Kirche

Deutlich älter, als von außen ersichtlich

Thomas Berger

Neuenhagen. Sie sind in der Regel die ältesten Bauwerke ihrer Orte, steinerner Brückenschlag zwischen den Jahrhunderten. Die MOZ stellt in einer Serie die Kirchen vor. Heute: Kirche Bollensdorf in Neuenhagen

Blick von der Dorfstraße: Den Turm hat die Bollensdorfer Kirche, in ihren Grundmauerresten uralt, erst seit gut 150 Jahren. Die Gutsherrnfamilie Kelch ließ ihn errichten.
© Foto: Thomas Berger

Was an Resten der alten Grundmauern bis heute übrig ist, liegt hinter einer Putzschicht verborgen. So lässt sich für den Außenstehenden denn auch weder auf den ersten noch den zweiten Blick erkennen, wie ausgesprochen alt der Kirchenbau in Bollensdorf ist. Ein einstmals eigenständiges Dorf übrigens, dann kirchlich wie verwaltungsrechtlich länger nach Fredersdorf orientiert und heute ohne spezielle Ortsteilkennung oder -rechte zur Gemeinde Neuenhagen gehörend. „Sie stammt noch aus der Ursprungszeit des um 1250 gegründeten Ortes“, betont Martin Grabow vom Geschichtskreis Bollensdorf. Der nicht nur zum Kirchenbau alles zusammengetragen hat, was zur Vergangenheit – dokumentarisch verbrieft oder zumindest mit Indizien unterlegt – bisher bekannt ist.

Eine einfache, rechteckige Saalkirche ohne Chor, Apsis oder Turm war das, was im 13. Jahrhundert errichtet wurde. Heute kaum noch erkennbar, denn es war der Dreißigjährige Krieg, der in Bollensdorf schwer wütete, Ort und Gotteshaus weitgehend zerstörte. Nur 16 Bürger sollen damals überlebt haben. Ob damit die Gesamtbevölkerung gemeint war oder nur die männlichen Haushaltsvorstände, ist unklar. Jedenfalls erfolgte im Zeitraum 1621 bis 1684, damals hatte die Familie von Görtzke das Rittergut und damit auch das Patronat über die Kirche, eine barock geprägte Ausstattung. Zudem erhielt der Kirchenbau damals einen größeren Dachreiter mit Fachwerkunterbau. Der Anbau des Turmes war dann erst ein Teil der Umgestaltungen, die Familie Kelch als neue Grundherrn und Patrone 1856 bis 1870 vornahm. Mit einem Spross aus den eigenen Reihen als Architekten.

Im einstigen Kelch-Mausoleum im hinteren Teil des Grundstücks hat der Geschichtskreis seinen Sitz, haben Grabow und seine Mitstreiter ihr Kabinett mit der umfangreichen Materialsammlung von Büchern, Broschüren, Karten und mehr eingerichtet. Durch das hintere Fenster fällt der Blick auf die einstigen Alleebäume der früheren Parallele zur vorn vorbeiführenden Dorfstraße. „Die haben Kelchs der Gemeinde damals abgekauft“, weiß Grabow zu berichten, wollten sie doch rund um die Kirche eine Art Gutspark zum Herrenhaus nebenan schaffen. Überdies ist Bollensdorf wie viele Siedlungen jener Ära, als die Markgrafen aus dem Hause der Askanier über dieses Gebiet herrschten, im Kernbereich ein Angerdorf. Eben mit dem Gotteshaus im Zentrum. Der Name gehe auf einen Herrn Boldewin, einen jener sogenannten Lokatoren zurück, die damals mit der Anlage der Siedlungen betraut waren. Ein Frieder und ein Vogels seien es analog dazu in den Nachbarorten Fredersdorf und Vogelsdorf gewesen.

