Digitalisierung

Glauben im Netz – Suchmaschinen als neuer Kirchturm

„Für Gott gibt es keinen Daumen rauf oder runter“: Im Internet spielen die Kirchen bisher keine große Rolle. Dabei könnten sie gerade in sozialen Netzwerken eine ganz besondere Position einnehmen.

Historische Suchmaschinenoptimierung: Der höchste Turm am Platze war der Kirchturm – wie hier in Wildenbörten (Thüringen). Eine derartiges Alleinstellungsmerkmal haben die Kirchen im Netz (noch) nicht.
Quelle: dpa

München/WittenbergJahrhundertelang hat die Kirche eine Suchmaschinenoptimierung betrieben, die ihres Gleichen sucht: Sie baute ins Zentrum jeden Ortes das größte Haus mit dem größten Turm. Alle Gläubigen konnten sie finden. Worin die Kirche einmal Vorreiter war, ist sie heutzutage bestenfalls Nachzügler. Im Internet ist sie wenig präsent. Wer in Google „Kirche“ eingibt, stößt auf Missbrauchsfälle und die Söder-Kruzifix-Debatte, Artikel von Nachrichtenportalen. Für Kirchenangebote: Scrolle nach unten.

„Suchmaschinenoptimierung ist die neue Kirchturm-Architektur!“

„Suchmaschinenoptimierung ist die neue Kirchturm-Architektur!“, sagt Jonas Bedford-Strohm. Der Experte für digitale Medien steht in Jeans und weißem Hemd am Rednerpult der Evangelischen Akademie in Wittenberg, direkt an der Schlosskirche. Einst ging von hier durch Luthers angeschlagene Thesen eine andere Medienrevolution aus.

Etwa 120 Kirchenvertreter hören dem Sohn des EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm zu. Klar gebe es Erfolge im digitalen Prozess der Kirche. Projekte wie der „godspot“, ein Hotspot in evangelischen Kirchen. Oder, dass der (katholische) Gottesdienst aus dem Kölner Dom per Befehl „Alexa, starte Gottesdienst“ an den Amazon-Sprachassistenten wiedergegeben werden kann. Man feiert sich auch für Youtube-Channels und andere Leuchtturmprojekte.

Kirche sollte gerade im Netz große Wucht entwickeln

Doch für Bedford-Strohm, der im Innovationsmanagement des Bayerischen Rundfunks arbeitet, ist jedes Projekt für sich genommen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es mangele an einer Gesamtstrategie, einem Mentalitätswandel. Die Kirche müsse sich auf Gläubige zubewegen, nicht umgekehrt, fordert der 25-Jährige. Sie müsse selbst nach jungen Talenten, die programmieren können, Ausschau halten und nicht auf diese warten. Anstatt das Internet wie eine Parallelwelt zu betrachten, müsse die Kirche gerade im Netz große Wucht entwickeln. „Denn hier sind die Menschen 2018 nun mal unterwegs.“

Die Kirche muss sich heute auf dem Smartphone ihren Platz genauso erstreiten wie in Stadt und Land. Als er in den USA studiert hat, erzählt Bedford-Strohm, habe er die Gemeinde St. John’s besucht. Von dort erhalte er bis heute den Newsletter. „Ich habe zu dieser Gemeinde ein höheres Zugehörigkeitsgefühl als zu meiner in Deutschland“, sagt er. Allein durch den regelmäßigen Rundbrief fühle er sich als Teil der amerikanischen Gemeinde. Zu Hause in München habe ihn noch keine Kirche nach seiner E-Mail-Adresse gefragt.

„Für Gott gibt es keinen Daumen rauf oder runter“

Norbert Roth ist 43 und Pfarrer bei St. Matthäus in München. Gemeinsam mit Bedford-Strohm arbeitet er am Reformprozess der evangelischen Kirche. Auf seinem Facebook- und Instagramprofil postet er gern Spruchbänder – und zum Beginn der Saison auch mal ein Foto eines Biker-Gottesdienstes. Während die meisten Menschen auf Social-Media-Plattformen so viele „Likes“ wie möglich ergattern wollen, könnten die Kirchen als leistungsfreie Räume dienen, findet er. „Für Gott gibt es keinen Daumen rauf oder runter.“ Das sei eine attraktive Botschaft in Zeiten von sozialen Netzwerken, die man nur richtig kommunizieren müsse.

In Wittenberg lässt Bedford-Strohm kurz vor Ende seines Vortrags eine Folie lange stehen. Es ist ein Vers aus dem Markus-Evangelium: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.“ Damit ist auch der Cyberspace gemeint.

Von Jean-Marie Magro/RND

Märkische Allgemeine vom 11. Mai 2018

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