Zwanzig Jahre Förderkreis Alte Kirchen

Grußwort von Dr. Wolfgang Huber, Bischof i. R. der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz auf der Festveranstaltung "20 Jahre Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V." am 8. Mai 2010 in der Friedenskirche Potsdam-Sanssouci

Es fügt sich eigentümlich, dass diese festliche Stunde zu "Zwanzig Jahre Förderkreis Alte Kirchen" am 8. Mai stattfindet, auf den Tag 65 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation von 1945, genau 25 Jahre nach der wegweisenden Rede des jetzt neunzigjährigen damaligen Bundespräsidenten Richard von Weihsäcker, der uns allen dazu half, den 8. Mai als "Tag der Befreiung ... von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Herrschaft" und als "Ende eines Irrwegs deutscher Geschichte" zu verstehen. Weizsäcker hat uns damals gemahnt: "Ehren wir die Freiheit. Arbeiten wir für den Frieden. Halten wir uns an das Recht. Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit. Schauen wir ..., so gut wir können, der Wahrheit ins Auge."

Vom 8. Mai sagte der damalige Bundespräsident auch, dass er "den Keim einer besseren Zukunft in sich barg." Und er sprach die Hoffnung aus, "dass der 8. Mai nicht das letzte Datum unserer Geschichte bleibt, das für alle Deutschen verbindlich ist."

Diese Hoffnung wurde erfüllt. Der 9. November 1989 und der 3. Oktober 1990 wurden ebenfalls zu Daten, die "für alle Deutschen verbindlich" sind. Die friedliche Revolution und die deutsche Einheit haben unser aller Leben verändert - meines jedenfalls in außerordentlich starkem Maß. Sie haben auch neue Zugänge zu unserem kulturellen und religiösen Erbe geschaffen. Manche mutigen und vorausschauenden Menschen haben sogleich die Verantwortung begriffen, die damit verbunden war. Der Förderkreis, dessen Geburtstag wir heute feiern, ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür. So früh, noch vor dem Übergang zur deutschen Einheit, kam er in Gang, dass er jetzt schon auf eine zwanzigjährige Geschichte zurückblicken kann – ein Akt der Entschlossenheit und der Weitsicht zugleich.

Die Gründung dieses Kreises hat indes nicht nur mit dem 9. November, sonder auch mit dem 8. Mai zu tun. Wir wissen das hier in der Region besonders gut. Denn die Kämpfe und Zerstörungen der letzten Kriegswochen ließen nicht nur die sechzehn Kilometer zwischen der Oder und Seelow zum Grab für Tausende von Soldaten werden; sondern zugleich wurden allein in dieser Region auch 28 Kirchen zerstört, darunter nicht nur die Stadtkirchen von Fürstenwalde, Müncheberg und Seelow, sondern auch Dorfkirchen wie Reitwein, Dolgelin, Letschin oder, in der Uckermark, Strehlow oder Vierraden. Als Mahnmale der Zerstörung standen manche von ihnen ein halbes Jahrhundert im Dorf; einzelne wurden wieder aufgebaut; andere sind auch heute noch Ruinen und warten auf ihren Wiederaufbau. Manche wurden zwar hergerichtet, aber bewusst in einem fragmentarischen Charakter belassen.

Ich habe mich oft gefragt, was geschehen wäre, wenn nicht nur einzelne sich an den Steinen dieser Kirchen bedient hätten, um an Baumaterial zu kommen, sondern wenn all diese Kirchenruinen in den vierzig Jahren DDR dem Erdboden gleich gemacht worden wären – so wie es 1968 in einem Akt der Barbarei dem Turm der Garnisonkirche in Potsdam widerfuhr. Zum Glück blieben das beklagenswerte Ausnahmen. Aufs Ganze gesehen blieben die Ruinen stehen und warteten darauf, dass Spätere eine Aufgabe angingen, die einstweilen nicht lösbar war.

1990 war – Gott sei Dank – die Zeit dafür gekommen, solche Aufgaben anzugehen und viele von ihnen zu lösen. Das betraf nicht nur Kirchen, die durch kriegerische Gewalt zu Ruinen geworden waren, sondern ebenso viele andere, die durch die politischen Verhältnisse des 20. Jahrhunderts über Generationen hin baulich vernachlässigt wurden und deshalb vom Verfall bedroht waren. Sie konnten zum allergrößten Teil gerettet werden – oder ihre Rettung ist in Angriff genommen. Die tiefe Dankbarkeit für diese großartige Gemeinschaftsleistung von einzelnen und Gemeinden, Fördervereinen und Stiftungen, Staat und Kirche erfüllt mich immer wieder von neuem. Ich freue mich darüber, dass ich diesen Dank hier und heute öffentlich – auch für unseren Bischof Markus Dröge – aussprechen darf.

