der Natur erlebbar werden" lassen. Die täglich geöffnete Fachwerkkirche von Alt Placht ist eine "Offene Kirche" im weitesten Sinne des Wortes.

Auch die von den Einwohnern selbst so getaufte "Arme-Leute-Kirche" in Glambeck (Barnim) war bereits aufgegeben, als ein Verein sich für die Sanierung stark machte. Mit großem Engagement, dem Einsatz von Arbeitsförderung und etwas Schlitzohrigkeit gelang es, den dreihundert Jahre alten Fachwerkbau liebevoll instand zu setzen und ihn in die Tourismusplanungen der Region zu integrieren. Heute finden hier gut besuchte Konzerte und anspruchsvolle Ausstellungen statt. Zudem gehört Glambeck zu den ersten zwei "Radfahrer-Kirchen" des Landes Brandenburg.

Die um 1500 entstandene imposante ehemalige Wallfahrtskirche in Alt Krüssow (Prignitz), einem Dorf mit weniger als 100 Einwohnern, war für die Öffentlichkeit lange Zeit in Vergessenheit geraten. Mit einem umfassenden Beitrag über die Baugeschichte in unserer Broschüre "Offene Kirchen" wollten wir den Blick für dieses großartige Denkmal schärfen.

Der Innenraum mit seinen Stern- und Kreuzrippengewölben beeindruckt trotz zerschlagener Fenster und abblätternder Farbe. Die kleine Kirchengemeinde des Dorfes hat sich für ihre Gottesdienste schon vor Jahren in die Nordkapelle zurückgezogen. Ein geschnitzter Annen-Altar sowie eine dahinter befindliche Nische, vermutlich eine Kopie des Heiligen Grabes, erinnern hier an die Zeit, als Alt Krüssow das Ziel von Wallfahrten zur Heiligen Anna, Mutter war.

Der Förderkreis Alte Kirchen finanzierte ein Schadensgutachten, in dem in Bezug auf massive Schäden am Dachstuhl des Kapellenanbaus sogar von Einsturzgefahr die Rede ist.

Die Dachkonstruktion auch des Kirchenschiffes weist konstruktive Schäden auf. Schwellen sind verfault. Die Gewölbe sind durch eindringende Feuchtigkeit schwer geschädigt. Risse in den Längswänden zeugen von statischen Problemen. Das Dekor des Ziergiebels bröckelt.

Seit etwa zwei Jahren gibt es in Alt Krüssow einen rührigen Förderverein, der es geschafft hat, für dieses Jahr einen ersten, bescheidenen, Bauabschnitt zu organisieren, an dem sich auch der FAK mit 5.000 Euro beteiligt.

Das Oderbruch war Schauplatz der letzten verzweifelten Kämpfe des 2. Weltkrieges. Neben unzähligen sinnlosen menschlichen Opfern war auch die Zerstörung zahlreicher Kirchengebäude zu beklagen. Niederjesar gehörte in den 90er Jahren zu einem Pfarrsprengel mit fünf Dörfern und – fünf Kirchenruinen. Die Sanierung und der Wiederaufbau der Niederjesarer Kirche waren nur möglich, weil sich neben Kirchengemeinde und Kommune auch ein Förderverein aktiv mit einbrachte. Inzwischen gibt es in zwei weiteren Dörfern des Sprengels Vereine, die ihre Ruinen wieder zu funktionierenden Kirchen aufbauen wollen.

Beim ersten Benefizkonzert in Gollmitz (Uckermark) vor zehn Jahren mussten die Musiker des Preußischen Kammerorchesters noch Angst um ihre Instrumente haben, weil es durch das undichte Dach ins Kirchenschiff durchregnete. Heute ist durch die Initiative eines Kirchbauvereins der Baukörper vollständig saniert. Gegenwärtig wird ein Konzept für die Gestaltung des Innenraumes erstellt.

Auch die Instandsetzung der Kirche von Blindow (Uckermark) wurde aktiv von einem Förderverein begleitet. Als der Förderkreis Alte Kirchen im Jahre 2003 mit dem Brandenburgischen Denkmalpflegepreis ausgezeichnet wurde, reichten wir das Preisgeld nach Blindow weiter, um die notwendige Schwammsanierung zu unterstützen.

