Gerettet und doch verloren? Von den Erfahrungen und Möglichkeiten, die Kirche im Dorf zu lassen…

Vortrag von Dr. Thomas Drachenberg auf dem 24. Brandenburgischen Denkmaltag 2016 / Brandenburg an der Havel am 4. November 2016: "Brandenburgische Kirchen im Wandel"

Dr. Thomas Drachenberg ist Landeskonservator und Stellvertretender Direktor des BLDAM

"Brandenburg ist der Landstrich, in dem es mehr Sand als Menschen gibt und mehr Seen als Städte. In dem man Radio für Erwachsene hört und Weißwein aus dem Tagebau trinkt… Zwischen Elbe und Oder gibt es viel Nichts. Das wurde allerdings saniert und ist für durchradelnde Touristen schön anzuschauen. Es hält die Betreiber der Stadtcafes am Leben und rechtfertigt den Betrieb von 11 bis 16 Uhr geöffneter Touristenbüros auf sonst leeren Marktplätzen."
Das ist eine satirische Einschätzung aus der Sicht einer Großstädterin von Antje Ravic Strubel, nachzulesen im Berliner Tagesspiegel vom 14.9.2014

Die Wochenzeitschrift DIE KIRCHE stellt in ihrer Ausgabe vom 5.6.2016 fest: "Das Kirchenbauinstitut in Marburg prognostizierte vor etwa zehn Jahren, dass möglicherweise ein Drittel der 45.000 Kirchen in Deutschland verkauft oder abgerissen werde müsste. Ein Gruselfall, der bisher so nicht eingetreten ist."

Wozu kümmern wir Denkmalpfleger uns denn überhaupt um die Kirchen? Ist das nicht angesichts dieses Szenarios völlig aussichtslos - gegen den angeblich vielen märkischen Sand und die finsteren Prognosen sich anzustemmen?

"Die Kirche im Dorf lassen" ist das Synonym für etwas mehr Ruhe und Zurückhaltung bei der Diskussion. Kirchen gelten als beruhigende Konstanten. Sie waren und sind Heimat für geistige Erbauung und geistliche Lehre, sie bieten Raum für Musik und das Wort, sie sind städtebaulich oft "hervor-ragend" und sie waren und sind die mit vielen Zeitschichten zu uns sprechenden Bauhüllen für die Praxis des christlichen Glaubens und das Leben unserer Vorfahren bis in den heutigen Tag hinein.

Waren und sind?

Haben wir nicht gerade auf dem Gebiet der ehemaligen DDR eine beispiellose Entchristianisierung oder Entkirchlichung erlebt, sodass die Mitgliederzahlen der großen Kirchen - im Land Brandenburg vor allem der evangelischen Kirche - bis heute stetig und dramatisch abnehmen? Mit abnehmenden Mitgliederzahlen nimmt automatisch die Anzahl der Gemeinden pro Pfarrer zu. 10 Gemeinden pro Seelsorgerin und Seelsorger sind keine Seltenheit mehr in den peripheren Gebieten des Landes Brandenburg. Die Folge davon ist, dass die Dorfkirchen immer weniger benutzt werden, sie irgendwann gar nicht mehr "gebraucht" werden. Geht eine Kultur zu Ende und die scheinbar unbrauchbaren Gebäude können abgerissen werden? Wir beobachten sogar, dass sanierte und restaurierte Dorfkirchen von diesem Prozess erfasst werden.
Wie ist die Position der Denkmalpflege zu dieser scheinbar nicht aufzuhaltenden Entwicklung?

Ein Blick in die Geschichte hilft, "die Kirche im Dorf zu lassen": Vor allem die Stadtkirchen waren im Mittelalter Träger der askanischen Territorialpolitik und markieren die Gründungszeit des Landes. Sie bilden bis heute mit ihrem Reichtum die Blütezeit der märkischen Städte im 14. und 15. Jahrhundert ab. Dorfkirchen sind auch ein Spiegel patrimonialer Stiftungstätigkeit. Die Zeugnisse dieser Prozesse vom 14.bis zum 20. Jahrhundert reichen von der wandfesten Ausstattung mit Wandmalereien bis zu Epitaphien, Totenkronen und weiteren Objekten der Gedächtniskultur. Das "Leben auf dem Lande" mit Gutsherrschaften und dörflichen Gemeinschaften und deren Bezug zur Kirche bildet sich bis heute oft noch im Gestühl, den Emporen und in vielen kleineren Zeugnissen ab.

