Kulturlandschaften sind immer in Bewegung

Gespräch mit Prof. Dr. Detlef Karg über Bilanz und Zukunftsaussichten der Denkmalpflege im Land Brandenburg

Prof. Dr. Detlef Karg ist seit 1991 Landeskonservator und Direktor des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und wird 2012 in den Ruhestand gehen. Das Gespräch führte Bernd Janowski.

Engagierte Denkmalpflege gab es auch in der DDR. Trotzdem eröffneten sich nach 1989/90 völlig neue Chancen für die Erhaltung und Sanierung von Denkmalen. Wie haben Sie diese Aufbruchszeit erlebt und empfunden?

Ja, das war in mehrfacher Hinsicht eine Aufbruchszeit. Bereits im März 1990 trafen sich auf der Wartburg Landeskonservatoren aus den alten Bundesländern mit Denkmalpflegern aus der DDR. Wir gingen davon aus, dass die Denkmalpflege, dass insbesondere die Methodik der Denkmalpflege unabhängig von der zu dieser Zeit noch bestehenden politischen Grenze wirken müsse. Für uns gab es damals drei große Themenfelder: die Städte, denen weitere Flächenabrisse drohten, die Schlösser und Herrenhäuser mit ihren Gärten und Parks und schließlich die Kirchengebäude, die einen ganz besonderen Stellenwert im Gemeinwesen besitzen.

Wie viele profane Denkmale auch, waren eine große Anzahl von Kirchen in einem sehr bedrohlichen Zustand. War es nicht für viele Gebäude eine Rettung buchstäblich im letzten Moment?

Von kirchlicher Seite gab es anfangs einen Optimismus, den wir Denkmalpfleger angesichts des bedenklichen Zustands der meisten Kirchen nicht teilen konnten. Als dann Ende der Neunzigerjahre im Kirchlichen Bauamt zahlreiche Stellen abgebaut wurden, erwartete man von der staatlichen Denkmalpflege, dass sie sich verstärkt der Kirchen annimmt. Diesem Ansinnen hatten wir ohnehin schon im Rahmen des Dach- und Fach-Förderprogramms des Bundes – ein Notsicherungsprogramm -, das seit Anfang der 1990er-Jahre wirkte, aber 2003 leider beendet wurde, entsprochen. Zeitweise haben wir bis zu 80 Prozent der Mittel für die Sicherung und Sanierung der gefährdeten Kirchen eingesetzt. Das war nicht immer leicht zu vermitteln. Doch unabhängig von ihrem Sinngehalt sind Kirchen Zeugnisse der Geschichte und Baukultur, die unsere Kulturlandschaft über Hunderte von Jahren prägten und noch immer prägen. In Diskussionen vor Ort habe ich oft erlebt, dass auch "Kirchenfremde" vehement protestierten, wenn über die Aufgabe einer Kirche auch nur diskutiert wurde.

Andererseits gab es auch Stimmen, die Denkmalpflege für überflüssig hielten und der Meinung waren, angesichts des Elends auf der Welt wäre es unnötig, für viel Geld alte Gemäuer instand zu setzen.

Die habe auch ich gehört. Für die Rettung der desolaten Kirchenbauten aber war es für uns unabdingbar, so schnell wie möglich die bauliche Hülle zu sichern und das Dach dicht zu machen. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass wir damals richtig gehandelt haben.

Ein schönes Beispiel ist für mich Wolfshagen in der Uckermark: Hier hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass wir es nicht schaffen und einem Abriss der Kirche ins Auge blicken müssen. Wir hatten in Wolfshagen einen wahren Parforceritt unternommen, um ein ganzes Dorf mit der Gesamtheit seiner Denkmale von nationaler Bedeutung zu erhalten; und die Kirche gehörte dazu. Die Bevölkerung war damals abwehrend. Auch der Pfarrer, der weitere sieben Kirchengebäude zu betreuen hatte, war der Meinung, dass die Wolfshagener Kirche nicht mehr gebraucht würde. Überdies war sie als ehemalige Gutskirche im kommunalen Besitz. Es gab harte Diskussionen; aber wir haben es geschafft. Die Kirche ist saniert und Teil eines wunderbaren Denkmalensembles. Auch die anderen sieben Kirchen des Sprengels sind inzwischen in einem guten Zustand. Nur leider sind sie oft verschlossen…

