Nutzungserweiterung als Voraussetzung für bauliche Erhaltung

Ansprache von Generalsuperintendent Hans-Ulrich Schulz auf der Tagung von Kirchen-Fördervereinen in Templin am 20.10.2001

Das Sprichwort ,,die Kirche im Dorf lassen" hat sich als mächtiger Slogan erwiesen. Ich habe noch niemanden getroffen, der dagegen wäre, aber sehr viele, die sich mit großem Eifer dafür einsetzen, dass die Kirche im Dorf bleibt. Als Generalsuperintendent des weiten ländlichen Raums, auf den Gott unsere Füße stellt, könnte ich eigentlich auch ständiger Mitarbeiter der schönen ORB-Serie ,,Landschleicher" sein. Mein kirchlicher Auftrag ist mit einer sehr angenehmen Zugabe verbunden. Ich kriege an jedem Wochenende eine neue Lektion Heimatkunde und stoße auf ein Phänomen, das wir noch gar nicht genug bestaunt und bedacht haben. Da ist so eine Art Mach-mit-Wettbewerb im Gange. Wer ist die schönste im ganzen Land heißt die unausgesprochene Preisfrage. Wer ist die schönste.. Kirche: In der säkularisierten Gesellschaft, im der Kirche soweit entfremdeten Osten, ist der Zustand des Kirchengebäudes - .nun ja, eine Frage der Ehre über Konfessions- und Weltanschauungsgrenzen hinweg. Die Kirche in Ordnung zu haben ist nicht nur der Stolz der Kirchengemeinde, sondern wird von der Kommune als kultureller Standortvorteil geschätzt. Die Christenmenschen, die doch geneigt sind, zu sagen: Auf den Inhalt kommt es an, auf das Wort Gottes und die Sakramente, die verhältnismäßig wenigen Kirchengänger im Sinne von Gottesdienstteilnehmer, die sich in den viel zu großen Kirchen verlieren, sind ganz verdutzt über die große Koalition, die der Slogan:" die Kirche im Dorf lassen" auf die Beine stellt: Konzertagenturen, Tourismus-Unternehmen, Heimatfreunde und natürlich Denkmalpfleger.

Ich will erstens sagen, dass wir diese große Koalition bejahen und uns herzlich darüber freuen, ja mehr noch: wir sind darauf angewiesen. ,,Der Erhalt vieler gefährdeter Kirchen wird davon abhängen, ob es der Kirche gelingt, potente Partner zu finden und geeignete Nutzungskonzepte zu entwickeln." (Stellungnahme der Kirchenkonferenz der EKD) Potente Partner sind natürlich in erster Linie die Kirchbauvereine. Warum eigentlich nicht noch viel mehr Universitäten, Volkshochschulen und Bibliotheken?

Ich will zweitens sagen: Die große Koalition wird halten, was sie verspricht, nämlich die Kirche im Dorf zu lassen, wenn die Beteiligten sich ihrer eigenen Identität gewiß und deshalb konflikt- und kompromissfähig sind. Konflikte können bei einem so heißen Eisen wie der Nutzung von Kirchen nicht ausbleiben.( Es ist hoch spannend, die Auseinandersetzung über den Tempel in der Bibel zu verfolgen.) Kompromisses sind unvermeidbar. Dies zu wissen und sich gegenseitig ehrlich einzugestehen, ist die beste Voraussetzungen für eine Partnerschaft. Wir als Kirche kommen unseren Partnern entgegen, indem wir sagen: Es kommt genauso darauf an, das Dorf in der Kirche zu lassen. Wir können nicht einerseits sagen: Lasst die Kirche im Dorf und uns andererseits mit dem Mitglieder- (und Einnahme-)schwund durch Austritte und die demografische Entwicklung einfach abfinden. Die Kirche soll im Dorf bleiben, damit das Dorf in die Kirche kommt.

Die in der Evangelischen Kirche neue Wertschätzung des Kirchengebäudes ist nicht eine Rückkehr zu einer Theologie des heiligen Raumes, sondern hat mit der Einsicht zu tun, dass das Äußere für den Inhalt nicht belanglos ist. Wir lernen von außen nach innen. Anschauung, Erfahrungen und Erlebnisse, das ,,Sinnliche" geht dem Verstehen immer voraus. Wir kehren deshalb nicht gleich zum Weihrauch zurück, aber wir lernen, dass das protestantische Prinzip ,,allein durch das Wort" z.B. in einem kalten, verkramten Raum ohne Ausstrahlung und Atmosphäre weiter nichts wäre als eine theologische Sprechblase. Den Urnzug des Gottesdienstes aus den Kirchen in die Gemeinderäume( wie vielfach auf dem Dorf geschehen) haben uns die Märker mit sicherem Gespür übel genommen. "Immer nur beim Pastor inne Stube is ja auch nichts." Bauer Jochen aus der Prignitz hat damit dasselbe gesagt wie wir in unserer Orientierungshilfe:

,,Kirchen verweisen symbolisch auf die Anwesenheit Gottes in der profanen Welt." Sie sind das sichtbare Zeichen dafür, dass Gott unter uns Wohnung nimmt. Insofern transportiert eine heruntergekommene Kirche die verheerenden Botschaft der Gottverlassenheit. Und andererseits sind über das einladende Kirchengebäude Menschen erreichbar, die auf keinem anderen Weg erreichbar wären.

