Buchtipp des Monats

Die Reformation in Brandenburg

Selbst Fachleute haben vermutlich inzwischen den Überblick über die Vielzahl der mehr oder minder qualitätsvollen Publikationen zum diesjährigen Reformationsjubiläum verloren. Was jedoch bisher fehlte, war eine ausführliche wissenschaftliche Gesamtdarstellung der Prozesse, die in der Mark Brandenburg zur Einführung der Reformation, zur Etablierung einer einheitlichen lutherischen Landeskirche und schließlich mit dem Übertritt des Kurfürsten Johann Sigismund zum Calvinismus im Jahr 1613 zur sogenannten „weiten Reformation“ in Brandenburg führten. Zu Recht weist Karl-Heinrich Lütcke, Vorsitzender des Vereins für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte, im Geleitwort zum vorliegenden Buch darauf hin, dass die letzte Monographie zum Thema – von Julius Heidemann – bereits aus dem Jahr 1889 stammte.

Andreas Stegmann, Inhaber des Lehrstuhls für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin, hat nun ein Werk vorgelegt, dass sich nicht nur mit der Darstellung von Einzelaspekten begnügt, sondern – in gut lesbarer Sprache und durchaus auch dem interessierten Laien verständlich (!) – detailliert berichtet, was da zwischen hohem Mittelalter und früher Neuzeit an Religions- und Glaubensgeschichte in der Mark so passierte.

Stegmann holt (dankenswerterweise) weit aus. Er beginnt mit einem knappen Überblick über die märkische Kirchengeschichte vom Beginn der Kolonisationszeit bis zum Lutherschen Thesenanschlag 1517. Nach einem Exkurs über die mittelalterliche Glaubenswelt schildert er die Praxis des Ablasshandels, von der nicht nur der Papst in Rom profitierte, sondern durchaus auch der brandenburgische Kurfürst und vor allem sein Bruder Albrecht, der durch diese Einnahmen die eigentlich unzulässige Ämterhäufung als Erzbischof von Magdeburg und Mainz erkaufte.

Nachdem sich, ausgehend von Wittenberg, die reformatorischen Gedanken zuerst in Kursachsen und später in weiteren Nachbarterritorien durchsetzen, agiert in Brandenburg Joachim I. als treue Stütze des Papsttums. Als seine Ehefrau Elisabeth, eine Tochter des dänischen Königs, mit dem lutherischen Glauben sympathisiert und heimlich das Abendmahl in beiderlei Gestalt empfängt, reagiert er mit brachialer Härte, was Elisabeth zur Flucht nach Sachsen treibt. Seine Söhne Joachim und Johann verpflichtet der Kurfürst testamentarisch, am rechtmäßigen katholischen Glauben festzuhalten.

Zwischen beiden Söhnen Joachims I. erfolgt nach dessen Tod im Jahre 1535 eine Landesteilung. Während Markgraf Johann von Küstrin in der ihm zugesprochenen Neumark zügig die Reformation einführte und sogar dem Schmalkaldischen Bund – dem Verteidigungsbündnis der protestantischen Fürstentümer – beitritt, scheint Joachim II., dessen Herrschaftsbereich Altmark, Mittelmark, Prignitz und Uckermark umfasste, zögerlicher zu reagieren. Aus machtpolitischen Gründen wählt er zunächst einen Mittelweg zwischen Rom und Wittenberg. Reformatorische Bestrebungen an der Basis werden nicht mehr verfolgt wie noch zu Zeiten seines Vaters. Ein klares eigenes Bekenntnis zum lutherischen Glauben legt Joachim II. jedoch erst 1539, als er am 1. November im Beisein zahlreicher Adliger selbst das erstmals das lutherische Abendmahl empfängt. Anschließend lässt Joachim für Kurbrandenburg eine neue Kirchenordnung erarbeiten. Im Schutz des Augsburger Religionsfriedens etabliert sich bis 1571 eine einheitliche lutherische Landeskirche.

Damit jedoch ist die brandenburgische Reformationsgeschichte nicht beendet: Kurfürst Johann Sigismund tritt 1613 zum Calvinismus über; sowohl religionspolitische und religiöse als auch machtpolitische Gründe dürften hier eine Rolle gespielt haben. Da sich Geistlichkeit und Bevölkerung in Brandenburg ihrerseits weigern, ebenfalls zum reformierten Glauben zu konvertieren, entsteht die für die damalige Zeit einmalige Situation, dass Herrscher und Beherrschte unterschiedlichen Konfessionen angehören. Vielleicht wird hier schon der Grundstein für die spätere Toleranzpolitik preußischer Könige gelegt.

Wer einen ausführlichen Überblick über ein wichtiges und spannendes Kapitel brandenburgischer Geschichte bekommen möchte, dem sei die Lektüre des Buches durchaus empfohlen. Schmerzen beim Lesen bereiten lediglich die zahlreichen Flüchtigkeits- und Druckfehler; hier ist Toleranz gefordert, die manchmal etwas schwerfällt. In Bezug auf die 1540 erschienene neue Kirchenordnung schreibt Andreas Stegmann: „Auch immer noch einzuarbeitende Änderungen und Korrekturen von Druckfehlern zögerten die Fertigstellung des Ganzen hinaus.“ Etwas Verzögerung bei der Fertigstellung und ein gründlicheres Lektorat hätten dem Ganzen auch hier gutgetan.

Andreas Stegmann: Die Reformation in der Mark Brandenburg. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2017. 279 Seiten, mit Abbildungen; ISBN 978-3-374-05195-3; Preis: 34, - Euro.

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 Bibliographie zur Kirchengeschichte in Berlin-Brandenburg

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 300 Jahre Sophienkirche in Berlin

 Katholischer Sakralbau in der SBZ und in der DDR

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 Dietrich von Stechow

 Taufengel in Pommern

 Dokumentation des Rostocker Kirchbautags 2011

 Publikation zur Beeskower Marienkirche