Kirchen werden für den Gottesdienst und die Verkündigung des Wortes Gottes geschaffen. Aber nach evangelischem Verständnis kann dieses Wort auch anderswo – auch auf der Elbbrücke, wie Martin Luther sagte – verkündigt werden. Der tiefe Sinn und die Besonderheit von Kirchen reicht in eine Tiefenschicht, die das biblische Losungswort für den heutigen Tag so ausdrückt: "Erhebet den Herrn, unseren Gott, betet an vor dem Schemel seiner Füße" (Psalm 99, 5). In Kirchengebäuden spüren wir, dass unsere Welt im Ganzen Gottes Schöpfung ist, uns anvertraut, der Schemel seiner Füße, von dem aus wir zu unserem Schöpfer aufschauen.

Diese besonderen Orte geben uns Orientierung. Diese Orientierung wollen wir anderen nicht vorenthalten. Darum halten wir sie offen. Die 900 offenen Kirchen, die in dem jährlich erscheinenden Heft "Offene Kirchen" aufgeführt werden, sind – auch bundesweit betrachtet – eine ungewöhnliche, eine bewegende Erfolgsgeschichte. Und die Publikation "Offene Kirchen" ist nach allem, was ich weiß, deutschlandweit einmalig.

Als ich vor sechzehn Jahren mit dem Programm einer offenen und öffentlichen Kirche auf das Bischofsamt in unserer Kirche zuging, hätte ich nicht vorauszusagen gewagt, dass dieses Programm eine solche Antwort finden würde – dafür allen Beteiligten, insbesondere auch den Hüterinnen und Hütern vor Ort, einen herzlichen Dank! Ebenso ist denen zu danken, die Kirchen, auch in dünn besiedelten Regionen, zu Orten des Gebets und der Musik, des Weinens und des Lachens machen.

Es handelt sich ja nicht um Allotria, wenn Kultur wieder in unsere Kirchen einzieht, ganz im Gegenteil: Glaube und Kultur, Kultur und Kirche gehören zusammen. Sie sind unlöslich miteinander verbunden wie die beiden Windungen in der Doppelhelix der DNA, die unsere genetische Ausstattung bestimmt. Die Kirchen sind nach wie vor – die Kulturenquête des Deutschen Bundestags hat das bestätigt – die größten Kulturträger in unserem Land; den Kirchengebäuden und einem aktiven Umgang mit ihnen kommt dabei ein Löwenanteil zu.

Lassen Sie mich mit einem Gedankenexperiment schließen. Malen Sie sich für einen Augenblick aus – was Gott verhüten möge! – , in der Schlosskirche von Torgau, dem von Martin Luther selbst eingeweihten ersten reformatorischen Kirchengebäude, könnten auf unabsehbare Zeit keine Gottesdienste stattfinden, aus welchem – mir jetzt gar nicht vorstellbaren – Grund auch immer. Würden wir dann auf die Idee kommen, diese Kirche aufzugeben und abzutragen? Nein, wir würden sie bewahren, nicht nur als Zeugnis der Geschichte, sondern auch als einen Ort, an dem eine künftige Generation wieder beten kann "vor dem Schemel seiner Füße", selbst wenn wir es nicht vermögen. Nicht nur vor dem Erbe der Vergangenheit, sondern auch vor denen, die nach uns kommen, ist uns Demut geboten. Nachhaltigkeit hat auch eine kulturelle und religiöse Dimension. Kirchengebäude zu bewahren und zu nutzen ist auch ein Dienst an kommenden Generationen. Ich danke Ihnen allen, dass Sie sich daran beteiligen.

Mit einem Seufzer wird manchmal gesagt, wir seien eine steinreiche Kirche, eine Kirche reich an Steinen. Wir sind auch eine menschenreiche Kirche, eine Kirche reich an Menschen, die sich einsetzen, das Anvertraute bewahren und Neues wagen. Christen und Nichtchristen sind dabei gemeinsam unterwegs – welch ein Zeichen der Hoffnung! An all dem freue ich mich und danke von ganzem Herzen. Und ich wünsche dem Förderkreis Alte Kirchen Gottes Segen – zunächst einmal für die nächsten zwanzig Jahre.

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