Die Reformation bedeutete vor allem bauliche Konsequenzen und oft eine Neueinrichtung der Kirchräume nach nun aktualisierter Liturgie.

Im frühen 19. Jahrhundert gab es erste durch Ferdinand von Quast und Karl-Friedrich Schinkel formulierte und praktizierte denkmalpflegerische Ansätze.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert folgte das historistisch geprägte Bauprogramm zur Rückgewinnung der verlorengegangenen Arbeiterschaft durch das Kaiserhaus Hohenzollern.

Der Zweite Weltkrieg brachte entweder direkte Schäden, auf alle Fälle aber einen großen Reparaturstau. Zu DDR-Zeiten wurden viele Kirchen vor allem in den 1960er Jahren restauriert und gleichzeitig modernisiert, in dem man sich nach dem Geschmack der Zeit von Teilen der Ausstattung trennte und neue hinzufügte. Vieles konnte aus baupolitischer Not nicht gemacht werden.
Nach 1989 kam es dagegen zu einem beispiellosen Sicherungs- und Restaurierungsprogramm, das sehr wirksam und erfolgreich war. Im Ergebnis musste im Land Brandenburg keine denkmalgeschützte Kirche bis zum heutigen Tage abgerissen werden!

Der Blick in die Geschichte sagt uns daher, dass es trotz großer Katastrophen - so war die Entvölkerung im Dreißigjährigen Krieg mit ihren Folgen aus damaliger und auch heutiger Sicht unvorstellbar - eine Konstanz gibt. Oder frei nach Theodor Fontane: "Dorfkirchen sind Träger von Geschichte mit dem Zauber der Kontinuität."

Die meisten Kirchenbauten sind aktuell denkmalgeschützt, weil sie mit ihrer Bauqualität bis heute von den Erhaltungsbemühungen, den traditionell auch unterschiedlichen Nutzungskonzepten z.B. der vorreformatorischen und nachreformatorischen Zeit erzählen können.
Kirchenbauten können bauhistorisch und kunsthistorisch, liturgisch und sozialgeschichtlich gelesen werden und wir erfahren viel über unsere eigene Kultur und Frömmigkeitsgeschichte.
Kirchenbauten bieten aber auch mit ihrer Geschichte den Raum für Geschichten, die von den unterschiedlichen Erlebnissen mit den Gebäuden berichten: Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Begräbnisgottesdienst sind die traditionellen Nutzungsformen. Raum für Feiern, der Ort der Auseinandersetzung im Dritten Reich zwischen Deutschen Christen und den Anhängern der Bekennenden Kirche, Schutzraum für freies Denken zu DDR- Zeiten bis zum heute aktuellen Fluchtpunkt für Flüchtlinge im Kirchenasyl - die Erinnerungen und die Geschichten, die Menschen mit dem Bauwerk verbinden, sind unterschiedlich und mannigfaltig.

Und dann gibt es noch einen ganz wesentlichen Punkt: Stadt- und Dorfkirchen markieren Siedlungskerne und sind fast immer architektonische Höhe-Punkte. Sie haben eine städtebauliche Dominanz, die von den meisten Mitgliedern der Kommune akzeptiert und geschätzt werden. Über den Ort für geistliche Erbauung und Trost hinaus sind die Kirchbauwerke für unsere Gesellschaft wichtige Ankerpunkte des Zusammenlebens. Das macht sich an der städtebaulichen Lage fest und manifestiert sich im Heimatgefühl der Bewohnerinnen und Bewohner.

