Farbenprächtige Malereien im Chorgewölbe

GRÖDEN In der Grödener Kirche holt ein Restaurator übermalte Kunst punktuell ans Tageslicht. Die Geheimnisse von Taufstein und Altar.

Herrlich anzusehen: die außen sanierte evangelische Kirche in Gröden.
Foto: Manfred Feller
 
Kein Durchkommen im Kirchenchor. Die Rüstung ist notwendig, damit die alten Malereien im Gewölbe sondiert werden können.
Foto: Manfred Feller
Vor der aktuellen Restaurierung: Dr. Sebastian Rick, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates, am unvollständigen Marienaltar. Die Flügel existieren nicht mehr. Die Figuren könnten von Kunstdieben gestohlen worden sein.
Foto: Manfred Feller
 
Restaurator Ralf Schirrwagen braucht eine ruhige Hand, um das zuvor Unsichtbare sichtbar zu machen. Dies ist eine zeitaufwendige, aber wertvolle Arbeit.
Foto: Manfred Feller
 
An der Wand des Triumphbogens ist dieser Schriftzug unter alten Farbschichten freigelegt worden.
Foto: Manfred Feller

Die etwa 800 Jahre alte Kirche in Gröden und der Kirchhof können sich sehen lassen. Dort ist in der jüngeren Vergangenheit sehr viel getan worden. Auch drinnen soll das betagte Gotteshaus ein Schmuckstück werden. Doch der Chor ist momentan eine einzige Baustelle.

Aber von Baulärm keine Spur. Diesen kann Ralf Schirrwagen da oben auf der Rüstung auch nicht gebrauchen. Mit ruhiger Hand und filigranem Werkzeug legt er Millimeter für Millimeter uralte Malereien unter bis zu acht Schichten Deckenfarbe frei. Jedoch nur punktuell. Die bis etwa Anfang September dauernde Sondierung soll aufzeigen, in welcher Form das Gewölbe des Chores einst gestaltet gewesen sein könnte. Warum die Altvorderen die frühere Kunst einfach überstrichen und zum Glück nicht entfernt haben, bleibt nicht nur in dieser Kirche ein Geheimnis. Es kann nur gemutmaßt werden. Vielleicht war es der wechselnde Zeitgeist.

Wenn der aus Nexdorf stammende Ralf Schirrwagen seine Arbeit vorläufig beendet hat und ein etwaiges historisches Gesamtbild "zeichnen" kann, sind Entscheidungen gefragt. Die Kirchengemeinde muss in Abstimmung mit ihm, dem kirchlichen Bauamt und dem Denkmalschutz in einer Konzeption festlegen, wie man mit den durchaus überraschenden Entdeckungen umgeht.

Natürlich können Restauratoren alle Malereien freilegen. Doch das kostet unheimlich viel Geld. Die Grödener Kirchengemeinde setzt eigenes Geld ein, bekommt Unterstützung von der Kommune und auch ein paar Denkmalmittel vom Landkreis. Stark gesetzt wird auf die laufende Spendenaktion.

Oder man beschränkt sich auf einzelne freizulegende Ausschnitte. Im kostengünstigsten Fall werden nur die losen Farbschichten vorsichtig entfernt, um die Malereien darunter zu erhalten. Die Decke erhält einen einheitlichen Anstrich. Lediglich die Kanten des Gewölbes werden in Ocker und mit Goldstreifen abgesetzt, so wie es der Restaurator dokumentiert hat.

Unter den Farbschichten hat Ralf Schirrwagen eine Art Ranken- oder florale Malerei, Teile eines Streichinstrumentes und einen Schriftzug hervorgeholt. "Die Farbe Blau war hier mal dominant. Sie ist aber verblasst", stellt der erfahrene Restaurator fest. Manches sei gut erhalten, anderes befinde sich in schlechtem Zustand. Eines stehe fest: "Hier gab es eine Komplettausmalung."

