Historie

Ein Kaufmann schenkte die Glocke

Manja Wilde

Hangelsberg (MOZ) Im Sommer 1928, zwischen Inflation und Weltwirtschaftskrise, entstand die Evangelische Kirche zu Hangelsberg. Den 90. Geburtstag ihres Gotteshauses feiert die Gemeinde am Sonntag mit einem Festgottesdienst, Gegrilltem und Gesprächen. Die Glocke, die zweimal täglich läutet, ist sogar schon deutlich älter.

Schlicht und relativ jung: Die Kirche zu Hangelsberg wurde im Sommer 1928 fertiggestellt.
© Foto: Manja Wilde

Die pinkfarbenen Geranien blühen im Vorgarten, MAE-Kraft Diana Hacker fegt den letzten Staub vom Weg, eine Fahne weht am Turm und an der Fassade leuchtet eine groß 90 – die kleine Hangelsberger Kirche hat sich zu ihrem runden Geburtstag herausgeputzt. „Sie ist ’ne Hübsche“, sagt Pfarrer Martin Haupt. „Sie ist gepflegt, hat ein liebenswertes und nützliches Gemeindeleben“, fügt der 62-Jährige an. Mit ihren klaren, schlichten Formen hebt sich die Saalkirche von anderen Dorfkirchen ab. „Der mit einem Tonnengewölbe überspannte Innenraum strahlt Modernität und doch Intimität aus“, heißt es in der Beschreibung der Kirche, die Haupt im Computer gespeichert hat. Das entsprach dem Geschmack der Zeit.

Aber warum ist die Kirche eigentlich so jung? Auch darüber gibt der Text Auskunft. In Hangelsberg lebten früher vor allem Teerbrenner, Land- und Waldarbeiter sowie Köhler. Erst mit dem Bau der Eisenbahn von Berlin nach Frankfurt, 1842, begann sich der Ort zu vergrößern, zogen viele Menschen zu.

So ließ sich auch der Berliner Maschinenbauer Wöhler im Ort nieder. Das Kreuz über der Apsis der Kirche stammt aus seiner Eisengusswerkstatt. 1913 wurde die Evangelische Kirchgemeinde in Hangelsberg gegründet – „vorher war es eine Tochtergemeinde von Beerfelde“. sagt Haupt. Noch 14 Jahre dauerte es, bis in der Zeit der Weimarer Republik die Kirche emporwuchs.

Die Glocke, die täglich um 12 und um 18 Uhr läutet, ist allerdings wesentlich älter. „1899 hat ein Kaufmann aus Berlin sie den Evangelischen geschenkt“, sagt Haupt. Sie wurde zunächst aufs Schulhaus gesetzt, wo damals Gottesdienste stattfanden. Zu dem wertvollen Geschenk kamen die Hangelsberger, weil die alte Georgenkirche in Berlin abgerissen wurde, aus der die Glocke stammt. Als 1928 der Neubau in Hangelsberg vollendet war, erhielt sie ihren heutigen Platz.

In der Zeit um 1961, als in Berlin die Mauer zwischen Ost und West gebaut wurde, entstand unter Pfarrer Günter Schrot die Orgel – ein „Modell H“ aus der Werkstatt Sauer. Bis heute erfüllt sie die Kirche bei Gottesdiensten und Konzerten mit ihrem Klang.

Die Arbeit der Kirche, sagt Haupt, wirke aber noch weit mehr in das Leben im Ort hinein. Er nennt den Gemeindebus, der Menschen auf Bestellung zum Arzt oder zu Behörden fährt, als Beispiel. Auch zum Jubiläumsfest, am Sonntag, ab 15 Uhr, sind alle Gäste willkommen. Nach dem Gottesdienst gibt es Kaffee, Kuchen, Gegrilltes und Gespräche.

MOZ.de vom 26. Mai 2018

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