Dahmeland-Fläming

Ein „schlimmes Erbe angetreten“

Nach der Wende waren die Dorfkirchen in der Region in einem schlechten Zustand, sagt Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen. Inzwischen hat sich das geändert, dank vieler Initiativen. Und die Dorfkirchen sind immer noch der Mittelpunkt ihrer Orte, sagt Janowski.

Bernd Janowski
Quelle: privat

Dahmeland-Fläming. Bernd Janowski ist der Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirche Berlin-Brandenburg.

MAZ: Was unterscheidet eine Dorfkirche von einer Stadtkirche?

Bernd Janowski: Zunächst einmal natürlich die Größe. Aber eine Dorfkirche bildet nicht nur optisch, sondern auch sozial den Mittelpunkt eines Dorfes. Durch die Besonderheiten der mittelalterlichen Besiedlung in Brandenburg haben wir hier nahezu in jedem Dorf eine Kirche. Wenn man sich diese in der Regel nicht allzu großen Dörfer anschaut und sich die Kirche wegdenkt, dann bleibt nicht ein Dorf übrig, sondern eine Ansammlung von Häusern, verbunden lediglich durch die Kanalisation.

Haben Dorfkirchen diese soziale Funktion noch immer?

Im ländlichen Raum gerade in Ostdeutschland hat es in den vergangenen Jahrzehnten rasante Veränderungen gegeben. Ich selbst wohne in einem Dorf in der Uckermark, hier gab es 1990 noch eine Schule, einen Bäcker, einen Lebensmittelladen,eine Post und drei Gaststätten. All das gibt es heute nicht mehr. Vor diesem Hintergrund bedeutet die Kirche auch so etwas wie Heimat. So kommt es, dass die Fördervereine zum Erhalt der Dorfkirchen häufig von Menschen getragen werden, die mit der Institution Kirche gar nicht mehr verbunden. Das ist ein ganz interessantes Phänomen.

Haben Dorfkirchen in einer säkularen und älter werdenden Gesellschaft eine Zukunft?

Wir wissen nicht, wie das mit dem demografischen Wandel und der Säkularisierung weitergeht. Aber beispielsweise in der Uckermark haben wir jetzt schon Kirchen, die nicht mehr genutzt werden, weil es keine Gemeinde mehr gibt, und solche Probleme sehe ich in naher Zukunft auch auf andere Regionen zukommen. Vielleicht sollten wir Kirchen daher nicht nur als Gottesdienstorte der kleiner werdenden Gemeinden sehen. Sie sind die wichtigsten Denkmale und die letzten öffentlichen Räume in den Dörfern, darum sehe ich für ihren Erhalt nicht nur die Institution Kirche in der Pflicht, sondern die gesamte Gesellschaft.

Sollten die Kirchen auch anderen als spirituellen Zwecken dienen?

Es finden ja schon viele kulturelle Veranstaltungen in den Kirchen statt, zum Beispiel Theater- und Filmvorführungen, Lesungen und Konzerte. Und das sehe ich durchaus positiv. Im ländlichen Bereich ist in den vergangenen Jahrzehnten auch kulturell vieles weggebrochen, da kann die Kirche eine Ersatzfunktion übernehmen. Aber man kann an eine Kirche keine marktwirtschaftlichen Nutzungsmaßstäbe anlegen, eine Kirche hat ihre Berechtigung aus sich selbst heraus. Wenn in kleinen Orten vier oder fünf Gottesdienste und zwei Konzerte im Jahr stattfinden, dann reicht das völlig aus. Wir sollten stolz darauf sein, dass wir in jedem noch so kleinen Gemeinwesen einen Ort haben, der sich den marktwirtschaftlichen Zwängen entzieht.

Welche Rolle spielt Ihr Förderkreis bei der Pflege der Gotteshäuser, speziell der Dorfkirchen?

Wir haben etwa 650 Mitglieder und einen Stamm von Spendern, sodass wir im Jahr bis zu 100 000 Euro für konkrete Sanierungsprojekte zur Verfügung haben. Darüber hinaus fungieren wir als Dachverband für viele lokale Vereine und haben in jedem Landkreis Regionalbetreuer, die Anregungen geben und aufnehmen. Außerdem veranstalten wir zum Beispiel gemeinsam mit dem Landesmusikschulverband die Reihe „Musikschulen öffnen Kirchen“. Allein in diesem Jahr finden mehr als 70 Konzerte statt. Deren Erlöse fließen ausschließlich in die Sanierung oder die Instandhaltung der jeweiligen Kirche.

Was sind das für Menschen, die sich für den Erhalt der Dorfkirchen engagieren?

