Bericht der ersten internationalen Konferenz
zur Bewahrung von Gottesdienststätten in Europa
vom 11.-13. November 2010 in Canterbury/UK

 
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Vom 11. bis 13. November 2010 fand in Canterbury/England die internationale Konferenz zur Bewahrung von Gottesdienststätten in Europa statt, d.h. von Kirchen, Synagogen, Moscheen und anderen Gottesdienststätten (places of worship). Eingeladen hatte der englische Churches Conservation Trust zur ersten Zusammenkunft dieser Art. Mit über fünfzig Repräsentanten von Kirchen, Stiftungen, staatlichen Denkmalinstitutionen, Nichtregierungsorganisationen, Fördervereinen und Treuhandorganisationen sowie der kirchlichen Bauforschung waren fast alle europäischen Länder vertreten. Ziel der Konferenz war es, ein europaweites Netzwerk zu gründen, um die Bedeutung und die Bewahrung des europäischen Kulturerbes an sakralen Gebäuden zu unterstreichen, öffentlich zu machen und zu unterstützen.

Begründet wurde dies damit, dass es bislang in Europa kein übernationales Forum gibt, das sich diesem kulturbewahrenden Ziel verschrieben hat. Eine überkonfessionelle, überstaatliche, und die Nichtregierungsorganisationen einbeziehende Zusammenarbeit auf dem Gebiet ist bis jetzt nicht vorhanden. Diese Lücke ist umso gravierender, als europaweit immer mehr Kirchen und andere Gottesdienststätten in ihrer Substanz gefährdet sind und die Mittel zu ihrer Erhaltung in fast allen europäischen Ländern unter der drückenden Schuldenlast vieler Staatshaushalte gekürzt werden. Ganz dramatisch wurde dies am Beispiel Großbritannien deutlich, wo Kürzungen für den Denkmalschutz um nahezu 30% angekündigt wurden.

Von deutscher Seite waren je ein Vertreter des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, des Förderkreises Alte Kirchen Marburg sowie - von katholischer Seite - der Präsident der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst zugegen. Es fehlten Vertreter der beiden großen Kirchen und auch der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmale in Deutschland (KiBA). Auf britischer Seite war die Anglikanische Staatskirche, der Churches Conservation Trust, der National Churches Trust und - als Vertreter der Katholischen Kirche, der Freikirchen und der Jüdischen Gemeinden - der Historic Chapels Trust und als Denkmalfachbehörde English Heritage vertreten. Besonders stark repräsentiert waren die skandinavischen Länder mit Vertretern der lutherischen Kirchen in Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark sowie Vertreter der staatlichen Denkmalämter. Die übrigen Länder wurden durch Vertreter der Kirchenbauwissenschaft, kirchennaher Förderorganisationen, nationaler Kulturerbe-Verwaltungen und bürgerorganisierter Fördervereine repräsentiert, z.B. dem Verein Sauvegarde de l‘Art Francais, der jährlich rund 1,5 Mill. Euro an Zuschüssen zur Erhaltung gefährdeter Kirchen und Kapellen in Frankreich ausgibt. Leider waren die südeuropäischen Länder Italien, Spanien und Portugal nicht vertreten. Auch ein erfahrener kanadischer Experte gab einen Bericht aus kanadischer/amerikanischer Sicht.

