Pessin im Havelland

Stück für Stück zum alten Glanz

Die Kirche in Pessin gilt als eines der größten und ältesten Gotteshäuser im Havelland. Bereits im Jahr 1269 wurde der Sakralbau erstmals in den kirchlichen Archiven erwähnt. Dank eines engagierten Fördervereins und der rührigen Gemeinde sieht die Kirche gut aus.

Klarer Blick, fester Griff: Der schwerttragende Apostel Paulus schaut vom Kanzelaltar in Pessin über die Gemeinde.
Quelle: Astrid Wiebe
 
Orgelbauer Harry Sander (links) von der Orgelbauwerkstatt Eberswalde und Fördervereinsvorsitzender Andreas Flender.
Quelle: Astrid Wiebe
 
Schön licht: die Pessiner Kirche
Quelle: Astrid Wiebe
 
In mehreren Schritten errichtet: die Kirche in Pessin.
Quelle: Astrid Wiebe

Pessin. Die evangelische Kirche in Pessin gilt als eines der größten und ältesten Gotteshäuser im Havelland. Schon vor der Reformation, im Jahr 1269, wurde der Sakralbau erstmals in den kirchlichen Archiven erwähnt. Er ist nicht wie so viele andere brandenburgische Kirchen preußisch gelb gestrichen, sondern vereint mehrere Baustile verschiedener Epochen. So ist der westliche ältere Teil des Kirchenschiffes aus Feldstein, der mächtige, 28 Meter hohe Turm und das östliche Schiff der Kirche aus Backstein und das dreischiffige Langhaus, das 1739 errichtet wurde und den Hauptteil der heutigen Kirche bildet, zum Teil ein Putzbau. Außergewöhnlich sind auch die zwei hölzernen Lauben an den Seiten der Kirche, die den Kirchgängern vermutlich als Unterstellmöglichkeit dienten, wenn es bei Gottesdiensten in der Kirche keinen Platz mehr gab.

Im 16. Jahrhundert wurde die Kirche zu einer selbstständigen Kirchengemeinde mit Pfarramt erhoben, war von 1808 bis 1943 Mutterkirche der Filialkirche in Möthlow und seit 1929 von der Filialkirche in Paulinenaue. Vom Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont, blieb die Pessiner Kirche bis 1963 der Amtssitz des Pfarrers. Dann jedoch wurde das baufällige Pfarrhaus mitsamt Pfarrgrundstück verkauft und der damalige Pfarrer zog in ein neu errichtetes Pfarrhaus nach Paulinenaue. Das Schicksal der Pessiner Kirche schien besiegelt. „Als ich 1966 nach Pessin kam, war die Kirche in einem erbärmlichen Zustand. Der Putz bröckelte von der Außenfassade, die Platten an der Kirchendecke kamen herunter und der Kirchengarten war völlig verwildert“, erzählt die Ortschronistin Christel Kabot.



Öffnungszeiten und Ansprechpartner

Die Kirche befindet sich in der Dorfstraße 14 b in 14641 Pessin.
Von Mai bis Oktober kann sie sonntags von 13 bis 16 Uhr besichtigt werden. Von November bis April kam man einen Besuchstermin vereinbaren unter foerderverein@dorfkirche-pessin.de oder bei Andreas Flender unter 033237/89580.
Die Kirche gehört zur Evangelischen Kirchengemeinde Havelländisches Luch. Jeden zweiten Sonntag findet der Gottesdienst statt.
Weitere Informationen zur Kirche und Gemeinde sind auf der Internetseite www.dorfkirche-pessin.de und auf www.luchkirchen.de nachzulesen.


Im Alter von 24 Jahren war sie der Liebe wegen von Friesack nach Pessin gezogen und heiratete ihren Mann Günther, der in dem kleinen Dorf einen Tante-Emma Laden besaß. Die junge Frau, die schon seit Kindesbeinen an regelmäßig zur Kirche gegangen war, kümmerte sich fortan mit einer Handvoll freiwilliger Helfer aus dem Dorf um den Erhalt des Gotteshauses. So gut es in den DDR-Zeiten eben ging, so die heute 75-Jährige rückblickend. „Denn wenn etwas kaputt war, mussten wir uns irgendwie selber helfen. Wenn die Farbe am Altar abgeblättert ist, haben wir das einfach wieder übergepinselt“, versucht Christel Kabot die gutgemeinten Aktionen im Nachhinein zu entschuldigen.