Die Stadt Prenzlau mit verbliebenen ca. 20.000 Einwohnern hat an der Bürde von sieben mittelalterlichen Kirchen zu tragen. Die ehemalige Hauptpfarrkirche St. Marien ist ein herausragendes Architekturdenkmal und prägt Stadt- und Landschaftsbild. Als Bürgerkirche im Mittelalter erbaut, erlebte sie eine umfassende Zerstörung im 2. Weltkrieg, als sie vollständig ausbrannte. Seitdem zieht sich der wiederaufbau über viele Jahre hin.

St. Marien verfügt heute über keine eigene Gemeinde mehr, wird sporadisch kulturell genutzt und wurde in der Gebäudebedarfsplanung des Kirchenkreises unter der Kategorie "Kein Bedarf" eingestuft. Trotzdem sammeln engagierte Bürger der Stadt seit längerem eifrig Spenden, um das historische Geläut wieder herzustellen.

Die Kirche des ehemaligen Prenzlauer Franziskanerklosters gehört der Französisch Reformierten Gemeinde, die eigentlich nur noch auf dem Papier existiert. Ein Förderverein kümmert sich rührend um die Bauunterhaltung und um eine vielfältige Nutzung.

Auch für St. Jakobi in Prenzlau gibt es seit wenigen Tagen einen Förderverein, der u. a. den 1945 zerstörten Turmaufsatz wieder herstellen will.

So viel konzentrierter Bürgersinn in einer Stadt, die über genügend wirtschaftliche und soziale Probleme verfügt, sollte positiv zu denken geben.

Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. (Fast ebenso viele Beispiele ließen sich allerdings aufzählen, wo wir bisher noch keine Lösung parat haben.)

Fast nie gelingt es Vereinen, ein größeres Sanierungsvorhaben allein zu bewerkstelligen. Aber sie sind es oft, die die Initialzündung für die Rettung eines bereits aufgegebenes Denkmal geben und dabei z. T. auch erst mutlos gewordene Gemeindekirchenräte überzeugen müssen.

Der Förderkreis Alte Kirchen sieht seine Aufgabe in der Vernetzung, Unterstützung und Beratung der örtlichen Vereine. Das beginnt manchmal mit der Formulierung einer Satzung, der Formulierung eines Nutzungskonzeptes oder mit der Moderation der Gründungsversammlung. Kontakte zu Behörden, Dienststellen und Stiftungen werden vermittelt, Gutachten in Auftrag gegeben.

Seit fünf Jahren vergibt der Förderkreis Alte Kirchen jährlich ein "Startkapital" für neu gegründete Fördervereine. Bisher konnten 38 Vereine mit insgesamt 87.500 Euro allein auf diesem Wege bedacht werden.

Auch darüber hinaus leisten wir finanzielle Hilfe bei Notsicherungen und Instandsetzungen. In den meisten Fällen müssen wir jedoch auf Bitten um Förderung einen abschlägigen Bescheid geben. Wichtig ist für die engagierten Menschen vor Ort jedoch auch das Gefühl, in ihren Bemühungen ernst genommen zu werden – ein Gefühl, dass ihnen Institutionen und Dienststellen leider nicht immer vermitteln können.

Und nicht zuletzt ist unsere Zusammenarbeit mit den lokalen Vereinen ein ständiges Geben und Nehmen. Auch wir lernen ständig von den Akteuren vor Ort, nehmen ihre Ideen auf, um sie anderswo weiterzugeben.

Eine der wichtigsten Aufgaben, die Vereine vor Ort übernehmen können, ist es, die Kirchen zu öffnen und sie mit Leben zu füllen.

Anlässlich der Einweihung der wieder aufgebauten Dresdener Frauenkirche forderte Bischof Huber: "Wir müssen mehr aus unseren Kirchen machen."

Der Dichter Robert Musil hat das bereits einhundert Jahre früher folgendermaßen auf den Punkt gebracht: "Auch Denkmäler sollten sich heute, wie wir es alle tun müssen, etwas mehr anstrengen! Ruhig am Wege stehen und sich Blicke schenken lassen, könnte jeder; wir dürfen heute von einem Monument etwas mehr verlangen."

Was nützt uns ein perfekt saniertes Denkmal, das ständig verschlossen ist. Nutzung ist die beste Baupflege!

Dass kulturelle Veranstaltungen in Dorfkirchen noch keineswegs eine Selbstverständlichkeit sind, zeigt die erst kürzlich auf einer Kreissynode in Brandenburg geäußerte Meinung eines Superintendenten, "Konzerte ohne kirchentypischen Inhalt gehören nicht in eine Kirche". Vielmehr müsse sich die Kirche als Institution "von ihrem Ballast befreien und sich aufs Kerngeschäft konzentrieren: Verkündigungen, Taufen, Trauungen, Beerdigungen..."