Vermutlich wird in Zukunft unser Hauptproblem sein: Wer geht in die aufwändig sanierten Kirchen überhaupt noch rein? Wie soll die Gesellschaft mit Kirchengebäuden umgehen, die in absehbarer Zeit von ihren Gemeinden nicht mehr gebraucht werden?

Es ist richtig: Wir werden nicht mehr überall Menschen haben, die die Kirchen für den Gottesdienst benötigen; also müssen wir uns Gedanken über neue Nutzungen machen und entsprechende Ideen entwickeln. Die meisten Kirchen besitzen mit ihrer Ausstattung bedeutende Kulturschätze, deren Wert viel stärker bewusst gemacht werden sollte, besser: muss. Jede Möglichkeit, diese Schätze publik zu machen, wird von uns unterstützt. Unsere jüngst erschienenen Veröffentlichungen stehen dafür.

Was soll mit der Ausstattung von Kirchen geschehen, die vielleicht irgendwann stillgelegt werden müssen, weil keine Gemeinde mehr da ist. Bringt man sie ins Museum oder richtet Depots ein?

Wir sollten unser Kunstgut nicht irgendwo konzentrieren. Kulturlandschaften sind immer in Bewegung, und Entwicklung kann man nicht eindeutig vorhersagen. Es gibt immer auch Chancen. Wir sollten also unsere Kirchen nicht entleeren. Wenn wir uns wirklich bewusst werden, was wir mit und in unseren Kirchen für Schätze haben, kann die Entscheidung nicht heißen, einfach den Schlüssel umzudrehen und die Augen zu schließen. Es gibt ja auch ein kulturelles und touristisches Interesse an diesen Gebäuden.

Als Denkmalpfleger müssen wir immer die gesamte Entwicklung des ländlichen Raumes im Blick haben. Nehmen wir das Gebiet um Freyenstein und Wittstock in der Prignitz: Jahrelang wurde nebeneinander gearbeitet. Hier gruben die Archäologen; dort kämpften die Denkmalpfleger um das Schloss. Dann veranstaltete das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz einen Studenten-Workshop zum Sammeln von Ideen, die weit über Freyenstein und Wittstock hinausgingen. Schließlich entstand unter Federführung der Stadt Wittstock und mit dem wirksamen Einsatz von Mitteln aus der agrarstrukturellen Förderung ein weiträumig angelegtes Entwicklungskonzept, das sich wesentlich auf den Denkmalbestand und damit auch die Kirchen gründet. Es gibt durchaus in die Zukunft weisende Entwicklungen, insbesondere dann, wenn wir das kulturhistorische Erbe, also auch die Kirchen, als Standortfaktor nutzen.

Oder das Beispiel Radensleben: Auf dem dortigen Campo Santo neben der Kirche liegt die Grabstelle des ersten preußischen Landeskonservators Ferdinand von Quast. Mein dringendes Anliegen war es, diese Grablege würdig zu präsentieren – eine wohl nicht zu bestreitende Verpflichtung für einen brandenburgischen Landeskonservator. Heute ist nicht nur die Grabstelle, sondern der gesamte Campo Santo und auch die Kirche restauriert und in ein Tourismusprogramm einbezogen, von dem das ganze Dorf zehrt und zehren kann, denn die entsprechenden Aktivitäten lassen sich mehren.

Nun sind Wolfshagen in der Uckermark oder Radensleben im Ruppiner Land eine Art regionaler Leuchttürme. Müssen wir uns abseits dieser Leuchttürme auch auf Verluste einstellen?

