Warchau

Eine Kirche verfällt

Fingerdicke Risse ziehen sich durch das Mauerwerk der Warchauer Kirche. Das romanische Feldsteingebäude scheint kaum mehr zu retten zu sein. Eine Warchauerin aber gibt nicht auf. Viola Iris Rausch hofft auf ein Wunder.

Die zerfallene Mauer vor der Kirche in Warchau. Die Kirche selbst ist für Brautpaare nur mehr Kulisse.
Quelle: Jacqueline Steiner
 
Viola Rausch hofft auf eine Wiederbelebung der Warchauer Kirche.
Quelle: Marion von Imhoff
 
Die Kirchentür in Warchau ist für Brautpaare nur noch Kulisse.
Quelle: Marion von Imhoff
 
Die Warchauer Kirche mit rissigem Mauerwerk.
Quelle: privat

Warchau. „Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Dieser Vers aus dem Matthäus-Evangelium ist in den Altar der Warchauer Kirche geschnitzt. Doch in die mittelalterliche Feldsteinkirche kommt niemand mehr. „Die Kirche verfällt“, sagt Pfarrer Holger Zschömitzsch. „Es tut mir in der Seele weh, sie ist wunderschön, aber wird nicht mehr genutzt.“

Die Kirche, sie dient nur noch als Kulisse. Für Hochzeitspaare, die vor der schmiedeeisern beschlagenen Kirchentür Fotos von sich machen lassen. So, als hätten sie sich dort das Ja-Wort mit Gottes Segen gegeben. Das berichtet Viola Iris Rausch. Die Warchauerin hat noch den Schlüssel zu dem romanischen Bau. Neugierigen und hin und wieder ihrem privaten Besuch zeigt sie das Gotteshaus. Sie weiß um deren Erschütterung, wenn diese die Schwelle übertreten haben. „Das muss man erst mal auf sich wirken lassen.“

Risse, teils fingerdick, ziehen sich von der Decke über dem Altar bis zum Boden. Fast scheint es, als zerbrösele das Bauwerk. Einzelne Brocken finden kaum noch Halt. Von der einst schönen Deckenmalerei ist nur noch eine Ahnung übrig. In erdigem Ocker schimmern die Wände. Von den Gemälden blättert schuppig die Ölfarbe. Eine Brombeerranke schlängelt sich durch eine undichte Holztür ins Kirchenschiff. Ihr Grün ist der kräftigste Ton dort.

Wer diesen Ort betritt, wähnt sich nicht mehr in Brandenburg, in Deutschland. Diese Kirche, sie könnte an einem verlassenen Ort im Nirgendwo stehen.

„Mein Herz hängt an dieser Kirche“, sagt Viola Iris Rausch. Sie habe nach einem Unfall auch durch ihren Glauben an Gott wieder Halt und Gesundung gefunden. „Ich hoffe so sehr, dass hier wieder Leben einzieht.“ Zum überraschenden Besuch der Journalistin sagt sie: „Ich freue mich sehr, dass die Kirche interviewt wird.“ Ihre Hoffnung: Ein Förderverein könnte sich gründen und dem romanischen Bauwerk, dass so trutzig in der Dorfmitte steht, wieder Leben einhauchen.

„Gott braucht keine Steine“, sagt die Christin. „Aber die Kirche hat eine solch schöne Ausstrahlung, ist ein solcher Ruhpol, dass es jammerschade wäre, wenn sie verfallen würde.“ Viele im Dorf, „ob Christ oder nicht, sind traurig über den Zustand der Kirche.“ Ein Kreis von Menschen, der bereit wäre, einiges für die Rettung des Bauwerk zu unternehmen, würde sich finden, sagt die frühere Heilerziehungspflegerin. Sie wäre dabei.

„Wir haben die Verantwortung , die Kirchen den nächsten Generationen zu übergeben“, so sagt es der Pfarrer. Eine Kirche zu verkaufen, komme eigentlich nicht in Frage. „Man denkt nur mal darüber nach“, räumt Holger Zschömitzsch ein.

Auch in einer weiteren Kirche, die zu Wusterwitz-Bensdorf gehört, feiert niemand mehr Gottesdienst. Neben Warchau ist es die Kirche Vehlen, in der kein kirchliches Leben mehr zu finden ist. Die dort vom Sturm zerstörten Bleiglasfenster jedoch werden jetzt saniert. Immerhin. „Wir sind da dran“, verspricht der Pfarrer.

Die Warchauer Kirche mit rissigem Mauerwerk.
Quelle: privat
 
Pfarrer Holger Zschmömitzsch, hier vor der Wusterwitzer Kirche, macht sich große Sorgen um die Dorfkirche Warchau.
Quelle: Marion von Imhoff

Aber für Warchau sieht es düsterer aus. Der Verfall dort ist greifbar, auch für Laien. Eine Lösung für dieses Gotteshaus sieht Holger Zschömitzsch nicht. Er scheint nur noch wenig Hoffnung zu hegen, dass die Warchauer Kirche aus dem 12. Jahrhundert zu retten ist. „Kirchen belasten die Gemeinden sehr.“ Finanziell meint der Pastor. In jedem Dorf steht eine Kirche. „Aber einige können wir nicht mehr erhalten“, sagt auch der Wusterwitzer Kirchenälteste Wolfgang Schimke.

Weihnachten gab es noch einmal einen Hauch von Leben in der Warchauer Kirche. Ein letzter offizieller Gottesdienst, immerhin mit gut zwei Dutzend Besuchern.

Seit seinen Anfängen als Pfarrer im Kirchspiel Wusterwitz-Bensdorf 2014 hat Zschömitzsch drei Kinder aus der Gemeinde getauft. „Wenn es so weitergeht, gibt es in hundert Jahren die Kirche nicht mehr.“ In seiner gesamten Regionalpfarrstelle mit den Kirchspielen Wusterwitz-Bensdorf, Zitz und Görzke leben knapp 900 Gemeindeglieder. Tendenz fallen. „Die Austritte sind dabei unbedeutend.“

Zschömitzsch macht keinen Hehl darum, bittet aber um eine diplomatische Formulierung, damit sich Gläubige nicht vor den Kopf gestoßen fühlen: „Ich persönlich bevorzuge warme, helle Räume, nicht uralte, dunkle, kalte Kirchen.“ Was gäbe er, wenn sie sich beheizen ließen. „Doch dann würde der Stromzähler wie ein Propeller laufen.“

Von Marion von Imhoff

Märkische Allgemeine vom 08. März 2018

   Zur Artikelübersicht