BUCHHOLZ-ORGEL IN DER DORFKIRCHE BRITZ SANIERT / POTSDAMER FACHLEUTE MUSSTEN PROSPEKTPFEIFEN KOMPLETT ERNEUERN

Ein Ergebnis, das sich hören lassen kann

Viola Petersson

Britz (MOZ) Kantor Siegfried Ruch spielt "Lucky Pipes" von Matthias Nagel. Ein Stück von zufriedenen Pfeifen. Glücklich sind aber auch die Zuhörer, die Britzer. Denn ihre Orgel klingt wieder. Die Sanierung der Königin der Instrumente ist abgeschlossen. Die Britzer feiern dies mit einem Konzert.

Zieht alle Register seines Könnens: Kantor Siegfried Ruch an der frisch restaurierten Buchholz-Orgel in der Britzer Dorfkirche
© Foto: Sören Tetzlaff
 
Anekdote vom Pfarrer: Martin Lorenz (stehend) zeigt der Gemeinde eine Postkarte aus dem Jahr 1942, auf der einer seiner Vorgänger über die Lieder für den nächsten Gottesdienst informierte. Der Text war bei der Sanierung im Pedal gefunden worden.
© Foto: Sören Tetzlaff

Am Eingang der Dorfkirche stehen zwei alte Pfeifen. "Spende Orgel" ist darauf zu lesen. Nein, ganz hat die Kirchengemeinde das Geld für die Restaurierungnoch nicht beisammen. Trotz Förderung. Ein paar Hundert Euro fehlen noch, um die Rechnungen begleichen zu können, so der dezente Hinweis von Pfarrer Martin Lorenz zum Ende des Gottesdienstes am Sonntag. Doch auch wenn es noch eine kleine Finanzierungslücke gibt, die Arbeiten sind abgeschlossen. Die Buchholz-Orgel ertönt in alter, neuer Klangschönheit, wie Kantor Siegfried Ruch beweist.

"Die Orgel ist das Letzte", hatte Pfarrer Lorenz zuvor erklärt. Das Letzte, das bei einer Kirchensanierung in Angriff genommen wird. So auch in Britz. Nachdem von 2006 bis 2008 in mehreren Etappen das Gotteshaus selbst auf Vordermann gebracht worden war, folgte nun, eben als letztes, das Instrument, so Lorenz. Die Orgel war zwar nie verstummt. Sie war bespielbar. "So leidlich", wie Lorenz sagte. Klapprig, mit hängender Tastatur, ein Register war bereits komplett ausgefallen, durch die Holzpfeifen hatte sich der Holzwurm gefressen - ein Zustand, der deutlich zu hören war, wie auch Kantor Ruch aus eigener Erfahrung weiß.

Trotz aller Mängel und Misstöne - das Besondere am Britzer Instrument sei, dass es weitestgehend im Original-Zustand erhalten geblieben ist, ließ Orgelbauer Matthias Schuke von der gleichnamigen Potsdamer Firma, die die Pfeifen wieder zum Wohlklang geführt hat, die Gäste wissen. Das Innenleben der Orgel entspreche noch ganz dem von 1846, als Buchholz die Orgel gebaut hatte. "Das ist sehr selten", so der Fachmann. Weshalb man bei der Restaurierung selbstverständlich sehr sensibel vorgegangen sei. Die durch den Holzwurm zersetzten Teile im Pfeifenwerk sowie in der Mechanik wurden ersetzt. Ebenso wie die Prospektpfeifen. Die dortigen Original-Pfeifen waren 1917 verloren gegangen. Die Zinnlegierung war in Kriegszeiten in der Rüstungsindustrie gefragt, etwa für Kanonenrohre, so Schuke. Später sei die Lücke zwar geschlossen worden, allerdings durch minderwertige Zinkpfeifen. "Weshalb wir das Prospekt komplett neu gebaut haben in unserer Werkstatt - nach Buchholz."