Da liegt es nahe, auch die zahlreichen Kirchengebäude als Ballast und nicht zum Kerngeschäft gehörig zu betrachten ...

Glücklicherweise ist diese Meinung jedoch längst nicht mehr Allgemeingut und die kulturelle Nutzung von Dorfkirchen inzwischen weitgehend Selbstverständlichkeit.

Ein besonders spannendes Projekt wurde für die Kirche in Rosow entwickelt. Das Dorf Rosow bildet den äußersten nordöstlichen Zipfel des Landes Brandenburg. Die nächste größere Stadt ist Stettin. Nur einige hundert Meter hinter dem Ortsausgangsschild liegt der Grenzübergang Pommellen, an dem sich häufig Staus bilden. Nach Rosow selbst verirrt sich selten ein Fremder.

In den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 brannte die mittelalterliche Feldsteinkirche völlig aus. Zu Beginn der fünfziger Jahre wurde das Kirchenschiff mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln wieder hergestellt. Die Gemeinde leistete sich sogar eine neue Orgel, die jedoch auf Grund eindringender Feuchtigkeit bald schon nicht mehr gespielt werden konnte. Die Gottesdienste der nur knapp 40 Mitglieder zählenden Kirchengemeinde finden im benachbarten Pfarrhaus statt; der eigentliche Kirchenraum wurde seit Jahrzehnten nicht mehr genutzt.

Auf Initiative des Gemeindepfarrers sowie des ehrenamtlichen Bürgermeisters und mit Unterstützung des Förderkreises Alte Kirchen wurde vor drei Jahren der "Förderverein Gedächtniskirche Rosow" ins Leben gerufen. Das vom Krieg gezeichnete Gotteshaus wird gegenwärtig zu einer deutsch-polnischen Gedenkstätte für Flucht, Vertreibung und Neuanfang ausgebaut. Angesichts des polnischen EU-Beitritts werden Nachkriegsschicksale beiderseits der heutigen Grenzlinie dokumentiert, Kultur- und Diskussionsveranstaltungen finden statt und Menschen begegnen einander, die sich trotz räumlicher Nähe noch immer ziemlich fremd sind. – Gibt es dafür einen besseren Ort als ein Kirchengebäude?

Der Turm, dessen barocker Fachwerkaufsatz im Kriege ebenfalls zerstört wurde, wird gerade mit Fördermitteln aus dem Pommerania-Programm der EU in modernen Formen wieder aufgebaut. Denkmalpflegerisch ist hier vielleicht nicht der ganz große Wurf gelungen. – Als Zeichen für die Menschen der Region beiderseits der Oder jedoch ist dieser Turmbau eine großartige Sache. Das Richtfest wird vam 13. Oktober stattfinden.

Aber auch jenseits solcher außergewöhnlichen Nutzungsideen gibt es zahlreiche Beispiele dafür, wie Kirchengemeinden, ehrenamtliche Vereine und Kommunen inzwischen ihre Kirchen über den eigentlichen Widmungszweck hinaus (der natürlich erhalten bleibt) für weitere Veranstaltungen zu öffnen:

Auch die Sanierung von Kirchenorgeln durch Vereine könnten hier angeführt werden. So wird nach der Restaurierung durch eine Initiative am Tag des Offenen Denkmals in Ringenwalde (Uckermark) nach Jahrzehnte langem Schweigen erstmals wieder die einzige erhaltene Kirchenorgel von Johann Peter Migendt erklingen.

Ich habe es bereits eingangs betont: Es geht hier nicht um die Findung möglichst spektakulärer "Umnutzungskonzepte".

Eine "marktwirtschaftliche" Nutzung von Kirchengebäuden, speziell von Dorfkirchen, ist nicht möglich. Diese Gebäude lassen sich nicht kostendeckend oder gar gewinnbringend vermarkten. Auf Grund ihrer spirituellen, sozialen und kulturellen Geschichte aber auch wegen der vorhandenen baulichen Raumstruktur der meist denkmalgeschützten Gebäude sind die Nutzungsmöglichkeiten von vornherein eingeschränkt. Außerdem sollten wir stolz darauf sein, in fast jedem Gemeinwesen noch über einen Ort zu verfügen, der sich den marktwirtschaftlichen Zwängen bewusst entzieht.

Gerade deshalb aber ist es auch notwendig, über eine angemessene Öffnung der Kirchengebäude für weitere Nutzungen nachzudenken.

