Dorfkirche

1996 noch eine neue Glocke gegossen

Thomas Berger

Reichenow Sie sind in der Regel die ältesten Bauwerke ihrer Orte, steinerner Brückenschlag zwischen den Jahrhunderten. Die MOZ stellt in einer Serie die Kirchen vor. Heute: Dorfkirche Reichenow.

Turmlos und bescheiden: Von außen betrachtet ist Reichenows Kirche weniger auffällig als viele andere.
© Foto: Thomas Berger

Klein und bescheiden ist der Reichenower Kirchenbau – einer der ganz wenigen heutzutage, der turmlos ist. Früher, als das Gotteshaus in gotischer Zeit errichtet wurde, war der noch nicht nötig. Später dann muss aber doch einer angebaut worden sein – zumindest ist er nachweislich auf einem Kirchensiegel aus dem Jahr 1779 abgebildet, wie Heimathistoriker Reinhard Schmook in seinem Beitrag über Reichenow im Band „Kirchen und Gemeindehäuser im Evangelischen Kirchenkreis Oderbruch“ aus dem Findling-Verlag schreibt. Noch 1694 wurde er den Überlieferungen zufolge erneuert, hatte also zu jener Zeit ebenfalls schon eine Weile Bestand. 1753 dann fiel er aber einem Sturm zum Opfer. Und ob nun mangelnder Bedarf oder einfach Sparsamkeit/fehlendes Geld der Grund war: Ersetzt wurde er nicht, lediglich drei Jahrzehnte später ein Glockenstuhl auf dem Dachboden installiert.

Sehr kompakt und schmucklos kommt der Kirchenbau somit noch heute daher. Das größte Aha-Erlebnis findet sich, wenn Besucher die seitliche Eingangstür durchschritten haben und im Innern stehen, den Blick gebannt auf den imposanten, aus dem Jahr 1622 stammenden Altaraufsatz gerichtet. Ein bemerkenswertes Ausstattungsstück, das da in seiner ganzen ursprünglichen Pracht die Zeiten überdauert hat. Beginnend mit der Abendmahlszene unten, geht es über vier Etagen mit Kreuzigung und Auferstehung bis zur Darstellung des Jüngsten Gerichts ganz oben, dazu an den Seiten die vier Evangelisten. Bereits bei der Restaurierung, die der Altaraufsatz in den Jahren 1962 bis 1965 in den Werkstätten der Staatlichen Museen Berlin durchlaufen hat, wurde die ursprüngliche Farbfassung (auffallend: eine Dominanz von Geld- und Blautönen) wieder hergestellt.

Wichtigstes Ausstattungsstück: Der prächtige Altaraufsatz in klassischer Gliederung stammt aus dem Jahr 1622, wie auch auf ihm vermerkt ist. 1962 bis 1965 wurde er fachkundig restauriert.
© Foto: Thomas Berger

Nicht nur dieses aufwendige Restaurierungswerk durch Expertenhand fällt in die frühen Sechzigerjahre. Zeitgleich wurde 1961/62 das gesamte Kirchen-innere renoviert, endgültig die Schäden aus den letzten Kriegstagen 1945 beseitigend, als vor allem das Dach unter den in der Gegend stattfindenden Kämpfen zu leiden hatte, in der Folge auch innen manches nicht ungeschoren blieb. So die alte Orgel, die es so schwer traf, dass sie demontiert werden musste und schließlich 1970 durch eine Neuinstallation der Dresdner Orgelbaufirma Gebrüder Jehmlich Ersatz fand. Heute fehlt es, wie Pfarrer Christian Kohler nüchtern feststellt, wie andernorts vor allem an jemandem, der überhaupt noch in der Lage wäre, auf dem Instrument zu spielen.

Dennoch ist die Orgel an sich nicht das primäre Sorgenkind. Eher ist es der Holzwurm, der insgesamt die Empore und alles auf ihr befallen hat, sich unerbittlich weiter durch alle hölzernen Teile frisst. Immerhin ist Kohler inzwischen mit einem Orgelbauer in Kontakt, um gemeinsam zu ergründen, wie auf geeignete Weise und für die Kirchengemeinde bezahlbar mit gezieltem Eingreifen weitere Schäden verhindert werden können. Zwei Varianten erscheinen dabei möglich.

Es war Kohlers Amtsvorgänger Harald Neumann, der als örtlicher Pfarrer noch in den Neunzigerjahren bis zur Jahrtausendwende mit einigen wichtigen Schritten wie der Dacherneuerung kurz vor seinem Ruhestand für die Verringerung des Sorgenpotenzials gesorgt hatte. Ein ganz großes Ereignis war 1996 der Guss einer neuen Glocke in der Glockengießerei Lauchhammer: Pfarrer Neumann und weitere Vertreter der Kirchengemeinde waren dabei, als in dem einzigen Brandenburger Fachbetrieb dieser Art der feierliche Akt vorgenommen wurde. 281 Kilogramm schwer war das erfolgreiche Ergebnis, das schließlich mit dem Aufhängen das Dreier-Geläut in Reichenow wieder vervollständigte.

Heutzutage finden in der Kirche nur noch hin und wieder Gottesdienste statt, darüber hinaus Konzerte wie im Sommer der Auftakt zur diesjährigen Radposaunenfahrt der Eggersdorfer Bläser oder erst kürzlich zum Einstieg in ein Probenwochenende der Auftritt des Berliner Nikodemus-Chors vor etwa 30 Zuhörern. Im alten Pfarrhaus gegenüber ist gerade die Küche komplett erneuert worden, ist nun gemütlicher Treff für Christenlehre, Gemeindekirchenratssitzungen und andere Anlässe.

MOZ.de vom 05. Oktober 2018

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