Damit diese mehrfache Qualität bewahrt wird, sind wir im übrigen auch gegen das Anbringen von Solaranlagen, wenn sie die weithin sichtbaren Dachflächen verdecken und verfremden. Baukultur und ressourcenschonende Energiegewinnung dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Kirchen sind - so sie die verschiedenen historischen Zerstörungswellen überlebt haben - der Träger von sakraler Kunst, die einen unschätzbaren Wert für unsere Gesellschaft hat. Altäre, Figuren, Wand- und Glasmalereien zeigen heute noch das damalige liturgische Verständnis. Sie geben Auskunft über die in der Geschichte sich wandelnden Vorstellungen von Transzendenz. Um es einfacher zu sagen: Sie erzählen uns davon, welche Glaubenspraxis vorherrschte. Die Kontinuität des Ortes und damit des Raumes stand und steht immer im Wandel - ja der Wandel ist vielleicht sogar die Kontinuität! Vielleicht immer etwas bedächtiger und langsamer als an anderen Orten - aber auch die Dorf- und Stadtpfarrkirchen selbst stehen im Wandel.

Der oft weit zurückliegende Zeitpunkt des Baubeginns lässt uns ganz genau diesen Wandel verfolgen, so z.B. der Wandel der Art der Ausstattung, der oft mit einem Wandel der Liturgie einherging:

Für den Denkmalpfleger ist der Kirchenbau selbst ein erstklassiger Schatz. Auch wir Denkmalpfleger stehen dabei in einer Tradition unserer Vorfahren: Wir versuchen die Eigentümer so zu beraten, dass die wertvolle Substanz mit ihren vielen zeitlichen Schichten erhalten und das Erscheinungsbild bewahrt und in diesem Bewusstsein - wenn notwendig - eine neue Schicht hinzugefügt werden kann: Der reparierte Dachstuhl bekommt eine neue Dachhaut, der Putz wird ausgebessert, die mittelalterlichen Fugen werden bewahrt, die Wandmalereien gesichert… Wir dokumentieren dabei unser Tun, damit spätere Generationen es einfacher mit der Entschlüsselung der heutigen Veränderungen haben.

An dieser Stelle ein Wort zu den baulichen Ergänzungen:

Die Frage, ob bei notwendigen Ergänzungen alte verlorengegangene Formen wieder aufgenommen oder die Zutaten in neuer Architektursprache formuliert werden, muss in jedem Fall sorgfältig geprüft und diskutiert werden:

Das sind nur 3 Fragen, die im Rahmen der Planungen geprüft werden müssen. Die St. Marien-Andreas-Kirche in Rathenow wieder einzuwölben ist dabei eine genau so nachvollziehbare Entscheidung wie die behutsame Neugestaltung der Probsteikirche St. Maria Friedenskönigin in Cottbus. Beide Ergänzungen sind deutliche Zutaten aus dem Jahr 2015 und haben ihre vor allem auch denkmalpflegerische Berechtigung. Schauen wir immer genau auf den Bestand der Denkmale (!) und prüfen die aktuellen Bedingungen bei anstehenden Ergänzungen und entscheiden zusammen mit den Besitzern das Beste für die vorhandene Substanz und das Erscheinungsbild unter Berücksichtigung des jeweiligen Nutzungskonzeptes. Unsere denkmalpflegerischen Leitlinien dürfen dabei nicht statisch ideologisch sein, sondern müssen dem Leitgedanken der Erhaltung der Substanz und des Erscheinungsbildes verpflichtet sein. Angesichts der sich weiter entwickelnden Zivilgesellschaft mit ihren Nutzungsanforderungen müssen wir auch unsere Strategien immer wieder evaluieren. Was meine ich damit?