Im Jahr 2000 initiierte der Förderkreis Alte Kirchen sein Projekt "Offene Kirchen" und ermutigte Kirchengemeinden, lokale Fördervereine und Kommunen, die im Normalfall verschlossenen Gotteshäuser für Besucher zu öffnen. Ziel ist es, den zum großen Teil aus Berlin, zunehmend aber auch aus anderen Regionen stammenden Urlaubern zu zeigen, welcher Reichtum an sakraler, künstlerischer und geschichtlicher Tradition sich hinter den Mauern der auf den ersten Blick meist recht bescheiden wirkenden Brandenburgischen Dorfkirchen verbirgt. Gleichzeitig soll aufgezeigt werden, wie bedroht dieser Reichtum in vielen Fällen noch ist.

Auf Wunsch stellen wir den Gemeinden kostenlos Hinweisschilder mit der Aufschrift "Offene Kirche" zur Verfügung, etwa 400 dieser Tafeln sind inzwischen vergeben. Im Jahr 2000 erschien zum ersten mal die Broschüre "Offene Kirchen. Brandenburgische Dorfkirchen laden ein.", damals in einer Auflage von 7.000 Exemplaren, um die erwünschte Werbung und Öffentlichkeitsarbeit zu schaffen. Bei Besichtigungen eingenommene Spendenmittel sollten der Unterhaltung der Kirchengebäude zugute kommen.

Vorbild für unser Projekt waren damals die schwedischen "Wegkirchen". Der Titel Wegkirche wird von der schwedischen Staatskirche vergeben und ist an eine Reihe von Bedingungen geknüpft. Die Kirche muss eine bestimmte Anzahl von Stunden am Tag und eine bestimmte Anzahl von Wochen im Jahr verlässlich geöffnet sein, für den Besucher soll möglichst ein kleiner Imbiss sowie ein Verkaufstisch mit Büchern und CDs sowie die Möglichkeit einer kunsthistorischen Führung angeboten werden.

Diese Kriterien können unserer Meinung nach in den meisten Dörfern Brandenburgs so nicht erfüllt werden. Wir wollten den Gemeinden freistellen, wann und wie sie ihre Kirchen öffnen. In Städten, Orten mit kunstgeschichtlich besonders relevanten Sakralbauten oder in Urlaubsgebieten werden Kirchenöffnungen in den Sommermonaten z. T. über ABM-Kräfte gewährleistet. Anderswo halten ehrenamtliche Helfer die Kirche an den Wochenenden für einige Stunden geöffnet. Vielerorts genügt es auch, Adresse und Telefonnummer der "Schlüsselbewahrer" zu veröffentlichen, die dann bereitwillig das Portal öffnen und über "ihr" Kirchengebäude erzählen. Anekdoten aus dem Dorf- und Gemeindeleben und Authentizität entschädigen in den allermeisten Fällen für mangelndes kunstgeschichtliches Fachwissen.

Im ersten Jahr des Projektes erhielten wir für die Anfertigung der Hinweisschilder finanzielle Unterstützung von der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart sowie für die Broschüre einen Druckkostenzuschuss des Brandenburgischen Landwirtschaftsministeriums. Das Heft, ursprünglich als einmalige Publikation geplant, war von Beginn an so erfolgreich, dass wir gezwungen waren, es jährlich erscheinen lassen. Bereits von der zweiten Ausgabe an arbeiten wir hierbei ohne öffentliche Unterstützung und müssen Herstellung und Druck jeweils vorfinanzieren. Die Autoren der zahlreichen Beiträge zu Architektur, Ausstattung und Denkmalpflege sowie das Redaktionsteam arbeiten ehrenamtlich. Durch die Veröffentlichung von Anzeigen und den Verkauf der Broschüren ist es uns möglich, kostendeckend zu arbeiten; d.h. wir erwirtschaften kaum Gewinn, müssen jedoch auch keine finanziellen Verluste hinnehmen. Die Auflage hat sich bei 12.500 Exemplaren eingepegelt, die über Buchhandlungen, Tourismusämter, Heimatmuseen und die beteiligten Kirchengemeinden vertrieben werden. Den Preis halten wir mit derzeit 3,50 € pro Heft absichtlich relativ niedrig, um möglichst viele Broschüren verbreiten zu können.

In der aktuellen Ausgabe sind im Adressteil, der durch eine übersichtliche Landkarte ergänzt wird, etwa 650 Kirchen im Land Brandenburg verzeichnet. Für viele Besucher ist die Broschüre inzwischen ein ständiger Begleiter bei Wochenendausflügen und immer öfter werden an Hand der verzeichneten Angaben auch ganze Exkursionen zusammengestellt.