Ja, wir werden im Land Brandenburg künftig nicht nur Klosterruinen wie in Chorin, in Boitzenburg oder in Gramzow begegnen, sondern auch Kirchenruinen. Wir werden lernen müssen, auch mit diesen zu leben. Aber die zu vermutenden Verluste sind der Entwicklung zu überlassen, sie sind nicht im Vorhinein festzulegen. Wenn wir auf die Entwicklung Einfluss nehmen, das müssen wir wohl, dann müssen sich Hoffnungsprinzip und Verantwortungsprinzip paaren. Deshalb halte ich von Schlagworten wie "Stärken stärken" nicht viel, denn sie könnten im Umkehrschluss zu Missverständnissen führen. Schon haben wir sie in den strukturschwachen Regionen hin und wieder zu registrieren. Aber Schwerpunkte in der Strukturentwicklung, insbesondere in den Konzeptionen zur Entwicklung des ländlichen Raumes - eine Binsenweisheit –, sind natürlich zu setzen, wobei der Standortfaktor ´ kulturhistorisches Erbe´ mit seinen vielschichtigen Potentialen unbedingt zu berücksichtigen ist. Schon bei einer derartigen Betrachtung wird deutlich, dass es keine Ausgrenzung, auch keine Klassifizierung von Denkmalen geben darf – aus denkmalfachlicher Sicht schließen sich derartige Bestrebungen ohnehin aus. Und so zählt zu den wichtigsten Aufgaben des Landesamtes für Denkmalpflege die flächendeckende Inventarisierung des Denkmalbestandes, die Kennzeichnung und Vermittlung unseres Denkmalbestandes, die auch als eine ideelle und materielle Wertschöpfung bezeichnet werden kann. Machen wir uns diese Erkenntnis zu eigen, erscheinen auch die Nutzungsfragen vor einem anderen Hintergrund.

Wäre es nicht an der Zeit, dass das Land Brandenburg endlich einen eigenen Denkmalfonds bekommt, aus dem Notsicherungen und kleinere Instandsetzungen finanziert werden können?

Einen solchen Fonds, aus dem kleinere Aktivitäten unkompliziert gefördert werden konnten, hatten wir ja in Brandenburg bis 1994. Seitdem fließen diese Mittel ohne Zweckbindung direkt in die Kommunen. Daran kranken wir bis heute. Was wir dringend brauchen, ist eine Art Stiftung, die unkompliziert und schnell helfen kann und die auch hilft, die gebotene Kontinuität bei der Denkmalförderung zu garantieren.

Ist die Schaffung einer solchen Stiftung in absehbarer Zeit realistisch und wie viel Geld wäre dafür nötig?

Ich bleibe optimistisch. Der Kulturausschuss hat sich mehrfach mit dem Thema beschäftigt und ich hoffe, dass die Errichtung einer Stiftung auf gutem Wege ist. Wünschenswert wäre eine jährlich verfügbare Summe von 1,5 Millionen Euro, vorerst lediglich für Maßnahmen zur Substanzerhaltung.

Während es oft an eben diesen Mitteln zur Substanzerhaltung mangelt, soll andererseits in Potsdam die Garnisonkirche wieder aufgebaut werden…

Dass die Landeskirche die Bestrebungen zum Nachbau der Garnisonkirche befürwortet, lässt mich im Hinblick auf die vielen akuten Probleme, die wir draußen im Land haben, nachdenklich werden. Ich würde es sehr begrüßen, wenn das Ringen um die Erhaltung der noch vorhandenen Sakralbauten und natürlich auch der anderen Denkmale durch herausragende Persönlichkeiten so engagiert begleitet würde, wie wir es bei dem beabsichtigten Neubau der Garnisonkirche registrieren. Ich wehre mich aber gegen Haltungen, wenn diese Bauabsicht mit dem Anliegen der Denkmalpflege, tatsächlich vorhandene Zeugnisse unseres kulturhistorischen Erbes zu erhalten, gleichgesetzt werden sollte. Wenn Geschichte nachgebaut wird in der Hoffnung, damit geschichtliche Identitäten zu finden, führt das zu einem Irrtum. Wir können uns unsere Geschichte nicht aussuchen, auch sollten wir nicht den Versuch unternehmen, sie zu korrigieren, indem wir das, was uns gegenwärtig nicht gefällt, abreißen und Verlorenes, so bedeutend es auch war, wieder erstehen zu lassen. Vielleicht sind schon für die nächste Generation andere Zeitschichten aus unserer Geschichte bedeutsam. Insofern dürfte auch dieses Beispiel zum Dialog über Werte anregen. Einer "Ausstellungs-Denkmalpflege" sollten wir widerstehen. Derartige Bestrebungen könnten den Eindruck erwecken, dass wir Verlorenes nach "Geschmack und Laune" nachbauen, wenn die erforderlichen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden. Werke unseres bauhistorischen Erbes sind Zeugnisse der Geschichte und als solche nicht reproduzierbar.

