Rietz bei Treuenbrietzen

Die Königin der Instrumente erklingt wieder

70 Jahre tönte durch die Kirche in Rietz bei Treuenbrietzen (Potsdam-Mittelmark) nur ein notdürftiges Orgelspiel. Die Pfeifen aus Metall fielen dem Ersten Weltkrieg zum Opfer. Nun schafften es engagierte Kirchenglieder, die Restaurierung zu finanzieren. Für ein Mädchen hatte das erste Orgelspiel eine ganz besondere Bedeutung.

Der Bad Belziger Kantor und Orgelfachmann Winfried Kuntz durfte als Erster auf der sanierten Orgel spielen.
Quelle: Christiane Sommer
 
Die Orgel begleitete die Taufe eines Mädchens.
Quelle: Christiane Sommer
 
Auch die Bläser stimmten ein.
Quelle: Christiane Sommer
 
Der sanierte Klangkörper.
Quelle: Christiane Sommer

Rietz. Es waren noch ganz junge Ohren, die in der Rietzer Kirche jetzt zum ersten Mal wieder die Orgel klingen hörten. Die Taufe von Stine Gutjahr wird allen Einwohnern des Treuenbrietzener Ortsteils noch lange in Erinnerung bleiben. „Ich hatte dabei Tränen in den Augen“, gesteht Sebastian Mews. Der ehemalige Pfarrer der Gemeinde war nicht nur wegen des neuen Kirchenmitglieds gerührt. Gleichzeitig wurde nämlich die alte Orgel der Kirche wieder geweiht. Sie erklang nach der jüngsten Sanierung erstmals nach gut 100 Jahren wieder in voller Klangfülle.

Die Freude von Mews – aber vor allem der Rietzer – kommt nicht von ungefähr, wie Marina Flemmer vom Gemeindekirchenrat erklärt: „Pfarrer Mews hat uns Mut gemacht, uns an die Orgelsanierung zu wagen.“ Immerhin waren 60 000 Euro nötig, um das Instrument aus dem Hause des Niemegker Orgelbaumeisters Gottfried Wilhelm Baer komplett instand setzen zu lassen.

Während des Festgottesdienstes am vorigen Sonntag erinnerte der pensionierte Pfarrer Jürgen Lüdersdorf aus Treuenbrietzen an das Schicksal der Orgel. Bomben und Granaten waren damals wichtiger als Kirchenmusik. Mit dem kaiserlich verordneten Einschmelzen der Pfeifen ereilte die Rietzer Orgel das selbe Schicksal, wie unzähligen ihrer Schwestern.

Die leeren Pfeifenfelder wurden nachfolgend mit Papier verschlossen. Das war die einzige Möglichkeit, um wenigstens ein notdürftiges Orgelspiel zu ermöglichen. So hatten die Rietzer versucht, den Mangel zu überbrücken. Wann genau das Orgelspielen in der Rietzer Kirche eingestellt wurde, ist nicht mehr bekannt. „Sicher ist, dass die Orgel zur Konfirmation 1954 noch gespielt hat“, berichtet Lüdersdorf.

1976 hatte er die Pfarrstelle in Treuenbrietzen übernommen. Bereits vor seinem Amtsantritt hätten „böse Buben dem Instrument einen Todesstoß versetzt“, erzählte der Pfarrer. „Danach haben sich viele Menschen um die Orgel bemüht“, berichtet Lüdersdorf. Sebastian Mews war nur einer in der langen Liste. Auch dessen Amtsnachfolger Gunther Seidel sowie der Bad Belziger Kantor und Orgelfachmann, Winfried Kuntz, und der Rietzer Gemeindekirchenrat hatten sich für die Orgel eingesetzt.

Offizielle wieder Dienst gestellt hat sie nun wiederum Superintendent Siegfried-Thomas Wisch. Er lobte das das „aus einem 70-jährigen Dornröschenschlaf“ erweckte Pfeifenwerk in höchsten Tönen und zugleich das Engagement der Gemeinde. Als die Rietzer Kirche in den 90er-Jahren saniert wurde, gelang es der Gemeinschaft, die Orgel bereits notdürftig wieder herrichten zu lassen.

Große königliche Töne blieben jedoch ein Traum. Als im Herbst vergangenen Jahres die Finanzierung gesichert und die Orgelbauer der traditionsreichen Firma Schuke aus Werder begannen das Werk abzubauen, ging ein Aufatmen durch die Gemeinde. Wenn in den kommenden Wochen nun noch der fehlende silberfarbene Palmettenschmuck am Orgelkranz installiert wird, ist die Sanierung komplett abgeschlossen.

Wie viel Baer und wie viel Schuke heute tatsächlich in der Orgel stecken, wollte eine Dame von Orgelbaumeister Matthias Schuke wissen. Diese Frage vermochte der Firmeninhaber aus Werder nicht zu beantworten. Aber er konnte erklären, dass von den insgesamt 420 Orgelpfeifen nur noch 100 erhalten blieben. Alle anderen mussten nachgebaut werden. Die glänzenden Pfeifen im Orgelprospekt sind aus einer Zinn-Blei-Legierung gefertigt, die im Innern aus Birnbaum- und Kiefernholz. „Ich wünsche mir an einem Tag wie heute nicht nur, dass immer jemand da ist, der die Orgel spielt“, sagte Matthias Schuke zur Wiedereinweihung, „sondern auch, dass in der Kirche Leute sitzen, die mit ihr singen.“

Von Christiane Sommer

Märkische Allgemeine vom 22. September 2017

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