Während hoch oben auf der Rüstung noch viele Fragen zu beantworten sind, wurden darunter bereits bauwerkserhaltende Tatsachen geschaffen. Der alte, unvorteilhafte Zementputz wurde bis in eine Höhe von etwa zwei Metern abgeschlagen und durch einen Kalkputz ersetzt. "Zement ist problematisch", sagt Ralf Schirrwagen mit Blick auf das feuchte Mauerwerk im Sockelbereich. Dieses könne jetzt besser atmen und die Nässe abgeben.

Die barocke Ausmalung des Gewölbes könnte nach Ansicht von Dr. Sebastian Rick (33), Vorsitzender des Gemeindekirchenrates, fantastisch gewesen sein: "Man muss sich das farbenprächtig vorstellen." Auch mit musizierenden Engeln. Das gehe aus Beschreibungen jenes Pfarrers hervor, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts seinen Dienst in Gröden versah.

Die Deckenmalerei wird auf das Jahr 1701 datiert. Zugeschrieben wird dies dem damals regional bekannten Kirchenmaler Christian Schilling aus Delitzsch. Wer sehen möchte, wie die Grödener Kirche einst drinnen ausgesehen haben könnte, so der promovierte Historiker Dr. Sebastian Rick, der kann sich das Gotteshaus im sächsischen Löbnitz anschauen. Fast als sicher gelte auch, dass die Kassettendecke in der Kirche Gröden ebenfalls Malereien aufwies.

Derart sehenswert, wie sich das historische Bauwerk heute außen zeigt, war es nicht immer. "Noch 1978 befand sich die Kirche in einem erbärmlichen Zustand", weiß Dr. Sebastian Rick. Pfarrer Berndt Engelmann hatte sich sehr für die Sanierung eingesetzt und das mit bescheidenen Mitteln. Die letzten größeren Arbeiten erfolgten im Jahr 2008 mit dem Außenanstrich und dem Herrichten des Glockenturmes.

Stolz ist die Gemeinde auf den gotischen Taufstein, der wohl kurz nach dem Bau der Kirche darin seinen Platz erhalten hatte. "Er ist das älteste Zeugnis des christlichen Glaubens im Schradengebiet", hebt der Grödener hervor, der beim Konsistorium der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz in Berlin arbeitet. Kaum zu glauben, aber die Taufschale war eine Zeit als Blumenschale vor der Kirche zweckentfremdet worden. Jener Pfarrer Engelmann hatte das unersetzliche Stück gewissermaßen wiederentdeckt und gesichert.

Ebenfalls eine Besonderheit ist der Marienaltar geschaffen wahrscheinlich zwischen 1500 und 1520. Maria mit Jesuskind in einer protestantischen Kirche? Weil der Altar wohl kurz vor der Reformation aufgestellt worden war. Später war er eine unbestimmte Zeit auf dem Boden eingelagert und erst in den 1920er-Jahren vom Pfarrer und dem Maler Hans Nadler zurückgeholt worden.

Allerdings fehlen die Altarflügel. Bis in die 1960er-Jahre sollen zumindest einzelne Figuren vorhanden gewesen sein. Diese habe eine Person zur Restauration abgeholt. Doch es war ein Dieb. Nach den Worten von Dr. Sebastian Rick hält sich bis heute das Gerücht, dass genau jene Figuren in einem westdeutschen Kunstkatalog aufgetaucht sein sollen. "Das legt die Vermutung nahe, dass die Staatssicherheit oder Kunstdiebe am Werk gewesen waren", so der Grödener. Die Stasi pflegte zur Devisenbeschaffung einen regen Kunsthandel, oft auch mit kriminellen Methoden. In seiner Promotion hat sich Sebastian Rick mit der sowjetischen Besatzungszone und der DDR-Geschichte beschäftigt.

Manfred Feller

Lausitzer Rundschau vom 18. August 2017

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