Wir haben es in diesem Terror- und Kriegsherbst erneut erlebt. Menschen finden ja den Weg in die Kirche.(und gehen eben nicht in die Turnhalle, in die Kirche!) Um was zu suchen? Kluge Analysen, politische Statements, Diskussionen? Nein, sie haben sich uralte Texte, Gebete und Lieder, Kerzen, den Kirchenraum. und das Personal gleichsam ausgeliehen. Und: sie haben sich in ihrer Seelennot darauf verlassen, wo Kirche dran steht ist auch Kirche drin.

Diese Verläßlichkeit ist die Voraussetzung der öffentlichen Nutzbarkeit. Wir müssen uns schon sehr anstrengen, zu sagen, was nicht in der Kirche stattfinden kann, wenn diese Voraussetzung stimmt. Als "Grenzziehung könnte ich mir eine aus dem Neuen Testament geborgte Linie vorstellen", heißt es in einem Gutachten. Danach haben die Geldwechsler und Taubenverkäufer, die Zauberer (also der esoterische Firlefanz und Geheimwissen) sowie der als porneia bezeichnete Bereich in der Kirche nichts zu suchen. Das leuchtet wahrscheinlich jedem unmittelbar ein, in der Praxis ist es aber schwieriger, die Grenzen zu ziehen. Wie soll sich denn der Gemeindekirchenrat verhalten, wenn in der Kirche eine Party angesagt ist. Nichts gegen Frohsinn, aber wenn eine Jeansfirma die location Kirche sucht, um den Mitarbeitern und Kunden mal was anderes zu bieten als eine Dampferfahrt. In Berlin sollte ein internationaler Hurenkongress mit einem Gottesdienst eröffnet werden und der Pfarrer meinte, das könnte man den Damen nicht abschlagen. Was meinen Sie, was im Konsistorium los war.

Ich kenne Gemeindekirchenräte und Pfarrer, die vor lauter Angst etwas falsch zu machen, Grundsatzbeschlüsse fassen, nach denen die Kirche nur für Gottesdienste und geistliche Konzerte benutzt werden kann. Meiner Ansicht nach liegt hier theologische Denkfaulheit vor. Wir können der Zweideutigkeit der Mehrfachnutzung nicht prinzipiell entgehen Wir müssen uns ihr stellen und die Zweideutigkeit als Herausforderung. an angewandte Theologie begreifen. Dass die Kirche wohl für alle, aber keineswegs für alles offen ist, muss die unterscheidende Kraft des Glaubens mobil machen. Prüfet alles, sagt Paulus, und behaltet das Beste.

Die Orientierungshilfe kann deshalb auch keine 1 zu 1 umsetzbare Handlungsanweisung für alle Fälle des Lebens sein. Sie ist notwendiger Weise unvollständig und beispielhaft. Sie markiert an einigen Stellen die offene Grenze zur Welt da draußen. So kann es unter dem Kreuz (das wir nicht abhängen) keine gewaltverherrlichenden Veranstaltungen geben, oder solche, die die Menschenwürde in Frage stellen. Fremde Kulte und Rituale nichtchristlicher Religionen fallen aus Und die offensichtliche Inanspruchnahme der Kirche für kommerzielle Zwecke muß abgewiesen werden.,(Das Werbeplakat am eingerüsteten Kirchturm ist schon wieder ein Grenzfall, ebenso die Nutzung des Kirchturms als Tower eines Mobiltelefonnetzes.) Der schrecklichste Sündenfall, an den wir uns jetzt in Potsdam erinnern, ist die Inanspruchnahme der Garnisonkirche für Goebbels schändliche Inszenierung, die als Tag von Potsdam leider auch in die Kirchengeschichte eingegangen ist.

Theologische Wachsamkeit, das Problembewußtsein für die Gefahr des Missbrauchs ist die Bedingung für die Öffnung der Kirche. Warum soll Günther de Bruyn nicht sein neues Buch in der Kirche vorstellen? Zu einer Freisprechung der Gesellen sollte die Kirchengemeinde die Schornsteinfeger und Zimmerleute selbstverständlich in ihrem zünftigen Outfit freudig begrüßen (nicht nur weil Jesus selber Handwerker war). Preisverleihungen, Schulentlassungsfeiern, die Versammlung der aufgebrachten Bürger, denen die Abwasserpreise über den Kopf wachsen, Ausstellungen und Konzerte. Diese nicht kirchlichen Veranstaltungen werden nicht daran gemessen, ob sie der Würde des Raumes angemessen sind. Sie sind möglich, wenn sie der besonderen Bestimmung als Kirche nicht zuwiderlaufen. Es gilt die Regel: Wer nicht gegen uns ist, ist willkommen. Ich könnte mir vorstellen, dass die anerkannte Gemeinnützigkeit eines Vereins eine wichtige Rolle spielt bei der Frage, ob die Jahreshauptversammlung in der Kirche stattfinden kann. Kirchengemeinde und Bürgergemeinde sind zu unterscheiden, sie haben verschiedene Mandate, aber sie stehen doch nicht in feindlichen Lagern. Alle Mitglieder der Christengemeinde sind zugleich Mitglieder der Bürgergemeinde. Im Bereich der guten Werke kommt es zu einer Überschneidung der Mandate. Die Zusammenarbeit für das Gemeinwohl, z.B. bei der Vorbereitung des Dorffestes, erlaubt und gebietet gemeinsame Nutzung der Kirche.