Kirchensanierung

Altdeutsche Schieferdeckung für den Jeßnigker Kirchturm

Jeßnigk. Bis Anfang Dezember soll der Turm saniert sein. Ein Schreiben von Pfarrer Bergin im Knauf gibt Auskunft über das Leben in Jeßnigk im Jahr 1904. Von Birgit Rudow

Remo Gebhardt von der Dachdeckerfirma aus Kölsa hat die Schieferschindeln in altdeutscher Deckung am Kirchturm in Jeßnigk angebracht.
FOTO: Dieter Müller

Es ist ein lang gehegter Wunsch der Jeßnigker und der evangelischen Kirchengemeinde Schönewalde, dass der Kirchturm in Jeßnigk restauriert wird. Bei dem 1904 errichteten Turm handelt sich um einen Dachreiter mit geschweifter Haube, der auch als Glockenturm dient, erläutert der Bauplaner Lothar Reichenbach vom gleichnamigen Ingenieurbüro in Borna, das schon einige Kirchensanierungen im Elbe-Elster-Kreis begleitet hat und aktuell begleitet. Pfarrer Volkmar Homa erinnert daran, dass in den 70er- oder 80er-Jahren Dachpappenschindeln am Turm angebracht und dass in den 1960er-Jahren im Innenbereich die schönen Ausmalereien einfach überstrichen wurden.

Während die Glocken noch in Ordnung sind, müsste auch die Dachkonstruktion der Kirche, die um 1300 gebaut wurde, dringend erneuert werden. Doch erst einmal reichen die zur Verfügung stehenden 70 000 Euro „nur“ für den Turm. Das Geld bringen die Kirchengemeinde Schönewalde und der Kirchenkreis Bad Liebenwerda selbst auf. Lothar Reichenbach fürchtet nur, dass es wegen der derzeitigen Kostenexplosion in der Baubranche nicht reichen wird.

Sechs Seiten ist das Schreiben des damaligen Pfarrers lang.
FOTO: Volkmar Homa / LR

Die alten Schindeln wurden abgenommen, die Holzkonstruktion wurde bearbeitet und die Schalung erneuert. Jetzt werden Schieferschindeln angebracht. Und zwar in altdeutscher Deckung wie schon 1904. „Es sind alte Fotografien aufgetaucht, anhand derer wir sehen konnten, dass der Turm einst so gedeckt war. Die altdeutsche Deckung geht vom Schema ab. Die Schindeln werden in unterschiedlicher Höhe und Breite gedeckt. Diese Form kommt seltener vor als die normale Schablonendeckung. Das kann nicht jeder Dachdeckerbetrieb leisten“, so Lothar Reichenbach. Am Jeßnigker Turm hat dies die Dachdecker GmbH Schulze & Co. aus Kölsa erledigt.

Vor den Arbeiten wurde auch die Bekrönung abgenommen – das Kreuz, das drei Meter über dem Schiefer steht und die Kugel. Beides wird konserviert und die Originale werden wieder verwendet, so der Planer. Das Kreuz wird in Herzberg aufgearbeitet. Der Kunstschmied Guido Pfeiffer aus Jeßnigk kümmert sich darum, sagt Lothar Reichenbach. Auch die Lilienblätter kommen wieder ran. Ab dem 24. November soll es auf dem Turm montiert werden.

Die ovale Kugel hat Eindellungen aufgewiesen. Die werden ausgedrückt oder zum Teil mit Lötzinn verfüllt. Anschließend wird die Kugel wieder vergoldet. Diese Arbeiten nimmt eine Firma in Wurzen vor, die sich auf solche Aufgaben spezialisiert hat.

In die Kugel wird dann auch wieder eine Dokumentenhülse eingelassen. Ihr werden Zeitdokumente beigelegt, aber auch (wahrscheinlich eine Kopie) das Schriftstück, das bei der Abnahme der Bekrönung in einem Rohr von etwa sechs Zentimetern Durchmesser gefunden wurden. Auf sechs Seiten hat der Kolochauer Pfarrer Bergin (Jeßnigk war eine Filialkirche von Kolochau) am 30. September 1904 das Alltagsleben zu dieser Zeit geschildert. Danach war das Jahr 1904 außerordentlich trocken gewesen. Pfarrer Bergin schreibt, dass die Getreideernte noch reichlicher war, als erwartet. Die Kartoffel- und die Heuernte hätten aber unter der langen Dürre gelitten. „Das Schriftstück ist gut erhalten und man kann es sehr gut lesen“, so Volkmar Homa. Er werde es wieder in den Knauf tun und auch selbst etwas schreiben. Da lasse er sich etwas einfallen, sagt er.

Es gibt noch einiges zu tun am Kirchturm. „Wenn wir Glück haben und alles gut läuft, werden wir in der ersten Dezemberwoche fertig und die Kirche ist zum Weihnachtsfest das Gerüst los“, hofft Lothar Reichenbach.

LR ONLINE vom 15. November 2017

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