An dieser Stelle ist es gut daran zu erinnern, dass gerade die Erhaltung der Ruinen der kriegszerstörten Großkirchen, wie die Marienkirche in Frankfurt/ Oder und in Beeskow in der DDR eine denkmalpflegerische Daueraufgabe waren. Die Bemühungen waren langwierig und die Fortschritte mangels Baukapazität sichtbar, aber sehr mühsam errungen und oft von Rückschlägen und Abrissszenarien bedroht. Ab 1989 konnte auf diese Erhaltungsbemühungen aufgebaut und mit der schon zu DDR-Zeiten entwickelten denkmalpflegerischen Leitlinie "Ruine unter Dach" nachhaltige Fortschritte erreicht werden. Aus heutiger Sicht sage ich ganz deutlich: Das war ein auf Sicherung und jederzeit möglichen Weiterbau ausgerichtetes kluges Konzept, das das Ruinöse als tragendes Element (zeitweilig oder dauerhaft) einbezieht.1

Es war notwendig und sinnvoll, die Sicherung des Vorhandenen anzustreben und unter der wirkungsvollen Leitlinie "Ruine unter Dach" nach der Wende 1989 auch erfolgreich zu betreiben. Die Geschichte der Rettung der Beeskower, der Müncheberger, der Rathenower Großkirchen und der Frankfurter Marienkirche sind hierfür beispielhaft und waren auch wichtig für die Wiederherstellung der Stadtkronen innerhalb des städtebaulichen Zusammenhanges der Kommunen. Nur durch ein solch beherztes Handeln aller Partner vor und nach 1989 konnte die wertvolle Substanz dauerhaft bewahrt werden.

Eine dauerhafte Sicherung und Nutzung kann nur dann nachhaltig sein, wenn die Zivilgesellschaft, die sich weiter entwickelt, das Gebäude auch annimmt. Gerade an der Marienkirche in Frankfurt an der Oder ist sehr deutlich zu sehen, wie durch die einmalige Chance des Wiedereinbaus der aus Russland zurückgekehrten mittelalterlichen Glasfenster und die Ergänzung der fehlenden Teile durch Neuschöpfungen es völlig folgerichtig war, das Chorgewölbe im rekonstruktiven Sinne wieder einzubauen. Das war für Raum und Kunstwerk der gestalterisch beste Abschluss, den die nun mit den restaurierten und neuen Fenstern versehenen Chorwände haben konnten! Ein wesentlicher Grund, der die Rekonstruktion des Details am bestehenden Bau gerechtfertigt hat.

Derzeit beginnt eine neue Dynamik der Beschäftigung mit dem Bauwerk vor Ort, weil u.a. die seit Mitte der 1980er Jahren hilfsbedürftigen und verstreuten Kunstgegenstände jetzt restauriert werden und eine große Reformationsausstellung in der ganzen Stadt vorbereitet wird. Die Finanzierung wird durch Spenden der Bevölkerung und durch Fördermittel der BKM, der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, der Stadt und auch vom Landesdenkmalamt unterstützt.

Wir erleben zur Zeit, wie das in den 1980/90er Jahren tragfähige Konzept der "Ruine unter Dach" nicht statisch ist, sondern durch die fortschreitende Aneignung des Baus sowohl als Ort der christlichen Gemeinde wie auch als sozialer und städtebaulicher Identifikationspunkt nun weiter geschrieben werde muss. Das wird Teil des laufenden Förderprojektes sein.

Wichtig ist an der Frankfurter Marienkirche, die verschiedenen Ideen und Wünsche untereinander gut zu kommunizieren und gegeneinander nachvollziehbar abzuwägen. Das Ziel muss es sein, ein zwischen allen Beteiligten (Kirchengemeinde, Stadtverwaltung, Vereinen, Bürgerschaft, Denkmalpflege) in seinen Grundzielen abgestimmtes nachhaltiges Konzept zu erhalten. Klar ist schon heute: Die "Ruine unter Dach" wird von der Bürgerschaft der Stadt zurück in die aktuelle Lebensmitte transferiert - d.h. wir müssen dieses Konzept klug weiter entwickeln und dabei u.a. folgende Eckpunkte beachten:

Es hat sich seit ein paar Jahren ein runder Tisch gebildet, der diesen Prozess immer besser steuert. Wir hoffen auf einen am Ende erfolgreichen Findungsprozess.

Aber für wen tun wir das? Man könnte kurz antworten: Baukultur ist eines der wesentlichen Fundamente unserer Gesellschaft… aber das ist zu einfach! Wenn wir Denkmalpfleger uns was wünschen dürften, dann würden wir sagen: Eine Nutzungskontinuität, d.h. die andauernde Benutzung als Sakralraum ist, was den Grad der notwendigen Veränderungen angeht, immer noch der Idealfall. Die Kirchengemeinde selbst ist am besten in der Lage, mit ihrer gebauten Geschichte verantwortungsvoll umzugehen, weil es ihre eigene Geschichte ist.