In den 1990er Jahren waren es häufig Leute, die von Berlin aufs Land gezogen waren und dort die Fördervereine ins Leben gerufen hatten. Jemand von außen hat vielleicht einen anderen Blick. Wenn man jahrzehntelang auf eine vernachlässigte Kirche geschaut hat, kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass es auch anders geht. Inzwischen kommt das Engagement immer öfter aus den Dörfern selbst. Wenn die Leute sehen, dass im Nachbarort eine Sanierung gelungen ist, denken sich die Bewohner: Das können wir auch versuchen.

Was treibt die Menschen an, sich zu engagieren?

Bei uns im Förderkreis haben wir eine ganz bunte Mischung, Fachleute aus dem Baugewerbe, aber auch viele interessierte Laien. Manche engagieren sich aus ihrer religiösen Empfindung heraus, andere wollen einfach diese wunderschönen Denkmale erhalten.

Wann sind die Dorfkirchen eigentlich entstanden?

Die meisten sind im Zuge der mittelalterlichen Besiedlung östlich der Elbe etwa ab 1200 herum gebaut worden. Da wurden ohne moderne Technik innerhalb weniger Jahrzehnte hunderte Feldsteinkirchen in unserer Region hochgezogen, das sollte uns immer noch mit Bewunderung erfüllen.

Ist das nicht auch ein Akt der Landnahme gewesen?

Landnahme klingt sehr kriegerisch, es war im Grunde eine eher friedliche Geschichte. Das Gebiet war ja von Slawen bewohnt, die in der Regel keinen festen Wohnsitze hatten. Das ist sicherlich nicht alles ohne Auseinandersetzungen gelaufen, aber in der Regel wurden die slawischen Einwohner mit der Zeit integriert und nicht umgebracht. Die deutschen Zuwanderer aus Westfalen, dem Rheinland oder auch aus Flandern, hatten dann das Bedürfnis, sich schnell ein Gebäude für ihre Gottesdienste zu bauen. Anfangs wurde in der Regel eine schlichte Holzkirche errichtet. Wenn die wirtschaftliche Grundlage da war – so eine Generation später –, dann hat man begonnen, eine Feldsteinkirche hochzuziehen. Natürlich gibt es auch die Fachwerkbauten aus dem 16. oder 17. Jahrhundert oder die Ziegelbauten aus dem 19. Jahrhundert, aber es dominieren die mittelalterlichen Feldsteinkirchen.

Ihr Verein hat sich im Mai 1990 gegründet. In welchem Zustand haben Sie die Kirchenlandschaft damals vorgefunden?

Es heißt immer, 40 Jahre DDR seien schuld daran, dass die Kirchen so verfallen sind, und das ist auch nicht ganz falsch. Wir haben damals schon ein schlimmes Erbe angetreten. Eigentlich geht der Sanierungsstau aber noch weiter zurück. Erst gab es den Ersten Weltkrieg, dann die Depression der Zwischenkriegszeit und das Dritte Reich hatte auch nicht viel für die Kirchen übrig, so dass die letzten Sanierungen 80 bis 90 Jahre zurücklagen, als wir 1990 anfingen, uns mit dem Thema zu beschäftigen. Wenn man heute über die Dörfer fährt, muss man schon konstatieren, dass in der Zwischenzeit richtig viel passiert ist. Darauf können viele Dorfgemeinschaften stolz sein!

Welche Projekte in der Region Dahmeland-Fläming halten Sie für besonders gelungen?

Wir haben gerade ein wunderschönes Epitaphgemälde aus der Dorfkirche Blankensee gefördert, das zurzeit in der Reformationsausstellung im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam gezeigt wird. Unterstützt haben wir auch die Restaurierung der Ausstattung der Dorfkirche in Niebendorf, das ist meines Erachtens einer der schönsten Kirchenräume in ganz Brandenburg. Die Schwesterkirche in Waltersdorf ist ähnlich ausgestattet, auch dort haben wir bei der Sanierung geholfen. Interessant ist auch die Kirche in Heinsdorf. Dort hat man in den 1960er Jahren wegen akuter Bauschäden den Turmhelm und das Dach des Kirchenschiffes abgetragen und die Kirche zur Ruine gemacht. Der örtliche Förderverein hat mit unserer Unterstützung begonnen, diese Ruine wieder mit Leben zu füllen. Dort ist ein einfaches Schleppdach über das Kirchenschiff gespannt worden und es gibt dort wieder Gottesdienste und andere Veranstaltungen. Das ist auch architektonisch eine sehr spannende Geschichte.

Von Martin Küper

Märkische Allgemeine vom 02. Oktober 2017

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