Rädel

Wo die Kirche verkehrt herum steht

Das Rädeler Gotteshaus beeindruckt durch eine Ost-West-Ausrichtung, die gegen die Tradition ist. Schuld ist der sumpfige Untergrund. Dafür gibt es stimmungsvollere Abendveranstaltungen.

Die Rädeler Kirche mit dem Turm auf der eigentlich falschen Ostseite
Quelle: Christine Lummert
 
Marianne Fischer (von links, Dorit Schwesig und Marianne Hadan
Quelle: Christine Lummert
 
Blick von der Empore in den Kirchenraum
Quelle: Christine Lummert

Rädel Die Kirche in Rädel hat schon so manchen vom rechten Weg abgebracht. Nicht im übertragenen Sinn, denn Glaube und christliches Leben werden Dank der gut funktionierenden und sehr aktiven Kirchengemeinde im Dorf noch mehr gelebt, als das in einigen anderen Gotteshäusern der Region der Fall ist.

Die Verlust der Richtung ist mit einem Blick auf die Kirche wörtlich zu nehmen. So mancher Wanderer, der durch den märkischen Sand stapft und zur Orientierung gerne mal die weithin sichtbaren Kirchtürme zu Rate ziehen will, wird vom Rädeler Gotteshaus in die Irre geleitet. „Unsere Kirche steht verkehrt herum, denn der Turm ist nicht wie sonst üblich an der Westseite der Kirche zu finden, sondern im Osten, dort wo traditionell der Altar steht“, sagt Marianne Fischer, Vorsitzende des Gemeindekirchenrats.

Diese Abweichung von der Tradition ist dem morastigen Baugrund geschuldet. Die Kirche steht zwar mitten im Dorf, aber der Platz ist trotzdem für das im Jahr 1739 erbaute Gotteshaus eher problematisch. Der Vorgängerbau, von dem bis auf eine Glocke aus dem 14. Jahrhundert nichts erhalten geblieben ist, wahr sicher viel kleiner und deshalb hatten die Rädeler früherer Zeiten wohl keine Statikprobleme.

In der Geschichte taucht Rädel zum ersten Mal im Jahr 1180 auf. In der Stiftungsurkunde des Klosters Lehnin zählt Rädel zusammen mit vier weiteren Dörfern zur Erstausstattung der neugegründeten Zisterzienserabtei.

Den Ort gab es also schon davor und vielleicht sogar eine Kirche. Rädel hat die Zisterzienser kommen und nach der Reformation auch wieder gehen sehen. Gehörte das Dorf einst dem Kloster, drehten sich Verhältnisse später um, denn aus einer Kirchenvisitaion aus dem 1600 ist überliefert, dass der Mutterkirche Rädel die Filialen in Schwina (Emstal), Damelang und Lehnin unterstehen.

Als 1739 der neue Putzbau massiv aus Ziegelsteinen errichtet wurde, damals noch mit einem Turm auf der Westseite, sackte dieser Gebäudeteil bald ab. Die von den Rädelern beauftragten Baumeister mussten sich Gedanken machen und entschieden sich für einen Turmaufbau an der Ostseite, einen Dachreiter, dessen tragende Holzsäulen noch heute im Kirchenschiff zu sehen sind.

Die Schuke-Orgel von 1912 in der Rädeler Kirche
Quelle: Christine Lummert
 
Das Uhrwerk der Rädeler Turmuhr wird einmal in der Woche aufgezogen
Quelle: Christine Lummert

Die Neigung des Turmes ist aber immer wieder in den alten Berichten zur Kirche erwähnt. Im Laufe des 19. Jahrhundert musste drei Mal an Turm und Kirche repariert werden. Dabei wurde auch immer wieder der Turmknauf abgenommen und die darin befindlichen Dokumente, die seit dem Kirchenbau 1739 vorhanden waren, stetig weiter ergänzt. Zum letzten Mal geschah das im 1892 und vermutlich wanderte dann alles wieder zurück nach oben an die Spitze des Turms. Irgendetwas muss dabei aber schiefgegangen sein.

20 Jahre später, als die Rädeler endgültig eine neue Lösung für ihren Turmaufbau finden mussten, da die Eltern schon um ihrer Kinder fürchteten, die für das Läuten der Glocken zuständig waren, hätten die Dorfbewohner eigentlich einen historischen Schriftenschatz heben müssen. Als der alte Turm jedoch 1912 abgebrochen wurde, fanden sich im Knauf nur noch unleserliche, verwitterte Reste.

Immerhin war zu Beginn des 20. Jahrhunderts endlich genug Geld in den Kassen, um dem wackeligen Turm im Zuge einer großen Kirchensanierung von Grund auf neu zu bauen. Bei den Schachtungsarbeiten tat sich dann doch ganz unvermutet ein Blick in die Geschichte auf. Ungewöhnlich viele Schädel und Knochen kamen zum Vorschein und die Vermutung lag nahe, dass man auf ein Massengrab aus der Zeit des 30-jährigen Krieges gestoßen war.

1913 konnte die Kirche wieder eingeweiht werden. Ein massiver Turm war angebaut worden, das gesamte Dach wurde neu gedeckt und im Inneren erhielt die Kirche nicht nur eine „bescheidende Ausmalung“, wie aus den alten Akten überliefert ist, sondern auch eine größere Orgelempore auf der ein Instrument von Schuke seinen Platz fand. Diese Orgel ist noch heute vorhanden und wird regelmäßig gespielt.

Erst 60 Jahre später musste die Kirche wieder von Bauarbeitern angefasst werden. Ein Sturm hatte gewütet und unter anderem die beiden Jugendstilfenster links und rechts des Altars zerschlagen. „In einer Glaserei sollte eigentlich eine Reparatur versucht werden, aber dann kam von dort der Anruf, dass unsere Kirchenfenster nicht mehr aufzufinden wären und wir uns anderweitig Gedanken machen sollten“, erklärt Dorit Schwesig. Die Rädeler haben natürliche eine Lösung gefunden.

Heute schmücken bunt gestaltete Fenster an der Westseite hinter dem Altar den Kirchenraum. „Und weil unsere Kirche verkehrt herum steht, sind bei uns eben die abendlichen Veranstaltungen besonders stimmungsvoll, weil die untergehende Sonne dann Muster in bunten Farben auf den Kirchenboden zeichnet“, erklärt Marianne Fischer.

Von Christine Lummert

Märkische Allgemeine vom 03. Juli 2018

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