Der durchaus erwünschte Nebeneffekt ist der, dass mit den "Offenen Kirchen" die Gebäude nicht nur den Besuchern von außerhalb nahegebracht werden, sondern durchaus auch den Bewohnern der Dörfer selbst, die – sofern Nicht-Gemeindeglieder – ihr Gotteshaus erstaunlich oft noch nie von innen gesehen haben.

Natürlich stehen die Besucher vor vielen brandenburgischen Dorfkirchen noch nicht in langen Schlangen, aber die Aktion findet über die Jahre hin immer mehr Resonanz. Vor einiger Zeit hatte ich die Gelegenheit, das Projekt Offene Kirchen" auf einer Tagung zum Thema "Denkmalpflege und Tourismus" vorzustellen. Meine drei Vorredner berichteten über die Wieskirchen, die Klosterinsel Mainau und die Innenstadtkirchen von Lübeck (alle drei zum Weltkulturerbe gehörig) und entwickelten Ideen, wie aus konservatorischen Gründen die Besucherzahlen gesenkt werden könnten. Ich kann Sie beruhigen: Davon sind wir noch weit entfernt.

Die Kirchenöffnungen wie auch die von mir zuvor aufgezählten kulturellen Aktivitäten sind nicht möglich ohne eine Vielzahl ehrenamtlicher Helfer. Und auch den baulichen Unterhalt der Kirchen werden die Kirchengemeinden allein nicht bewältigen können. Ich wünsche mir langfristig für jedes Kirchengebäude in Brandenburg einen Förderverein, der sich für die Erhaltung und Nutzung einsetzt und zugleich das soziokulturelle Leben auf dem Lande bereichert.

Zu wünschen ist aber auch, dass das bereits vorhandene bürgerschaftliche Engagement in der Öffentlichkeit mehr Würdigung erfährt. Georg Dehio sagte bereits 1902, anlässlich der Veröffentlichung des Denkmalschutzgesetzes für das Großherzogtum Hessen-Darmstadt:

"Der Staat kann, so unerlässlich sein Eingreifen ist, die Aufgabe nur halb lösen. Der Staat hat nicht Augen genug, er kann nicht all das viele und kleine, auf das es ankommt, sehen; einen ganz wirksamen Schutz wird nur das Volk selbst ausüben, und nur wenn es selbst es tut, wird aus den Denkmälern lebendige Kraft in die Gegenwart überströmen."

Ein Satz, der heute noch vollste Gültigkeit hat. Nur sollte "der Staat" (und damit meine ich Bund, Länder, Landkreise und Kommunen, aber auch Landeskirche und Kirchenkreise) "das Volk" auch entsprechend unterstützen. Die Streichung des Dach-und-Fach – Programmes durch die Bundesregierung zugunsten der Erhaltung von drei Berliner Opernhäusern im Jahre 2003 war nicht nur eine Katastrophe für den Denkmalschutz in den neuen Bundesländern, sondern auch eine Ohrfeige für alle die, die sich ehrenamtlich für die Erhaltung von Denkmalen engagieren.

Außerdem möchte ich an dieser Stelle noch einmal eindringlich an die brandenburgische Landesregierung appellieren, endlich einen Denkmalfonds einzurichten. Seitdem die Denkmalpflegemittel 1994 über das Gemeindefinanzierungsgesetz direkt in die Verfügung der Kommunen gegeben und damit jegliche Einflussmöglichkeit auf die tatsächliche Verwendung aus der Hand gegeben wurde, ist Brandenburg das einzige Bundesland ohne einen originären Etat, aus dem dringend notwendige Arbeiten zur Notsicherung und Substanzerhaltung von Denkmalen bezahlt werden können. Dies erschwert die Arbeit der institutionellen Denkmalpflege genau so wie die der ehrenamtlich Tätigen und ist ein Bundeslandes nicht würdig, das sich in seiner Verfassung mit dem Begriff "Kulturstaat" schmückt.

Wo es derzeit nicht möglich ist, Menschen vor Ort zu aktivieren, möchte ich trotzdem vehement von Entwidmung und Abriss abraten. Lassen Sie uns die entsprechenden Denkmale, die vielleicht zur Zeit wirklich nicht gebraucht werden, mit bescheidenen Mitteln in den "Wartestand" versetzen.

