GENAU 73 JAHRE NACH IHRER ZERSTöRUNG WERDEN DIE GOTISCHEN GEWöLBE DER PRENZLAUER MARIENKIRCHE IN HANDARBEIT NEU ERRICHTET

Gewölbe

Wiederaufbau mit Symbolwert

Oliver Schwers

Prenzlau (MOZ) Eines der beeindruckendsten Wiederaufbauwerke der Uckermark seit dem Zweiten Weltkrieg startet in diesen Tagen in Prenzlau: Bis 2020 soll die gotische Marienkirche ihr zerstörtes Gewölbe zurückerhalten. Stein für Stein in Handarbeit.

Das ist der heutige Blick: Ungehindert kann der Besucher in das nach dem Krieg neu gebaute Dach der Prenzlauer Marienkirche schauen. Die Gewölbe waren beim 1945 eingestürzt.
© Foto: Oliver Schwers
 
So könnten die neuen Schlusssteine aussehen: Bildhauer Jörg Steinert aus Schönermark zeigt einen Miniaturentwurf.
© Foto: Oliver Schwers

Es hat eine Fläche von 2000 Quadratmetern. Und es wiegt satte 600 Tonnen. Das neue Gewölbe für Sankt Marien in Prenzlau ist ein Bau der Superlative. Notwendig sind 120 000 Mauersteine und 12 000 Formsteine für die im Inneren sichtbaren Rippen. Allein sechs Wochen dauert das Einrüsten. Drei Restauratoren und sechs Maurer sind in den nächsten zwei Jahren damit beschäftigt, aus der Kirche wieder eine Kirche zu machen. Denn ohne Gewölbe fehlt etwas in einem der größten Mittelalterbauten Brandenburgs. Wegen des Backstein-Formschmucks bezeichnen ihn Architekten und Historiker als einen der schönsten in ganz Norddeutschland. „Bei den Prenzlauern ist schon viel Sehnsucht zu spüren, der Kirche das ursprüngliche Aussehen wieder zurückzugeben“, sagt Superintendent Reinhart Müller-Zetzsche.

Die Erinnerung hält sich bis heute: Im gewaltigen Feuer, das die alte Stadt in den letzten Kriegstagen heimsuchte, ging auch das Dach der weithin sichtbaren Kirche in Flammen auf und ließ die historischen Gewölbe einstürzen. Übrig blieb ein Trümmerfeld. Alte Fotos aus dieser Zeit dokumentieren den fatalen Anblick. 1972 sollte bereits ein Gewölbe eingebaut werden. Sogar die Steine lagen schon vor Ort. Doch wegen fehlender Baukapazitäten und Materialproblemen scheiterte der Plan.

Genau dieses Wiederaufbauwerk beginnt nun in diesen Tagen. Doch weder vorhandene Fotos noch alte Zeichnungen geben Aufschluss über die tatsächliche Konstruktion der Mittelalterbaukunst. Zwei Jahre lang haben die Planer und Architekten geforscht. Sie untersuchten Messbilder, fuhren mit einem Hubsteiger durch die Kirche, verglichen Kirchengewölbe der Umgebung. Sie analysierten Mörtel, Mauer- und Farbreste. Selbst der Fußboden musste komplett vermessen werden, weil darunter liegende Hohlräume alter Gruftbauten und Bestattungen unter der Last des Gerüsts nachgeben würden. Dicke Stahlträger fangen das jetzt auf.

Wie einst ihre Vorfahren mauern die Handwerker nach alter Tradition. „Wir brauchen dafür Maurer, die das können“, sagt Architekt Klaus Schmidt. „Die Sache ist damit auch für die Ausbildung sehr interessant, denn wo entstehen schon noch Gewölbe?“

Dass das Werk nun doch so plötzlich entsteht, hätte auch der Verein „Wir für Prenzlau“ nicht geglaubt. Von dort kam der eigentliche Impuls, die größte Spendenaktion in der Geschichte der Uckermark zu starten. Mithilfe des SPD-Bundestagsabgeordneten Stefan Zierke gelang es aber überraschend, rund 3,2 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt zu bekommen. Das Land Brandenburg legt noch 150 000 Euro drauf, neben Spendern steuert die Kirche ihren Eigenanteil bei. So gelangt am Ende sogar eine Empore samt Orgel ins Kirchenschiff.

„Für Prenzlau ist Sankt Marien ein besonderes Symbol“, sagt Reinhart Müller-Zetzsche. Und das sollen die Schlusssteine im Gewölbe verdeutlichen. Der Schönermarker Bildhauer Jörg Steinert hat dazu Miniaturfassungen aus bearbeitetem Granit für eine nicht ganz kirchentypische Gestaltung vorgelegt. Die würden den alten Formenschmuck erweitern.

MOZ.de vom 31. Mai 2018

   Zur Artikelübersicht