Thomas Berger

Stückweise zu neuer Pracht

Wesendahl (MOZ) Sie sind in der Regel die ältesten Bauwerke ihrer Orte, steinerner Brückenschlag zwischen den Jahrhunderten. Die MOZ stellt in einer Serie die Kirchen vor. Heute: Dorfkirche Wesendahl (Dorfkirche des Monats August 2010).

Inzwischen wieder ein Prunkstück: Zwölf Jahre ist es diesen Monat her, seit sie nach dem Wiederaufbauwerk neu in Dienst gestellt wurde.
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Viele brachten sich ein: Ingeborg Laubach vor dem Abendmahlsbild der führenden Aktivisten - ganz links ihr verstorbener Mann Horst
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Gemeinsam stark: Bernhard Jankowski, der hier mit Pfarrer Johannes Menard die Spendenbox hält, zählt zum Kreis der Ehrenamtlichen.
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Wer heute durch Wesendahl fährt, erfreut sich auf dem Dorfanger an der prächtigen Kirche. Es ist ein Bild, das es in dieser Form erst wieder seit einigen Jahren gibt. Lange Zeit war das Bauwerk eine Ruine, wie sich auch Pfarrer Johannes Menard noch gut aus seiner Anfangszeit erinnern kann. "Was ich Anfang der 1990er-Jahre hier vorfand, war ein nutzbarer Chorraum", für den sehr überschaubaren Kreis der Kirchgänger aus dem Dorf aber ausreichend. "Dazu fehlt uns das Geld", habe er immer wieder sagen müssen, wenn jemand mit der Frage an ihn herantrat, ob man nicht einen Wiederaufbau in Angriff nehmen wolle. "Wie wollen 20, 25 Leute eine halbe Million Mark aufbringen?"

Einer aber ließ sich von solchen Feststellungen nicht entmutigen. Uwe Sack, Unternehmer aus Fredersdorf, blieb am Ball, scharte Gleichgesinnte um sich, stellte sich an die Spitze eines zunächst in der Tat kaum realistisch scheinenden Vorhabens. Am 2. Februar 2001 fand in der damaligen Gaststätte "Wesendahler Mühle" die Gründungsversammlung des Fördervereins statt. Und dieser legte, unterstützt von anderen Mitstreitern, voller Energie los.

"Anfangs hatte ja die Feuerwehr zumindest die Mauerkrone gesichert", blickt Pfarrer Menard zurück. Turm und Schiff wurden später gemeinsam von Trümmern beräumt, schließlich lagerten dort Schutt und Balken, wuchsen bereits kleine Bäume. "Im ersten Winter war dann auf der beräumten Fläche ein tolles Grillfest", später prangte der Richtkranz in der Höhe. "Das war so eine Truppe voller Schwung damals", bekräftigt auch Ingeborg Laubach, die ebenso wie ihr inzwischen verstorbener Mann Horst zu den Aktivisten gehörte. "Ich habe zum Beispiel Türen und Bänke gestrichen, drei Altardecken genäht", blickt die Seniorin zurück. Und verweist ebenso wie der Pfarrer auf mehrere Glücksfälle. Der eine war die Gebietsreform, dem der nunmehrige Altlandsberger Stadtteil Wesendahl seine "Fusionsprämie" für das Aufbauwerk beisteuerte. Der zweite wichtige Faktor waren die Fördermittel aus EU-Programmen. Denn die Landeskirche, räumt Menard ein, wollte damals keine eigenen Mittel bereitstellen. Allerdings habe die Kirchengemeinde am Ende Heizung, Lampen und weiteres bezahlt. Dem Turm als erstem Abschnitt des Großprojektes folgte das Schiff - Dachstuhl und Dach, Fenster, Fußboden und Innenputz der Mauern, die zuvor so lange schutzlos Wind und Wetter ausgesetzt waren. Dass heute statt der üblichen Bankreihen gelbe Polstersessel im Innenraum stehen, ist Uwe Sacks Mutter Vera zu verdanken. 100 Stück, seinerzeit für einen Euro zu haben, hatte sie aus dem Nachlass der Volkskammer im Palast der Republik besorgt. Nicht das Einzige, mit dem sie sich in der Kirche verewigt hat. Auch die Engelsfigur in der Ecke ist eine Schenkung von ihr. Weitere Kunst fällt natürlich ebenfalls ins Auge: Der Altlandsberger Wolfgang Arnold hat ein besonderes letztes Abendmahl gemalt: Statt Jesus und seinen Jüngern sind auf dem Bild die wichtigsten Akteure des Wiederaufbaus verewigt. Mehrere Bilder des Ihlower Malers Udo Hagedorn vervollständigen diesen Reigen.

Was jeder Betrachter schon dem äußerst regelmäßigen Feldsteinmauerwerk entnehmen kann, das sich an Schiff wie Turm bis zum Dachansatz zieht, zählt die Wesendahler zu den ältesten Kirchenbauten in der Region, wird ihre Entstehungszeit auf die Mitte des 13. Jahrhunderts datiert. Manche runden Tür- und Fensteröffnungen datieren noch aus der romanischen Anfangszeit, die meisten Fensternischen wurden in der folgenden Epoche der Gotik dann allerdings mit Spitzbogen versehen. Auch den Dreißigjährigen Krieg überstand dieser massive, wuchtige Bau nahezu unbeschadet, lediglich der apsisartige Abschluss des Langhauses ging damals verloren. Dass es in der Entstehungszeit auf eine gewisse Wehrhaftigkeit ankam, erzählt auch die Mächtigkeit der Mauern. Im Schiff sind sie 1,15 Meter dick, im Turm teilweise doppelt so stark, mindestens aber 1,80 Meter. 1736 und 1883 fanden Renovierungen statt. Der ziegelgemauerte Turmaufsatz datiert wohl aus dem 18. Jahrhundert. Die alte Wetterfahne trug die Jahreszahl 1754, ist überliefert.

Es waren aber nicht etwa massive Kriegsschäden, die die Kirche so lange zur Ruine machten. Die Dörfler selbst hatten nach 1945 das Bauwerk gewissermaßen als Steinbruch genutzt, sich bei Baumaterial bedient. Die staatlichen Stellen hatten das Gebäude zum Abriss vorgesehen, wie aus Dokumenten jener Zeit hervorgeht, die teilweise in Kopie heute im Kirchenschiff ausgestellt sind. Von durchhängender Decke, abgedeckten und einem "insgesamt sehr schlechten Zustand" spricht unter anderem ein Schreiben des Kreisbauamts im August 1947 an die Brandenburger Provinzialregierung.

Heute ist all das Geschichte. Selbst die eine der beiden Glocken, die einst herabgestürzt im ersten Stock lag, hängt nun wieder im Turm, läutet täglich zweimal. Einzelspender haben die neuen Schallluken und Fenster finanziert, die Stadt stellte für die EU-Förderung den notwendigen Eigenanteil. Ein echtes Gemeinschaftswerk, heute wieder für Gottesdienste, Konzerte und mehr nutzbar. Und unter anderem das jährliche Kirchturmfest erinnert daran, dass aus einer vermessen wirkenden Idee dank Beihilfe so vieler etwas ganz Großes geworden ist.

Märkische Onlinezeitung vom 25. September 2017

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