Geist geht vor Geld

Gespräch mit Helge Adolphsen

Helge Adolphsen, emeritierter Hauptpastor der Hauptkirche St. Michaelis ("Michel") in Hamburg, ist Präsident des Evangelischen Kirchbautages.

Das Gespräch führte Bernd Janowski.

 Helge Adolphsen
Foto: Manfred Zapf

Herr Adolphsen, was ist, was macht der Evangelische Kirchbautag?

Der Evangelische Kirchbautag ist ein freier Zusammenschluss von Architekten, Theologen, bildenden Künstlern und anderen Persönlichkeiten, die sich für den evangelischen Kirchenbau engagieren. Seine Gründung geht zurück auf eine Initiative des Theologen Oskar Söhngen im Jahr 1947. Es war dies in der Nachkriegszeit der Versuch, Menschen verschiedenster Professionen unter dem wichtigen Thema Kirchenerhalt und Kirchengestaltung zusammenzuführen. Regelmäßige deutschlandweite Kongresse Kirchbautage sollten Orientierung geben zu Fragen der Gestaltung und Nutzung von Kirchen, zu Liturgie und Raum, Raum und Ritual und zu all den Themen, die sich daraus ergeben.

Beim ersten Kirchbautag 1947 ging es um den Wiederaufbau zerstörter Kirchen, später um die Gestaltung von Räumen und den Neubau von Kirchen. Heute stehen vor allem Fragen der Bewahrung und Erhaltung im Mittelpunkt. Ist der Grund dafür, dass die Kirche als Institution in die Defensive geraten ist?

Diese Defensive hat mit den Veränderungen in unserer Gesellschaft zu tun: mit Einnahmeverlusten, mit einer Mitgliederbewegung, die durch Kirchenaustritte gekennzeichnet ist, und mit einer Bevölkerung, die immer mehr auch von anderen Kulturen und anderen Religionen geprägt wird.

Der Kirchbautag fühlt sich aber auch herausgefordert gegenüber Tendenzen eines leichtfertigen Umgangs mit unseren Kirchengebäuden. Es gilt, der schnellen Abgabe und Entwidmung von Kirchen Einhalt zu gebieten. Kirchen haben nicht nur für die Kirche selbst, sondern immer auch für die Gesellschaft, für die Stadt und das Dorf und damit die Kultur Bedeutung. Es ist eine entscheidende Aussage, dass alle in der Gesellschaft, angefangen bei den Politikern bis hin zu den Bürgern in Stadt und Land, eine Kulturerbemitverantwortung haben. Es geht darum, Kirchen zu retten, zu erhalten und intensiver zu nutzen.

Der 26. Kirchbautag, der in diesem Jahr in Dortmund stattfindet, steht unter dem Thema: "Transformationen Kirchen als Orte des Übergangs". Ein wichtiges Thema wird die erweiterte Nutzung, vermutlich auch die Umnutzung von Kirchen sein. Wird in Dortmund hauptsächlich die Verwertung von Immobilien thematisiert?

Nein, wir wollen anders vorgehen. Wir wählten bewusst das Ruhrgebiet, wo ja besonders deutlich Transformationen, Veränderungen und Übergänge stattgefunden haben. Stahl und Kohle sind verschwunden; trotzdem blüht es dort. Hier sind wir am Puls der Zeit. Wir kamen während der Vorbereitungen dort mit Vertretern von Gemeinden zusammen, die durch geringer werdende Mitgliederzahlen oder durch Fusionen Probleme mit ihren Kirchengebäuden haben. Oft sind sie fixiert auf das Gespenst "kein Geld". Wir wollen mit unseren Erfahrungen helfen, die Phantasie zu beflügeln, Kreativität zu entwickeln und neue Möglichkeiten zu entdecken. Wir wollen sehr direkt mit den Betroffenen in der Region ins Gespräch kommen.

Wo liegen bei Ihnen die theologischen Grenzen der Nutzung von Kirchenräumen?