Mit Abendmahlskelch und der aus Wien zurückgekauften Taufschale aus dem 17. Jahrhundert: Martin Grabow vom Geschichtskreis
© Foto: Thomas Berge
 
Blick von der Orgelempore: Nur die Digitalkopie eines Cranach-Bildes hängt heute da, wo einst ein barocker Altar stand. Er ist verschollen.
© Foto: Thomas Berger

So manches aus der Frühzeit der Kirche sind lediglich Mutmaßungen, die Materiallage zu jenem Zeitraum ist dürftig. Wichtige Quelle der Forschungen ist die insgesamt vierbändige, dicke Chronik zu Fredersdorf und Vogelsdorf aus der Feder von Prof. Manfred Kliem, würdigt Grabow dessen Werk. Und zwar deshalb, weil Bollensdorf kirchlich wie verwaltungspolitisch lange von Fredersdorf aus mitverwaltet wurde – auch der Grund, weshalb man hier ein Pfarrhaus vergeblich sucht. Der Küster wiederum saß im heutigen Ärztehaus.

Fast 300 Jahre haben die Görtzkes – deren bedeutendster Vertreter Joachim Ernst 1620 als Edelknabe zu Prinzessin Maria Eleonora von Brandenburg kam und in deren Gefolge an den Hof des schwedischen Königs, wo er unter anderen fünf Sprachen lernte – über Bollensdorf geherrscht. Unterirdisch liegen auch noch ihre Grabstellen im Kirchhof, an drei Familienmitglieder, die dort keinen Platz mehr fanden, wird mit einer Platte an der Rückfront der Kirche erinnert, die alten Inschriften auf einer Tafel vom Geschichtskreis zum Nachlesen aufbereitet.

Zu den Objekten, die diese einflussreiche und begüterte Familie der Kirche vermachte, gehören der prächtige Abendmahlskelch und eine Taufschale, die laut Gravur (an der verschlungenen letzten Ziffer scheiden sich die Geister) 1652 oder 1658 gestiftet wurde. Zu DDR-Zeiten ging das gute Stück verloren, gelangte auf dunklen Wegen (Grabow und seine Kollegen denken über das Imperium des Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski) bis nach Wien ins Stadtmuseum. Als der Besitzer der privaten Zinnsammlung starb, gab dessen Witwe die Stücke zur Versteigerung frei. Da die Bollensdorfer inzwischen bei der Fahndung nach der Taufschale einen Experten eingeschaltet hatten, erhielten sie Kenntnis von dem Angebot und konnten, über Spenden finanziert, immerhin von dem eingeräumten Vorkaufsrecht Gebrauch machen. Wie die Schale genau nach Wien gelangte, ist unklar. Zwei Leuchter aus der gleichen Ära verschwanden auf ähnliche Weise, sind bis heute verschollen.

Die Zerstörungskraft des Zweiten Weltkriegs hat die Bollensdorfer Kirche verschont. Ein Glücksumstand, zumal erst vor ziemlich genau einem Jahr, im Mai 2017, auf dem Gutshof nebenan ein Bombensplitter gefunden wurde, der nun auch im Geschichtskabinett zu sehen ist. Noch kurz vor bzw. zu Beginn des Krieges war allerdings der Anbau des Gemeindehauses erfolgt, mit dem Durchbruch ins Kircheninnere. Heute trennt eine große Schiebetür den vor allem als Ausstellungs- und Veranstaltungsraum des Geschichtskreises genutzten Saal im Untergeschoss des Anbaus vom Kirchenschiff.

Im Zusammenhang der damaligen Umbauten wurde auch die Orgelempore versetzt. Die Wittig-Orgel von 1870 ist das zweitälteste Instrument im ganzen Kirchenkreis, wie ein Zettel an der Frontseite kündet. Der Aufgang auf die Empore erfolgt durch die hintere Tür und eine enge Wendeltreppe. Durch eine ehemals zum Gutshaus gehörende Verbindungstür ist die Turmstube zu erreichen, wo das aufbereitete Uhrwerk der Turmuhr unter anderem eine Attraktion für Schulkinder bei einer Führung ist. Grabow zeigt dort auch noch eine ehemalige Halterung der Glockenseile.

Nur eine Glocke hängt heutzutage im Turm. Laut Jahreszahl 1520 gegossen, ist sie keine „echte“ Bollensdorferin. Die beiden alten Glocken mussten schon im Ersten Weltkrieg abgegeben werden. Eine Abordnung der hiesigen Kirchengemeinde stieß im Zwischenlager in Hamburg-Altona dann aber auf dieses „verwaiste“ Exemplar, das als Ersatz aufgehängt wurde.

MOZ.de vom 28. Mai 2018

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