Amt Plessa

Die Kirche in Döllingen ist käuflich

Döllingen. Weil die wenigen Gläubigen das Gotteshaus nicht mehr nutzen, soll es so schnell wie möglich veräußert werden.

Das ansehnliche evangelische Kirchengebäude in Döllingen soll verkauft werden, weil es keiner mehr nutzt. Hiltrud Hollax, Mitarbeiterin im Kirchenbüro in Plessa, Frank Werner, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates in Plessa, und Pfarrer Kersten Spantig aus Elsterwerda bedauern dies, sehen aber keinen anderen Weg.
FOTO: Manfred Feller / LR
 
Wer das Gotteshaus erwirbt, bekommt die alte Voigt-Orgel dazu.
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Der Kanzelaltar in der Kirche ist nicht so wertvoll, als dass er im Falle eines Verkaufs unbedingt ausgebaut und irgendwo eingelagert werden muss.
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Das evangelische Gotteshaus in Döllingen ist nicht die erste und nicht die letzte Kirche in dem ausgedehnten Kirchenkreis Bad Liebenwerda, die entwidmet und verkauft werden soll. „Wir müssen uns Gedanken um die Zukunft machen. Das Gebäude wird nicht genutzt, und die laufenden Kosten werden aufgrund der Auflagen immer höher. Wir suchen jetzt eine alternative Nutzung“, bedauert der Elsterwerdaer Pfarrer Kersten Spantig diesen aus seiner Sicht nunmehr unabwendbaren Schritt.

„Wir werden das Gebäude aus der kirchlichen Nutzung entlassen, wenn sich jemand findet, der es erwerben möchte“, so der Pfarrer weiter. Einen Interessenten gebe es bereits. Der Preis sei Verhandlungssache. Er könnte niedrig sein. Die Kirche wäre dann aus all ihren Verpflichtungen raus. Lediglich der Denkmalschutz sei zu beachten.

Ein neues Konzept könnte zum Beispiel ein Atelier sein, ein Ausstellungsraum oder ein Café. Vielleicht auch ein ganz spezielles, noch umzubauendes Wohnhaus. Der passende äußere Grundriss ist gegeben. „Ich habe schon radikal umgebaute ehemalige Kirchen gesehen“, weiß Kersten Spantig. „Das Äußere sollte erhalten bleiben, aber alles andere ist möglich.“

Die Döllinger Kirche wäre nicht die erste im Kirchenkreis, die weltlich genutzt werden könnte, um sie überhaupt als das das Ortsbild prägende Bauwerk zu erhalten. Frank Werner, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates Plessa, erinnert an die Kirche auf Gut Saathain. Seines Wissens nach ist diese bereits in den 1930er-Jahren säkularisiert worden und gehört der Gemeinde. Im Osten des Kirchenkreises, in Lauchhammer, ereilte dieses Schicksal eine katholische Kirche und die Friedensgedächtniskirche schon vor Jahrzehnten. Die Gebäude blieben im Wesentlichen unverändert. Darin finden zumeist kulturelle, aber auch andere Veranstaltungen statt, die der Real-Music-Club beziehungsweise die Wirtschaftsentwicklungs- und Qualifizierungsgesellschaft (Wequa) mbH anbieten.

Die beabsichtigte Entwidmung in Döllingen wird in der Neuzeit kein Einzelfall bleiben. „Das steht uns noch mit anderen Kirchen bevor“, blickt der Pfarrer wenig optimistisch in die Zukunft. „Die Kirchengemeinden werden immer kleiner und älter. Einige können die Gebäude nicht mehr aus eigener Kraft erhalten. Dort will keiner mehr den Schlüssel haben und damit die Verantwortung tragen.“

Der Eigentümerwechsel in Döllingen könnte, wenn sich ein ernsthafter Interessent findet, binnen eines halben Jahres vollzogen werden, sieht Kersten Spantig keine Hindernisse. Die Gemeindekirchenversammlung, ergänzt Frank Werner, hatte Ende September getagt und einen anderen Weg nicht gesehen. Den Antrag zur Entwidmung stellt die Kirchengemeinde. Die oberen Gremien befinden darüber.

„Die Leute werden sagen: Das könnt ihr doch nicht machen!“, rechnet Frank Werner auch mit empörten Reaktionen. Im Frühjahr soll es zum beabsichtigten Verkauf noch eine Einwohnerversammlung geben. „Ich bin gespannt auf die Meinungen“, so Frank Werner.

Die Evangelische Kirchengemeinde Döllingen, die aufgrund ihres fehlenden Gemeindekirchenrates (seit 2003) ein Kirchspiel mit Plessa bildet, zählt nach Angaben von Pfarrer Kersten Spantig bei mehr als 400 Einwohnern nur noch 39 Gläubige. Lediglich fünf seien jünger als 50 Jahre. Als er vor neun Jahren als Pfarrer seine ersten Gottesdienste zu Ostern und Pfingsten abhielt, seien jeweils nur zwei Döllinger gekommen. Beim Krippenspiel vor Weihnachten waren es einige mehr.

„Als ich 1971 konfirmiert wurde, waren wir in Plessa, Kahla und Döllingen noch etwa 90 Konfirmanden. Diese Anzahl nahm rapide ab. An die letzte Taufe oder Hochzeit in der Döllinger Kirche kann ich mich nicht erinnern“, blickt der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates Frank Werner zurück. Und weil es so ist wie es ist, sollen die Kirchengemeinden Plessa und Döllingen per Beschluss zum 1. Januar 2019 zusammengeschlossen werden.

Wer die 1739 erbaute Kirche „im einfachen dörflichen Barock“ (Pfarrer) in Döllingen erwirbt, kauft ein saniertes Haus mit dicken Mauern, tragbaren Mängeln, aber je nach Nutzungszweck mit einigem Umbaubedarf.

Das Gotteshaus hat nicht die typische Kirchenform mit Schiff und Glockenturm. Vielmehr schmückt das Dach ein Reiter, in dem sich die Glocke befindet. Das Dach ist mehrmals repariert worden. Putzschäden wurden beseitigt, Türen, Fenster und Anstrích erneuert. Hier und da müssten wieder Handwerker ran. „Es gibt keine großen Bauschäden. Die laufende Unterhaltung ist erfolgt“, versichert der Pfarrer.

Der Erwerber kauft das Gelände drumherum mit, das einst der dörfliche Friedhof gewesen ist. Dazu gehört ebenso die nicht uninteressante Historie: Dieses und sechs weitere Gotteshäuser musste eine adlige Dame errichten lassen, weil sie gegen das 7. Gebot - „Du sollst nicht ehebrechen!“ - offensichtlich mehrfach verstoßen hatte. Deren Name wurde nie bekannt. Umkränzte Versalien an der Kirchendecke erinnern an die Dame, die mehr Männer liebte als nur den ihren einen.

LR ONLINE vom 24. November 2017

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