Derwitz

Totenkronenkästen in der Kirche gefunden

Bei einer Inventur auf dem Kirchdachboden in Derwitz sind seltene Denkmäler zum Vorschein gekommen: Totenkronenkästen. Sie sind eine vielerorts vergessene Erinnerungskultur.

Jorinde Bugenhagen und Andreas Kirsch zeigen einen Totenkronenkasten auf dem Dachboden der Kirche.
Quelle: Luise Fröhlich

Derwitz Seltener Fund in der Derwitzer Kirche: Bei der Inventur auf dem Dachboden sind zwölf Totenkronenkisten aus dem 19. Jahrhundert zum Vorschein gekommen. Dabei handelt es sich um individuell gestaltete Kästen, in denen hinter Glas oder Holz teils reich verzierte und bestickte Schlummerkissen liegen. Die Totenkrone selbst diente als Schmuckstück bei der Bestattung von Säuglingen, Kindern und unverheiratet Gestorbenen und als Ersatz für die zu Lebzeiten entbehrte Brautkrone. Die rund 150 Jahre alten Kästen müssen vor allem vor UV-Licht und Feuchtigkeit geschützt werden. In Anbetracht dessen war der Dachboden der Kirche nicht der schlechteste Lagerort. Dennoch müssen die Totenkronen restauriert werden.

Landkreis und Kirchengemeinde sind nun auf der Suche nach Fördermitteln und Paten, die das Vorhaben unterstützen. Zum Aktionstag „Feuer und Flamme für unsere Museen“ am Sonnabend, 27. Oktober, ist deshalb etwas Besonderes geplant: „Wir wollen zwei bis drei Totenkronenkästen im Kirchenraum auslegen“, kündigt Andreas Kirsch von der Christophorus-Kirchengemeinde Groß Kreutz an. Perspektivisch sollen die restaurierten Kästen ihren Platz im Derwitzer Gotteshaus finden, denn ursprünglich war es Teil der Erinnerungskultur, Totenkronenkästen nach der Bestattung im Kirchenraum aufzuhängen.

„Ganz besondere Sammlung“

Kunsthistorikerin Sylvia Müller-Pfeifruck ist nach dem Fund zunächst beauftragt worden, die Kästen zu begutachten und zu verzeichnen. Dabei untersuchte sie zum Beispiel deren Zustand und forschte in Kirchenbüchern nach den Schicksalen der jungen Menschen, für die sie einst angefertigt wurden. Oft haben die Angehörigen die Schmuckkästen selbst gestaltet und beispielsweise die Namen oder das Geburts- und Sterbejahr auf die Kissen gestickt. Laut Gutachten starben manche an Abzehrung, an Stickhusten, am Zahnen oder sind im Bleichloch des Gartens ertrunken. Einige wurden nur wenige Tage alt, andere starben als Jugendliche. Hauptsächlich sind es Säuglinge und Kinder.

„Das hier ist eine ganz besondere Sammlung. Die Kästen sind qualitativ hochwertig und in Handarbeit gestaltet“, sagt Jorinde Bugenhagen von der Unteren Denkmalschutzbehörde des Kreises. Die Kissen bestehen aus Seide und sind teilweise mit Perlen geschmückt.

Grünes Licht für Förderantrag

Mit dem Projekt Lilienthalkirche in Derwitz geht es unterdessen auch voran: Die Lokale Aktionsgruppe (LAG) Fläming-Havel hat grünes Licht für eine Leader-Förderung gegeben, mit deren Hilfe die Kirche saniert werden soll. Noch in diesem Monat will die Kirchengemeinde den Antrag beim Ministerium stellen, wie Andreas Kirsch berichtet. „Viele Generationen haben sich verdienstvoll am Erhalt der Kirche probiert. Nun wollen wir das Dach vom Kirchenschiff und vom Turm einschließlich Außenhülle fit machen für das nächste Jahrhundert“, erklärt er. Wie berichtet, soll die Kirche nach der Sanierung in unmittelbarer Nachbarschaft des Lilienthalmuseums an die ersten Flugversuche von Otto Lilienthal (1848-1896) auf dem Derwitzer Spitzberg erinnern. Abgesehen vom Gottesdienst wird die Kirche als Veranstaltungs- und Versammlungsraum dienen.

Im Landkreis Potsdam-Mittelmark sind bislang weitere Totenkronenkästen in Ferch, Butzow, Ketzür und Töplitz gefunden worden.

Von Luise Fröhlich

Märkische Allgemeine vom 20. Oktober 2018

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