Und auch wenn die Orgel seit nunmehr 171 Jahren die Britzer begleitet - von der Taufe bis zur Trauerfeier, seit 1942 war offenbar nichts mehr an ihr gemacht worden. Nicht mal eine ordentliche Reinigung. "Bei der Sanierung hat die Firma nämlich im Pedal eine Postkarte von 1942 gefunden", zeigte Lorenz das verstaubte Beweisstück, auf dem der damalige Pfarrer dem Organisten die Lieder für den nächsten Gottesdienst mitgeteilt hat.

Mit gut 23 000 Euro sei die Restaurierung der Orgel zwar etwas teurer geworden als zunächst geplant, gleichwohl konnte die Königin der Instrumente mit vergleichsweise geringem finanziellen Aufwand wiederhergestellt werden, so Gutachter Hannes Ludwig. Auf dem letzten Loch pfeift die Britzer Kirchengemeinde nicht ganz, dennoch war die Restaurierung nur dank der Unterstützung durch den Bund und die Kommune möglich, erklärte Pfarrer Lorenz weiter. Mit Hilfe des Bundestagsabgeordneten Stefan Zierke (SPD) stellte die Kirchengemeinde einen Förderantrag für ein Orgel-Sonderprogramm. "100 Anträge waren eingegangen, 26 wurden am Ende bewilligt, darunter der Britzer", machte Zierke deutlich.

Neben 10 000 Euro aus Berlin gab es 4000 Euro von der Gemeinde Britz bzw. von der gemeindeeigenen Grundstücksgesellschaft GEG. "Was vor fast 20 Jahren mit der Erneuerung der Eingangstore begann und mit dem Aufsetzen des Turmknopfs seinen Höhepunkt erlebte, findet nun seinen krönenden Abschluss", befand Bürgermeister André Guse und dankte der Kirchengemeinde, die "in aller Stille eine Arbeit für die Dorfgemeinschaft" leistet.

Mit dem Albert-Schweitzer-Zitat "Eine Kirche ohne Orgel ist wie ein Körper ohne Seele" entlässt Pfarrer Lorenz die Gäste in die neue Klangwelt. Und so bleiben denn an diesem Sonntag die Liederbücher geschlossen. Kantor Siegfried Ruch, begleitet vom Trompeter Kiichi Youtsomoto, zieht alle (sieben) Register seines Könnens und die der Königin der Instrumente. Mit Werken von Posegga bis Purcell. Und Nagels "Lucky Pipes". Im Fall Britz sind es immerhin 351 Exemplare.

Nächstes Konzert in der Britzer Dorfkirche: 10. Dezember, 16.30 Uhr, mit dem Berliner Vokalkreis

Buchholz-Orgel

Carl August Buchholz gilt als bedeutendster märkischer Orgelbauer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er lieferte von 1817 (erster Orgelbau in Prenzlau) bis zu seinem Tod 1884 mehr als 100 Orgeln für den europäischen Markt. Seine größten erhaltenen Werke stehen in der "Schwarzen Kirche" Kronstadt (heute Brasov), Rumänien, in Stralsund sowie in Barth. 1853 wurde Buchholz in Anerkennung seiner Verdienste zum "Akademischen Künstler" ernannt. Buchholz-Orgeln zeichnen sich durch anspruchvollste Verarbeitung, besondere Klangschönheit und Noblesse im Ton aus.
Die Britzer Orgel wurde 1846 von Buchholz gebaut - auf der Westempore mittig als Brüstungsorgel mit neoromanischem Prospekt und sieben Registern. 1895 kam es zu einem Kirchenumbau, bei dem u. a. das Instrument nach hinten an den Turm versetzt wurde. 1917 mussten die Prospektpfeifen zu Rüstungszwecken abgeliefert werden, sie wurden später aus Zink ersetzt.(Quelle: Gutachten Hannes Ludwig)

MOZ.de vom 17. Oktober 2017

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