Bischof Huber sagte zur Eröffnung der Herbstsynode der EKBO im November 2005: "Wir haben kein Recht dazu, dass eine Frage, die wir nicht lösen können, einer nächsten Generation gar nicht mehr gestellt werden kann. Auch Kirchengebäude, die nicht kurzfristig in stand zu setzen sind, behalten alles Recht auf ihrer Seite, von einer nächsten Generation zu neuer geistlicher Kraft und zu neuem Leben erweckt zu werden."

Wir werden unsere Landeskirche gegebenenfalls an diesen Satz erinnern.

Vor einigen Jahren wurde der Förderkreis Alte Kirchen dafür kritisiert, dass er sich finanziell und organisatorisch um die Notsicherung der Kirchen in Malchow und Weselitz gekümmert hatte, da die Gebäude für die Verkündigung nicht mehr benötigt würden. In beiden Fällen konnte mit vergleichsweise geringen Mitteln Dachstuhl und Dachhaut notgesichert werden, um einen Substanzverlust für zehn oder fünfzehn Jahre zu verhindern.

Unsere schriftliche Antwort lautete: 1.) Wir sind in erster Linie ein denkmalpflegerischer Verein, glauben jedoch, dass wir 2.) mit den Notsicherungen auch kirchliche Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Denn dort, wo der Kirchturm eingestürzt ist, ist recht bald Kirche auch als Institution nicht mehr präsent.

Zum Schluss meiner Ausführung kommend, möchte ich noch einmal dringend Achtung vor unserem kulturellen und religiösen Erbe anmahnen. Es ist für mich schlicht und einfach unverständlich, wenn über die Aufgabe von Kirchengebäuden gesprochen wird, die über Jahrhunderte hinweg von ihren Gemeinden durch wesentlich schlechtere Zeiten als die heutige erhalten und die nach Kriegen und wirtschaftlich bedingten Wüstungsperioden immer wieder aufgebaut wurden.

In den Dörfern sind die Kirchengebäude nicht nur die optischen Mittelpunkte, sondern vielfach auch die letzten verbliebenen öffentlichen Räume. Sie sind die Kristallisationspunkte der kulturellen und geistigen Entwicklung eines Gemeinwesens. Sie zu erhalten, ist nicht nur eine Aufgabe der Kirchengemeinden und der Kirchenleitung, sondern der gesamten Gesellschaft.

Ich bitte deshalb darum, nicht inflationär mit den Begriffen "Umnutzung" oder "Umwidmung" umzugehen. Mit bescheidenen Nutzungserweiterungen ist vielfach der Erhalt und die Rettung einer Kirche möglich.

Vor wenigen Tagen las ich über die Agende, in der die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) Empfehlungen für die Liturgie zur Aufgabe nicht mehr benötigter Kirchen gibt. Der Abschiedsgottesdienst sollte folgendermaßen beendet werden: "Der Träger der Osterkerze geht als erster aus dem Haus, der Träger der Taufschale schließt sich an, dann folgen die Träger der Kanzelbibel, des Antipendiums, der Abendmahlsgeräte und anderer Kerzen. Nach den Trägern kommt die Kantorei, dann folgen die Mitglieder des Kirchengemeinderates oder, je nach Sprachgebrauch, des Kirchenvorstandes, die Liturgen und der Leiter des Gottesdienstes. Danach folgt die Gemeinde, beginnend mit der ersten Reihe. Wenn das Schlusslied zu Ende ist, schließt sich auch der Organist dem Zug an. Nach dem Lied können die Glocken ein letztes Mal erklingen."

Als ich dies las, ging mir der sarkastische Gedanke durch den Kopf: Bei uns in Brandenburg ist es vielerorts gar nicht möglich, eine Kirche aufzugeben, weil nicht einmal genügend Gemeindeglieder geblieben sind, um die liturgischen Geräte herauszutrage, von Kantorei und Organist ganz zu schweigen...

Aber bewahren wir uns einen Rest von Optimismus!

Vor einigen Monaten erntete ich Kritik von einem brandenburgischen Landrat, als ich in einem Redebeitrag ein Zitat von Joseph Roth verwendete, dass dieser 1926 über seine galizische Heimat gebrauchte: "Es gibt hier mehr Kultur, als die mangelhafte Kanalisation vermuten lässt." – Der Mann hat recht. Inzwischen ist die Kanalisation auch in den neuen Bundesländern in einem hervorragenden Zustand. Wir haben also die Gelegenhit, uns um die Erhaltung der verbliebenen Kulturdenkmäler zu kümmern.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!