Das Forum spiegelte somit einen breiten europäischen Querschnitt von kirchlichen, staatlichen und nicht-staatlichen Organisationen sowie von Bürgerinitiativen wider, die sich die Erhaltung des religiösen Kulturerbes auf die Fahnen geschrieben haben. Der Konferenz, die unter dem Titel Working together for Historic Places of Worship in Europe war inhaltlich und organisatorisch gründlich von englischer Seite vorbereitet worden. Sie wurde auf professionelle Weise ergebnisorientiert geführt. Alle Vertreter der Länder waren gebeten worden, einen Länderbericht zur Lage ihrer Gottesdienststätten sowie eine Fallstudie zur spezifischen Arbeit der Förderorganisationen vorzulegen. Die Leiterin des schwedischen Staatsdenkmalamtes, z.Zt. Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der Denkmalämter in Europa, eröffnete die Plenarveranstaltung mit einem Überblick insbesondere der schwedischen Erfahrungen. Daran schlossen sich mehrere Arbeitsgruppensitzungen an, in denen die Länderfälle vorgestellt und diskutiert wurden. In interaktiven Arbeitsschritten wurden schließlich die wichtigsten Befunde und Aktionsfelder benannt, die im Rahmen eines europäischen Netzwerkes von Initiativen und Maßnahmen weiter verfolgt werden sollten.

Als wichtigste Aktionsfelder wurden befundenen: 1) Informationsaustausch über Probleme, Vorgehensweisen und Erfolge von Erhaltungsmaßnahmen, 2) Austausch von "best-practices" regelmäßiger Bauunterhaltungsmaßnahmen, 3) Hervorhebung der Bedeutung religiöser Stätten für Identität und Spiritualität, 4) Austausch von "best-practices" zur erweiterten Nutzung von Gottesdienststätten, 5) gezielte Nutzung des jährlichen europäischen Tags des Denkmals im September, 6) Öffnung von Gottesdienststätten als öffentliche Räume für Traditionspflege und zeitgenössische Kunst und Kultur, 7) Öffnung der religiösen und kulturellen Bedeutung sakraler Gebäude für die europäische Gesellschaft, 8) Fundraising auf europäischer Ebene und Austausch entsprechender Erfahrungen, 9) Unterstützung der Sichtbarmachung der kulturhistorischen und gesellschaftlichen Bedeutung von Gottesdienststätten, 10) Erstellen einer Gefahrenliste auf europäischer Ebene, aktualisiert mit Erfolgsbeispielen, 11) Erstellen einer Liste internationaler und europäischer Finanzierungquellen für die Erhaltung religiöser Stätten, 12) Unterstützung bei Gründung und Aufbau lokaler Förderinitiativen, die zum unmittelbaren Handeln befähigt sind, 13) Austausch von Expertisen in den Bereichen Ausbildung, Beratung und Organisationen-Entwicklung (capacity-building), 14) Ausbau der vorhandenen Website (www.placesofworshipeu.org) zu den o.g. Aktionsfeldern.

Als bemerkenswert muss festgehalten werden, dass von vielen Teilnehmern die Verknüpfung der beiden Dimensionen cultural heritage und religious belief als unabdingbar für die langfristige Bewahrung von Gottesdienststätten gesehen wurde ("from historical experience we know that one cannot separate the dimension of cultural heritage from that of religious belief").

Zu jedem dieser Aktionsfelder wurden in weiteren Arbeitsgruppen praktische Handlungsanweisungen erarbeitet. Diese sollen in einem abschließenden Konferenzbericht zusammengefasst und allen Teilnehmern bis Ende Januar 2011 zugeleitet werden. Vorab wird eine Pressemitteilung veröffentlicht werden. Konkretes Ergebnis der Konferenz ist der "Beschluss zur Gründung eines Netzwerkes, das sich der Bewahrung des europäischen Kulturerbes von Gottesdienststätten verpflichtet". Alle kirchlichen, kirchennahen, staatlichen und nicht-staatlichen, wissenschaftlichen sowie denkmalpflegerischen Organisationen und Bürgerinitiativen sind eingeladen, in diesem Netzwerk mitzuwirken unter www.placesofworshipeu.org.

Der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V. und der Förderkreis Alte Kirchen Marburg e.V. teilen diesen Beschluss und unterstützen mit einer Absichtserklärung die Gründung eines Sekretariats für das Netzwerk beim Churches Conservation Trust.

Dr. Uwe Otzen/Angus Fowler
(Vorsitzende des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V. und des Förderkreises Alte Kirchen Marburg e.V.)

Berlin, den 22. November 2010

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