Das ist nicht ganz einfach zu sagen. Ich beginne mal mit den emotionalen Grenzen. Die sind nämlich sehr wichtig. Es gibt diese erschreckenden Beispiele aus Holland: Teppichlager, Warenhaus, bis hin zum Umbau zu einer Geisterbahn wie in Amsterdam... Oder eine Modenschau mit Dessous in der Kirche... Das ist nicht akzeptabel für Menschen in ihrer ganz natürlichen Beziehung zu einem sakralen Raum. Die Grenzen sind da, wo es nicht mehr möglich ist, diesen Raum als Zeichen und Form gebauten Glaubens, als einen wirklich gesonderten Alternativraum zum täglichen Leben zu erkennen.

In der Erklärung des Leipziger Kirchbautages im Jahr 2002 steht der Satz: "Kirchen sind Freiräume. Das Experiment darf hier zu Hause sein". In Ihrer Eröffnungsansprache auf eben diesem Kirchbautag sagten Sie aber auch: "Eine Kirche ist kein Markt der Möglichkeiten." Wo liegt die goldene Mitte?

Obwohl die Kirche für alle da ist, ist sie nicht für alles da. Über die Grenzen sprachen wir schon. Und dennoch: Wer heute in der krisenhaften Situation zum Beispiel einer gefährdeten Dorfkirche steht, muss auch den Mut haben, "Grenzgänger" zu sein. Der große Theologe Paul Tillich sagte: "Die Grenze ist der heimliche Ort der Erkenntnis." Und ich glaube in der Tat, dass sich in Grenzsituationen deutlich herausstellt, was gut und zukunftsweisend ist und was nicht möglich ist. Die Experimente der Siebzigerjahre Disko und Punk in der Kirche waren wichtige Erfahrungen, um bald zu erkennen, dass das nicht geht. Aber man darf etwas wagen, und leider vermisse ich oft diesen Wagemut.

Kann man in Stadtkirchen wie dem Hamburger "Michel" mehr wagen als in kleinen Dorfkirchen? Oder umgekehrt?

Das hängt immer von der Situation vor Ort ab, aber auch ganz entscheidend von der Geschichte der jeweiligen Region und der Kirche. Es sind auch Prozesse zu erkennen. Als wir 1981 im "Michel" ein Ballett zur Matthäuspassion aufführten, gab es einen heftigen Aufruhr. Inzwischen wurde das mehrfach wiederholt und niemand nimmt mehr Anstoß, auch nicht an den jeweils notwendigen Kulisseneinbauten in die Kirche. Man muss immer sorgsam prüfen, was man mit einem Raum, seiner Geschichte und Architektur tun kann; auch auf die Qualität der Arbeit kommt es an. Übrigens: Tanz war von den frühen Zeiten der Kirche an bis ins Mittelalter ein Ausdrucksmittel auch für den Glauben.

Also können die Grenzen für unterschiedliche Gemeinden auch unterschiedlich sein...

Natürlich kann das so sein. Evangelisch heißt plural. Diese Grenzen müssen sogar unterschiedlich definiert werden und das aus einem kirchlichen und letztlich auch theologischen Grund. Jeder Kirchenvorstand ist verantwortlich, über die Nutzung seiner Kirche nicht nur zu befinden, sondern dafür Kriterien aufzustellen. Bei allen Entscheidungen und Begründungen des Kirchenvorstandes muss ein klares Profil erkennbar sein. Deshalb ist es auch wichtig, dass diese Menschen geschult werden.

Die Entscheidungen müssen theologisch stimmen. Es kann gesagt werden, dass in einem Haus, in dem Gottes Wort verkündet wird und die Sakramente ausgeteilt werden, nichts anderes stattfinden darf. Es kann gesagt werden, dieses Haus sei zugleich ein Versammlungsraum der Gemeinde mit allen ihren verschiedenen Lebensformen und deshalb sei eine erweiterte Nutzung möglich. Und wo man in der Kirche einen Raum sieht, der für das Dorf oder die Stadt schon immer ein Ort der Begegnung und Identifikation war, können auch kulturelle Veranstaltungen angeboten werden, die in anderen Kirchengemeinden nicht vorstellbar sind. In einem Hamburger Ortsteil mit vielen jungen Einwohnern hat man Filme gezeigt und sie in den Gottesdienst einbezogen. Es gibt viele Möglichkeiten; sie müssen nur klug genutzt und begründet werden.

