IN DER JAHNSFELDER KIRCHE ERINNERT BIS HEUTE VIELES AN DIE GUTSHERRENFAMILIE, DIE 600 JAHRE DEN ORT PRäGTE / MOZ-SERIE TEIL 28

Der lange Schatten derer von Pfuel

Thomas Berger

Jahnsfelde (MOZ) Sie sind in der Regel die ältesten Bauwerke ihrer Orte, steinerner Brückenschlag zwischen den Jahrhunderten. Die MOZ stellt in einer Serie die Kirchen vor. Heute: Dorfkirche Jahnsfelde.

Herbstliches Panorama: Durch die letzten Blätter, teils eingefärbt, fällt der Blick auf die Jahnsfelder Kirche. Der alte Kern des Bauwerks, das rechteckige Schiff, stammt aus der gotischen Ära. Der Turm wurde erst später eingezogen davorgesetzt.
© Foto: Thomas Berger
 
Innengestaltung aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Pfarrerin Karin Bertheau und „Kirchenpate“ Bernd Zbell mit Kanzel, Altar und Taufstein, die allesamt aus jener Epoche stammen.
© Foto: Thomas Berger

Geradlinig, sachlich, schlicht, schnörkellos. Es sind diese Attribute, die sich für eine Beschreibung aufdrängen, wenn jemand den Innenraum der Kirche im Müncheberger Ortsteil Jahnsfelde betritt. Früher einmal mag das anders gewesen sein, doch die Nüchternheit des preußischen Klassizismus, als in der späteren Hälfte des 19. Jahrhunderts die letzte prägende Überformung und Neuausstattung erfolgte, wirkt eben bis heute nach. Und auch der helle Anstrich vor knapp zwei Jahrzehnten, für dessen Finanzierung damals Pfarrer Ringo Effenberger gerade auch im Ort bei Gemeinderat und Firmen um Unterstützung warb, unterstreicht diese eher schmucklose Sachlichkeit. Reichlich Licht fällt jetzt im Herbst noch durch die großen Fenster - einstmals deutlich kleiner und gotisch geprägt, haben sie diese neue Dimension samt Rundbogen ebenfalls bei den Umbauten vor anderthalb Jahrhunderten erhalten.

Explizit die Jahreszahl 1869 ist auf dem Taufstein vermerkt, nur eines jener Stücke, die alle aus der gleichen Ära stammen. Der Altar mit dem großen Jesusbild im Stil jener Zeit sowie die Kanzel. Mit den Symbolen der Evangelisten, wie Pfarrerin Karin Bertheau hinweist. Auch sie ist in gewisser Weise von der typischen spätpreußischen Sachlichkeit dieser Dorfkirche angetan: "Man hat förmlich vor Augen, wie die Dörfler hier früher in den Bankreihen saßen."

Zum Ortstermin hat sie sich gemeinsam mit Dr. Bernd Zbell eingefunden. Der einstige Zalf-Wissenschaftler, seit 1996 im Ort ansässig, ist Mitglied des Gemeindekirchenrats und sozusagen Jahnsfelder Kirchenpate. "Als ich hierher zog, was die Kirche wenigsten zu Weihnachten richtig voll. Heute sind die Plätze bei diesem Ereignis vielleicht noch zu zwei Drittel gefüllt", blickt er zurück. Und lediglich eine knappe Hand voll Gläubiger ist es zu normalen Gottesdiensten, die in der Winterkirche unter der Empore stattfinden. "Weihnachten ist die einzige Gelegenheit, dass wir den großen Raum nutzen, die Predigt auch von der Kanzel gehalten wird." Und weil der große Raum im Winter sehr schwer aufzuwärmen ist, stelle der Biohof dann immer einen starken Gebläseofen zum Heizen zur Verfügung.

Trotz der Nüchternheit, dem ansonsten fehlenden Schmuck - etwas fällt noch auf in der Jahnsfelder Kirche. An den diversen Gedenkplatten hier und da kommt niemand beim aufmerksamen Blick in die Runde vorbei. Um die sechs Jahrhunderte, in dieser Kontinuität ein ziemlicher Ausnahmefall in der Region, herrschte die Familie derer von Pfuel als Gutsherren und zugleich Kirchenpatrone über das Dorf. Gleich nebenan liegen das einstige Schloss und der Gutspark, nur ein paar Schritte waren es für die Mitglieder der herrschaftlichen Familie dereinst vom Wohngebäude hinüber zum Gotteshaus.

Dieses war früher auch Pfuelsche Grablege, ein später zugemauerter Zugang (vermutet wird er vor dem Altar) führte hinunter in die Gruft. Angehörige späterer Generationen der Pfuels wurden dann auf dem Friedhof beigesetzt. Gestorben 1593, ist auf dem ältesten Epitaph in der nordöstlichen Ecke nachzulesen. Diese Grabplatte erinnert an einen Christoph von Pfuel.

Zwei kleinere Tafeln hängen schräg gegenüber an der südlichen Seitenwand. Adelheid von Pfuel, eine geborene von Böltzig, starb 1820 offenbar im Kindbett, lässt sich aus der Inschrift ableiten, denn der kleine Adalbert folgte ihr im Tode im Jahr darauf. Friedrich von Pfuel erinnerte an seine Frau und beider Sohn, die zweite Platte ist seinen Eltern Ernst und Johanna gewidmet. Klar ersichtlich ist dabei auch, dass die Pfuels - zumal die der primären Jahnsfelder Linie - den preußischen Königen immer wieder als ranghohe Militärs dienten. Friedrich brachte es bis zum "General-Major und Commandeur der 12. Division", Auch Vater Ernst, 1789 gestorben, bekleidete zuletzt den gleichen Rang. Sein gleichnamiger Sohn, Friedrichs Bruder, ist der Berühmteste aus dem erlauchten Familienkreis. Nach der endgültigen Niederlage Napoleons war er Stadtkommandant von Paris, später sogar preußischer Ministerpräsident und Kriegsminister.

Mit ihm beziehungsweise seinem Pagen reiste auch der Jahnsfelder Abendmahlskelch quer durch Europa bis Moskau und Schweden. Noch jetzt wird das gute Stück, das von der Odyssee wieder an seinen Ursprungsort heimkehrte, von einer Frau aus der Kirchengemeinde gehütet.

Heute hat Jahnsfelde noch zwei seiner Glocken. Eine stammt von 1729, gegossen vom Frankfurter Johann Friedrich Schramm. Die andere ist ein Überbleibsel aus dem 14./15. Jahrhundert. Der kleinste Teil des Geläuts musste 1917 im Ersten Weltkrieg zum Einschmelzen abgegeben werden - ausgerechnet jene Glocke, die immer für die Turmuhr geschlagen hatte. Eine andere Glocke entging diesem Schicksal, kehrte wieder zurück.

Deutlich fällt im regelmäßigen Feldsteinmauerwerk der Südseite außen noch der zugemauerte Portalbogen auf, wo sich früher eine Eingangstür befunden hat. Das rechteckige Kernstück des Kirchenbaus datiert übrigens aus dem späten 13. oder frühen 14. Jahrhundert, der eingezogene Turm ist um einiges jünger, wie schon sichtbar seine Gestaltung verrät. Im unregelmäßigen Mauerwerk mischen sich Feldsteine und Ziegel, Letztere gerade auch im neueren Stützpfeiler an der Südecke. Eine Orgel hat Jahnsfelde nicht mehr - das frühere Instrument wurde in den späten 1980er-Jahren nach Obersdorf umgelagert.

MOZ.de vom 15. November 2017

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