Als es nach der Wende darum ging, die Kirche vor dem weiteren Verfall zu bewahren, fehlte es an allen Ecken an Geld und noch viel wichtiger: es fehlte an einer realistischen Bestandsaufnahme, denn die Kirche schien ein Fass ohne Boden zu sein. Zwar wurde in den 1990er Jahren die komplette Dachkonstruktion denkmalgerecht erneuert, doch der Echte Hausschwamm war schon längst unter der Nordempore im Kircheninneren festgestellt worden und drohte auf das übrige Inventar überzugreifen. Die notdürftig an der Decke angebrachten Sperrholzplatten, die die Schäden mehr kaschierten als behoben, lösten sich nach und nach. Und zu allem Überfluss brach auch noch der Fußboden im Eingangsbereich großflächig ein, so dass die Kirche gesperrt werden musste.

Dank des engagierten Gemeindepfarrers Michael Jurk und mit der tatkräftigen Unterstützung des Förderkreises Alte Kirchen gründete sich 2010 der Förderverein Dorfkirche Pessin. „Alle waren sich einig, dass die Kirche erhalten und sinnvoll genutzt werden soll und wir wussten, dass dies ein Vorhaben ist, was Jahre dauern wird“, sagt der Vorstandsvorsitzende Andreas Flender, der seit Beginn an als ehrenamtlicher Bauleiter die Organisation jedes Bauabschnittes fest im Griff hat. Vier Jahre lang glich die Kirche einer riesigen Baustelle und wurde nach Abschluss der inneren und äußeren Sanierungen im Mai 2014 wiedereröffnet.

Die Wiederherstellung der barocken Stuckdecke mit den acht Engeln und dem Familienwappen derer von Bredow und die Restaurierung des Kanzelaltars waren weitere Teilabschnitte. Gefolgt von der Rekonstruktion der mehr als 20 Wappenmalereien an den Brüstungen der Emporen, die die Repräsentationslust der adeligen Patronatsherren derer von Knoblauch bis zum Ende ihrer Herrschaft 1929 dokumentieren. „Wo es nur möglich ist organisieren wir Fördermittel, veranstalten Benefizkonzerte und bitten um Spenden“, sagt Flender, der auch für die Fördermittelanträge, an die hohe Ansprüche gestellt werden, zuständig ist. „Wir machen immer nur dann weiter, wenn das Geld freigegeben ist.“

Im Jahre 2016 erhielt der Förderverein 78 000 Euro, um damit einen Sozialtrakt in die Gemäuer des 500 Jahre alten Querturms zu bauen und die Treppe des mächtigen Turmes für Besucher begehbar zu machen. „Es fehlen nur noch ein paar Stufen bis ganz nach oben“, erzählt Andreas Flender mit Zuversicht. „Dann können die Besucher, zu denen hoffentlich auch viele Radwanderer des vorbeiführenden Havelland-Radweges gehören, einen Blick über Teile des großartigen Naturparks Westhavelland werfen.“

Aktuelles Projekt ist die aufwendige Restaurierung der neuen Orgel. Das fast 200 Jahre alte Instrument, das im klassizistischen Stil gehalten ist und von der renommierten Orgelbaufirma Ratzmann in Thüringen gefertigt wurde, wird zurzeit von der Orgelbauwerkstatt Eberswalde aufgebaut. Mit den dringend benötigten Fördermitteln vom Bund in Höhe von 54 000 Euro ist ein Anfang gemacht, doch das Geld wird nicht ausreichen. „Allein die Restaurierung einer Orgelpfeife kostet 200 Euro – allerdings gibt es davon über 400 Stück“, sagt Flender. Deshalb bittet der Förderverein um Spenden, damit die Orgel im nächsten Sommer bei einer musikalischen Festwoche wieder erklingen kann.

Von Astrid Wiebe

Märkische Allgemeine vom 09. Januar 2018

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