In der gegenwärtigen Diskussion über Kirchennutzungen geht es um die Bildung von Profilgemeinden, den Einbau von Funktionsräumen in Kirchengebäude und ähnliches. An unseren brandenburgischen Dörfern mit zumeist weniger als hundert Gemeindegliedern gehen solche Gedankenspiele vorbei. Stimmen Sie mir zu, dass die Diskussion auch auf den Kirchbautagen oft ein wenig zu stadtlastig geführt wird?

Seit Paulus´ Zeiten haben sich die Probleme der Kirchen immer zuerst und am stärksten in den Städten gezeigt. Das prägt die Kirche seit ihren Anfangszeiten, und darüber wird manchmal die Situation in den Dörfern vergessen. Ich glaube, wir stehen hier vor völlig neuen Herausforderungen, die in Brandenburg auch noch viel schwieriger sind als hier im Westen.

Noch...

...noch, ja das wird hier auch noch kommen. Wir brauchen ein neues Verständnis des Pfarramtes und wir brauchen Menschen, die sich als Christen persönlich engagieren. Pfarrer wären in Zukunft "Trainer" engagierter Laien, die dann Andachten oder sogar Gottesdienste abhalten und für ihre jeweilige Kirche ein Konzept entwickeln.

Was ist dort, wo das nicht funktioniert? Machen wir dort einfach dicht?

Wir müssen die Entwicklungen noch weiter beobachten. Hauskreise zum Beispiel sind eine Riesenchance. Man muss zunehmend versuchen, auch ohne Ortspfarrer etwas in Gang zu bringen. Ein Mentalitätswechsel ist dringend notwendig.

Sie zitierten einmal den Schriftsteller Pascal Mercier mit dem Satz "Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben". Abgewandelt auf unsere Problemstellung ließe sich auch sagen: "Ich möchte nicht in einem Dorf ohne Dorfkirche leben." Wäre das nicht mal ein Thema für einen Kirchbautag mit Blick auf die ländlichen Regionen in den neuen Ländern auch als Vision für den Westen Deutschlands?

Wir hatten ursprünglich sogar vor, beim nächsten Kirchbautag nach Pommern zu gehen und genau dieses Thema aufzunehmen. Es gab Gründe, warum wir es diesmal nicht getan haben. Aber ich stimme Ihnen zu, dass dieses Thema dran ist, wir müssen uns diesen Fragen stellen. Es gilt, Strategien für die ganz schwierigen Gebiete zu entwickeln. Wir müssen auch damit leben, dass Kirchen zeitweilig nicht genutzt werden. Die Kirchen aber, die in der DDR teilweise verfielen, sind noch vorhanden und vielerorts werden sie mit neuem Leben erfüllt. Ich werbe für den langen Atem, den Gott mit uns hat, auch im Hinblick auf unsere Kirchen.

Der Förderkreis Alte Kirchen wirbt dafür, dass sich Kirchen für Touristen öffnen. Manche Besucher betreten erstmals eine Kirche. Ihnen fehlt das Grundwissen über den christlichen Glauben und damit über die liturgische Funktion der Ausstattung, der sie hier begegnen. Werden Kirchen künftig einfach nur als Museen gesehen?

Das ist durchaus eine Gefahr. Aber es ist auch eine Riesenchance, den Symbolgehalt der Kirche mit seinem Raum und seinen Kunstwerken zu erklären, um diesen Menschen einen anderen Zugang zu vermitteln.

Es gibt noch viele Unsicherheiten, die überwunden werden müssen. Kirchenräume dürfen keiner Beliebigkeit ausgesetzt werden, etwa indem je nach persönlichem Geschmack Bildchen aufgehängt oder Deckchen arrangiert werden. Kirchen sind Kulträume, sie sind wichtig nicht nur für die Kerngemeinde, sondern für alle Menschen. Mit dem Raum muss eine klare Botschaft vermittelt werden.