Aber was ist, wenn diese Kontinuität abgebrochen ist - muss dann das Gebäude auch verschwinden? Hier müssen wir als Denkmalpfleger ein ganz klares NEIN formulieren. Auch wenn ein Kirchengebäude nicht mehr als Ort für den Gottesdienst benutzt wird, kann der baukulturelle Wert des Gebäudes unermesslich für die ganze Gesellschaft sein! Der städtebauliche Wert, die Qualität der Architektur oder die wertvollen Kunstgegenstände oder alle drei Komponenten zusammen sind aus unserer Kulturlandschaft nicht wegzudenken.

Derzeit beobachten wir im Land Brandenburg, dass in den letzten 25 Jahren Prozesse in parallelen Linien verlaufen:

Beide Prozesse - die weiterhin aktive christliche Gemeindearbeit und ein neues bürgerschaftliches Engagement für eine Weiter- und Umnutzung der Kirchgebäude bedürfen der Unterstützung. Wir Denkmalpfleger stehen für eine denkmalfachliche Beratung zur Verfügung, die oft das Ziel hat, das Machbare zu erreichen und dabei die Substanz und das Erscheinungsbild zu erhalten.
Dabei sind uns neben den unteren Denkmalschutzbehörden das Kirchliche Bauamt in der EKBO und die Bauverantwortlichen in den Kirchenkreisen zuverlässige und geschätzte Ansprechpartner. Der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg hat es geschafft, sowohl die Kirchengemeinden als auch die Vereins-Netzwerke in ihrem Anliegen zu unterstützen und untereinander wiederum zu vernetzen. Das ist für uns eine wertvolle Hilfe in der Kommunikation. Auch die vielen Stiftungen, wie DSD und KiBa sind hier zu nennen.

Und wenn wir mal ehrlich sind: Einerseits haben wir im Land Brandenburg im Vergleich zu den Niederlanden oder dem Rheinland noch gar keine richtige Umnutzungswelle erlebt!

(übrigens gibt es am 14.11.2016 von den Kollegen im Rheinland beim 23. Kölner Gespräch zu Kirchen im Strukturwandel auch die Beschäftigung mit diesem Thema)

Andererseits müssen neue Nutzungen Substanz und Erscheinungsbild der Gebäude fortschreiben - und da wird es auch immer wieder Irrtümer geben - so ist zwar die Leopoldsburger Kirche in Milow nach langem Kampf gerettet. Doch Standardelemente einer Sparkassenfiliale wie hier in Milow werden nicht die ideale Ästhetik für ein ruinöses sakrales Gebäude sein - aber eine Nutzung der Schlosskirche als Synagoge wie in Cottbus schon.

Die meisten Kirchen dagegen werden in einer jahrhundertelangen Kontinuität bis heute erfolgreich genutzt:

In vielen Kirchen wurden die Erhaltungs- und Restaurierungsarbeiten mit Ergänzungen in alter oder neuer Formensprache verbunden. Unser Plakat zu dieser Tagung mit dem Motiv der Müncheberger Stadtpfarrkirche zeigt dies eindrücklich. Das war damals schon fast spektakulär.

Dagegen fast leise hat sich der Innenraum der Stadtpfarrkirche in Mittenwalde nach ausgiebiger Diskussion und intensiver fachlicher Beratung durch die Fachleute unseres Hauses gewandelt.

Meine Damen und Herren,

wenige Kirchen sind bis heute Ruinen geblieben. Wenn ein Wiederaufbau nicht sinnvoll ist, dann ist dieser Zustand und vor allem der Bestand zu sichern.

Es gibt aber auch Ruinen, deren Erscheinungsbild zum Denkmalwert geworden ist und deren Wiederaufbau daher diesen zerstören würde. Ein berühmtes Beispiel ist das Franziskanerkloster in Chorin.

