Buchtipp des Monats

Schweizerkirchen im Ruppiner Land

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges waren weite Teile der Mark Brandenburg stark entvölkert; etliche Ortschaften lagen wüst. Das brandenburgische Herrscherhaus, allen voran der „Große Kurfürst“ Friedrich Wilhelm (1640-1688) versuchte erfolgreich, den Bevölkerungsverlust durch eine Politik der „Peuplierung“ wieder auszugleichen. Über die gelungene Ansiedlung französischer Glaubensflüchtlinge, der Hugenotten, ist viel geschrieben worden. Weitgehend vergessen jedoch ist, dass zu dieser Zeit auch 15.000 bis 20.000 reformierte Schweizer in Deutschland eine neue Heimat fanden, viele von ihnen in Brandenburg und Ostpreußen. Anders als ihre französischen Glaubensbrüder jedoch flüchteten sie nicht vor religiöser Verfolgung, sondern vor Hunger und Armut. „Weil nun die Schweiz ohne dem ie und zuweilen geschehen lässet, daß einige von ihren Landeskindern ihr glük ausser Landes suchen; die schöne viehzucht aber vor andern ein augenmerk unseres Landesvaters war …“ – so begründet Johann Christoph Bekmann in seiner 1751 erschienenen „Historischen Beschreibung der Chur und Mark Brandenburg“ die Ansiedlung.

Da die Neusiedler weitgehende Steuerbefreiungen erhielten, waren adlige Grundbesitzer nicht besonders an einem Zuzug interessiert, so dass die Ansiedlung hauptsächlich auf den kurfürstlichen Domänengütern erfolgte. So trafen ab 1690 auch größere Gruppen von Schweizer Einwanderern aus den Kantonen Bern und Zürich in den Ämtern Lindow und Altruppin ein. Es entstanden die Schweizerdörfer Glambeck, Linow, Lüdersdorf, Schulzendorf, Storbeck und Vielitz, die sämtlich bis heute Bestand haben.

Schon bald entstand bei den Kolonisten, die ihre Prediger aus der Heimat mitgebracht hatten, der Wunsch nach eigenen Gotteshäusern. Kurfürst Friedrich Wilhelm gab zwar umgehend seine Erlaubnis, was jedoch nicht das Problem der Finanzierung löste. Dass dennoch zwischen 1700 und 1707 fünf Kirchenneubauten – sämtlich Fachwerkbauten auf zwölfeckigem Grundriss – entstanden, ist weitgehend eidgenössischen Kollektengeldern zu verdanken. Dem Prozess des Kirchenbaus und dem Schicksal der Schweizerkirchen hat nun der Historiker Peter Schmidt ein auf umfangreichem Aktenstudium beruhendes, nichtsdestotrotz gut lesbares und spannendes, Büchlein gewidmet.

Die den Gemeinden trotz finanzieller Unterstützung aus der Schweizer Heimat zur Verfügung stehenden Mittel hatten eine recht mangelhafte Qualität der Bauausführung zur Folge. Nur wenige Jahrzehnte später häuften sich bereits die notwendigen Reparaturen an sämtlichen Gotteshäusern. Nur drei der damals entstandenen Schweizerkirchen haben, wenn auch mit wesentlichen Änderungen, bis heute überdauert: in Linow, Lüdersdorf und Storbeck. Sie berichten von einem fast vergessenen Aspekt der brandenburgischen Geschichte, den Peter Schmidt mit seinem Buch vor dem weiteren Vergessen bewahrt.

Als in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine grundlegende Instandsetzung der Storbecker Kirche anstand, wandte sich die Gemeinde mit der Bitte um Unterstützung erfolgreich auch an die Schweizer Botschaft in Berlin. Die gewährten Mittel zeigen, dass die Alpenrepublik ihre vor 300 Jahren ausgewanderten Einwohner nicht vergessen hat.

Peter Schmidt: Schweizerkirchen im Rupiner Land. Edition Rieger; Karwe 2017; 72 Seiten; zahlreiche Abbildungen; 10, - Euro; ISBN 978-3-941187-95-5

Bisher vorgestellt:

 Die Marienkirche in Bernau und ihre Ausstattung

 Die Kirchen der Potsdamer Kulturlandschaft

 Die Bettelorden in den beiden Lausitzen

 Die Werkssiedlungen im Niederlausitzer Braunkohlerevier

 Die ehemalige Scherer-Orgel in Bernau

 Rettet das Dorf!

 St. Johannis zu Luckenwalde. Eine Baugeschichte.

 Ausstellungskatalog "Karl IV. Ein Kaiser in Brandenburg"

 Die Kirchen und Kapellen der Prignitz

 Bibliothek in Backstein

 Sehen lernen. Bilder und Symbole in der Welt der Kirche

 Zisterzienserkloster und Schlossanlage Dobrilugk / Doberlug

 Der Trommler von Gröben

 Eine Zukunft für unsere Vergangenheit

 Zeitschrift "Brandenburgische Denkmalpflege – Neue Folge"

 Ein Glücksritter. Die englischen Jahre von Fürst Pückler-Muskau

 Gottes Klänge. Eine Geschichte der Kirchenmusik

 Alle Altmarkkirchen von A bis Z

 Innovation und Tradition – Hinrich Brunsberg und die spätgotische Backsteinarchitektur in Pommern und der Mark Brandenburg

 25 Jahre Brandenburgische Sommerkonzerte

 Sensibel für Armut. Kirchengemeinden in der Uckermark

 Synagogen in Brandenburg. Spurensuche

 Regionalität und Transfergeschichte

 Das Nonnenkloster von Seehausen in der Uckermark

 Die Dorfkirchen rund um den Beetzsee

 Wie sich das Leben auf dem Land neu erfinden lässt

 Naturräume und Landschaften in Brandenburg und Berlin

 Die mittelalterlichen Kirchen in der nördlichen und östlichen Uckermark

 Der Berliner Totentanz

 Orte des Oderbruchs in historischen Ansichten

 Zivilgesellschaft und Denkmalschutz im deutsch-polnischen Grenzgebiet

 Fahrrad-Routen durch die Kirchenlandschaft der Mecklenburgischen Seenplatte

 Sächsisches Brandenburg. Eine Spurensuche

 Havelland. Ein Wegbegleiter.

 Kossenblatt. Das vergessene Königsschloss

 Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation

 Himmelskinder aus Brandenburg

 Das Hochaltarretabel in der Prenzlauer Marienkirche

 Johannes-Offenbarung und Kirchenbau

 Zisterzienserkloster Chorin

 Ausstellungskatalog und Themenheft zur Kulturgeschichte des Evangelischen Pfarrhauses

 Bibliographie zur Kirchengeschichte in Berlin-Brandenburg

 Friedrich der Große und Graf Brühl

 Der Ribbeckaltar in der Patronatskirche zu Groß Glienicke

 300 Jahre Sophienkirche in Berlin

 Katholischer Sakralbau in der SBZ und in der DDR

 Kirchen an Trebel und Ibitz

 Streifzüge zwischen Oder und Drage

 Dietrich von Stechow

 Taufengel in Pommern

 Dokumentation des Rostocker Kirchbautags 2011

 Publikation zur Beeskower Marienkirche