Stimmt der Eindruck, dass das Ansehen der Denkmalpflege von Seiten der Politik deutschlandweit eher im Sinken ist?

Diesen Eindruck habe auch ich. Die institutionelle Denkmalpflege wird sehr klein gehalten und zum Teil sogar runtergefahren. Dabei wird die Wertschöpfung, die von Denkmalen ausgeht, völlig übersehen, was für mich auch eine Frage der Bildung ist. Es genügt auch nicht, einige Hauptobjekte zu fördern und die scheinbar weniger bedeutenden Denkmale der Obhut der Regionen und Orte anheim zu stellen. Wenn ein Denkmal als solches erfasst ist, muss es geschützt werden; das ist das Grundverständnis von Denkmalpflege, das sich auch in unserem Denkmalschutzgesetz widerspiegelt. Diese Aufgabe steht vor uns, vor unserem Gemeinwesen und muss von Politik und Verwaltung fördernd begleitet werden.

Zum Abschluss unseres Gesprächs ein Zitat aus der wunderbaren Festschrift anlässlich Ihres 65. Geburtstags. Ihr langjähriger Kollege aus Sachsen-Anhalt, Gotthard Voß, schrieb: "Mit dem 65. Geburtstag des brandenburgischen Landeskonservators, Prof. Dr. Detlef Karg, und dem absehbaren Ruhestand geht für die Denkmalpflege in den östlichen Bundesländern eine Periode zu Ende, deren Verlauf wir nach dem hoffnungsvollen Neubeginn 1989 so nicht erwartet hätten." Das klingt arg pessimistisch. Wie wird es nach Ihrer Pensionierung mit der Denkmalpflege in Brandenburg weitergehen?

Da setze ich ganz auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unserem Landesdenkmalamt. Mir liegt am Herzen, dass Denkmalpflege sich nicht nur in Öffentlichkeitsarbeit, in Ausstellungen und Tagungen erschöpft, sondern dass sie das fortsetzt, was auch die Arbeit der letzten zwei Jahrzehnte geprägt hat: Inventarisation, Restaurierung, praxisnahe Bauforschung und Archäologie und vor allem die Betreuung vor Ort, die fachlich kompetente Beratung sowohl der Verfügungsberechtigten wie auch der Kolleginnen und Kollegen in den unteren Denkmalschutzbehörden. Das sind die Fundamente der Denkmalpflege – nicht nur für unser Amt, sondern für das Land, für unsere Kulturlandschaften. Unverzichtbar bleibt das Engagement der Bürgerschaft. Wir brauchen Persönlichkeiten und Vereine, die sich ernsthaft und langfristig auch für die Belange der Denkmalpflege einsetzen, wie es der Förderkreis Alte Kirchen seit vielen Jahren mit großem Erfolg praktiziert. Vielen Dank! – Insbesondere dergestalt, wie es in unserer jüngsten gemeinsamen Aktion "Menschen helfen Engeln" sichtbar wird.

Ich wünsche mir vor allem Denkmalpflege vor Ort mit den Menschen, die dort leben und die in ihren Bemühungen zur Erhaltung unserer Denkmale unterstützt werden müssen. Wenn wir das schaffen, ist mir vor der Zukunft nicht bange!

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