Bei der Nutzung müssen wir als Denkmalpfleger auf verschiedene Nutzungsgruppen flexibel reagieren:
Überwiegend gibt es die traditionelle Nutzung für Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen, zunehmend aber auch die gemeinsame sakrale und profane Nutzung.

Etliche Kirchen sind durch private Initiative wieder aufgebaut worden und werden heute auch wieder durch eine sehr aktive evangelische Gemeinde genutzt.

Umgenutzte Kirchen können von stärkeren baulichen Veränderungen betroffen sein. Das betrifft z.B. die Marienkirche in Neuruppin.

Etliche Kirchen sind ungenutzt, wie die Franziskanerklosterkirche in Prenzlau oder die Johanneskirche in Eberswalde oder es wird bereits eine Diskussion um einen möglichen Abriss geführt, wie bei der Sabinenkirche in Prenzlau.

Zur Situation der Dorfkirchen wird Herr Janowski noch detailliert eingehen, sodass ich mich hier abschließend auf die Frage konzentrieren kann, wie denn nun die Zukunft der Dorf- und Stadtkirchen mit ihren unterschiedlichen Bedingungen aussieht.

Ca. 65 % der brandenburgischen Kirchbauten sind nach 1989 mit hohem Mitteleinsatz saniert und restauriert worden. Das nach der politischen Wende zur Verfügung stehende Geld musste erst in "Dach und Fach" gehen, um den oft über 60 Jahre angewachsenen Sanierungsstau aufzulösen. Diese Aufgabe besteht auch weiterhin, doch müssen wir uns verstärkt um die Konservierung und Restaurierung der Kunstschätze bemühen.

Das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologische Landesmuseum bringt sich dabei mit seinen fachlichen Ressourcen in diese Prozesse ein. Durch die in den vergangenen Jahren nicht ausreichende Förderungsmöglichkeit der Restaurierung von Kunstschätzen im Land Brandenburg entstanden dabei notgedrungen auch neue Ideen:

Wir sind nach unseren Beobachtungen derzeit an dem Punkt, wo wir darauf achten müssen, dass die Sicherung und Restaurierung von Kirchengebäuden auch nachhaltig ist. Die Baupflege muss kontinuierlich passieren, um von den großen Kampagnen wegzukommen und beginnende Schäden schon frühzeitig zu erkennen und nicht erst, wenn alles zu spät ist.
Aber wer soll diese Baupflege übernehmen? Hier muss dem Denkmaleigentümer Wissen an die Hand gegeben werden. Hier verweise ich auf eine Tagung, die am 20.10.2016 unter dem Titel "Denkmal-TÜV" im Haus der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in Bonn stattgefunden hat. Es wird immer drängender: Wir müssen uns Gedanken über die kontinuierliche Pflege bei sich ändernden Bedingungen machen. Nach meinem Eindruck denken wir in Deutschland immer noch zu viel in Kampagnen. Die Gebäude sind aber nicht effektiv von Rettungskampagne zu Rettungskampagne im Abstand von 50-100 Jahren zu erhalten, sondern viel besser durch kontinuierliche Pflege und Reparatur!

Unsere Baukultur, d.h. die Denkmale im Bestand brauchen eine Zukunft, auch wenn die örtliche Initiative nicht mehr kontinuierlich und zuverlässig vor Ort tätig sein will und kann.

In diese Sinne: Lassen wir die Kirche im Dorf und in der Stadt! Sie ist für unsere Herkunft, Gegenwart und Zukunft wichtig!

Brandenburg hat mehr zu bieten, als Sand und Weißwein aus dem Tagebau - und Radio für Erwachsene wird ganz selbstverständlich von allen gehört…
Brandenburg besitzt eine reiche Baukultur, die es zu erhalten gilt! Und es gibt die Menschen, die das gerne tun und leisten! Vielen Dank!

Ich freue mich auf die weitere Tagung mit ihren Beiträgen und der Diskussion.




1 Detlef Karg in: Ruinen der Sakraldenkmäler - Schutz und Anpassung an neue Funktionen. Gubin 2008 S. 29

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