Nun sind Kirchen mitsamt ihrer Ausstattung auch Denkmale. Wie gehen wir mit dem Denkmal Kirche um, wenn die Gemeinde allein zu schwach ist, es zu erhalten?

Die Entscheidung, ein Kirchengebäude unter Denkmalschutz zu stellen, ist auch eine Verpflichtung für die ganze Gesellschaft mitzuhelfen, dass es erhalten und möglichst auch genutzt wird. Ich plädiere für eine noch viel stärkere Partnerschaft zwischen Denkmalpflege, Kirche und den Verantwortlichen in der Kommunal-, Landes- und Bundespolitik auch angesichts der eklatanten Tatsache, dass die Restaurierung und Sanierung von Kirchen dem vollen Mehrwertsteuersatz unterliegen.

In den Redebeiträgen des Stuttgarter Kirchbautages 2006 fiel mehrfach der Satz: "Der Abriss einer Kirche geht vor imageschädigender Fremdnutzung." In der Abschlusserklärung war diese Formulierung dann nicht mehr zu finden...

Man wollte in der Tradition des Kirchbautages nicht etwas formulieren, was schon ein Eingeständnis der Schwäche ist, sondern nach vorne sehen. Andererseits geht das natürlich auf Kosten der Differenzierung. Die Kirche muss klar ihr Profil zeigen und Grenzen, wie weit auch immer diese gefasst sind, deutlich markieren.

In einer aktuellen Architekturzeitschrift fand ich erst kürzlich wieder die Prognose, "dass in absehbarer Zeit jede vierte Kirche in Deutschland von Schließung, Umbau oder Abriss bedroht" wäre. Teilen Sie dieses Horrorszenario?

Der Ansatz muss ein völlig anderer sein. Es ist schwer, Kirchen zu erhalten. Darum muss im Grunde alles getan werden und müssen alle Menschen guten Willens daran beteiligt werden, Kirchen nicht nur zu erhalten, sondern auch zu pflegen und intensiver zu nutzen. Mit solchen Horrorszenarien Angst zu machen, finde ich falsch. Das bannt die Blicke, blockiert die Sinne und die Phantasie eine der großen Gaben Gottes.

Bereits 1996 bezeichnete der Evangelische Kirchbautag die Bewahrung von Kirchengebäuden als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Mit großen Sponsoren können wir in Brandenburg nicht rechnen, aber es gibt viele Fördervereine, in denen sich Menschen engagieren, die oft nicht einmal konfessionell gebunden sind, die Zeit und Geld opfern. Ein Potential, das Hoffnung rechtfertigt?

Da ist ganz viel Potential. Was gibt es Besseres als eine wirkliche Partnerschaft von Menschen guten Willens, die aus ihrem Inneren heraus etwas tun und es auch herzlich gern tun. Es gilt, noch viel mehr Menschen dafür zu gewinnen, indem man sie anspricht, ihnen diese andere Dimension des Lebens vor Augen führt und deutlich macht, was hier sichtbar gestaltet werden kann. Wenn man die Eigeninitiative ernst nimmt und wegkommt von der Konsumentenhaltung "Die da oben, der Staat, die Kirchen, die machen das schon.", dann sind da große Chancen.

Eigeninitiative wird oft gelähmt durch die Diskussion über die Beschaffung der notwendigen Finanzen selbst für kleinere Reparaturen. Verspielen wir andererseits nicht auch Chancen, wenn immer nur über Geld geredet werden muss?

Das ist genau das Thema. Mein Motto heißt: Geist geht vor Geld. Und mit Geist meine ich Phantasie, Initiativen, Kreativität. Abgesehen davon, dass die Öffentlichkeit allmählich den Eindruck haben muss, dass die Kirche nur noch über Geld redet und vom Evangelium nichts mehr versteht.

Herr Adolphsen, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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