Marco Marschall

Neuanfang vor 300 Jahren

Groß Ziethen (MOZ) Vor mehr als 300 Jahren hielten die Hugenotten in den Ziethendörfern Einzug. Vor genau 300 Jahren hatten sie die zerstörte Dorfkirche in Groß Ziethen wieder aufgebaut. Das wird nun mit einem Festwochenende gefeiert, bei dem auch ein anderer Platz im Dorf wiederbelebt wird.

Cornelia Müller würde am 16. und 17. September gern viele Gäste in der typisch schlicht gestalteten Hugenottenkirche begrüßen.
© MOZ/Marco Marschall

Als die Glaubensflüchtlinge aus Frankreich gegen Ende des 17. Jahrhunderts in den Dörfern an der Grenze zwischen Barnim und Uckermark eintrafen, waren diese so gut wie ausgestorben. Laut Chronik lebten in Groß Ziethen zu diesem Zeitpunkt nur noch zwei Bauern und zwei Witwen. In Klein Ziethen waren nur noch zwei Bewohner übrig. Der Dreißigjährige Krieg hatte das Leben fast vollständig ausgelöscht, die Gebäude zu einem Großteil zerstört. Darunter auch die aus dem 13. Jahrhundert stammende Feldsteinkirche.

Sie sollte bald wiedergeboren werden. Als französisch reformierte Kirche wurde sie 1717 neu eröffnet. Insgesamt seien in vier Einwanderungsperioden 74 Hugenotten gekommen und erweckten die Dörfer wieder zum Leben. Jean Regnier hieß der erste Pfarrer und noch heute verraten die Nachnamen der Einwohner viel über ihre Abstammung. Allein zum Kirchgang lassen sich die meisten nur noch an christlichen Feiertagen bewegen. "Nur fünf bis sechs würden regelmäßig zu Gottesdiensten kommen", schätzt Pfarrerin Cornelia Müller. Deshalb lohne sich die Öffnung auch nicht an jedem Sonntag.

Am Wochenende des 16. und 17. Septembers dürften es gern etwas mehr Gäste sein. Die Bänke im Raum mit dem schlichten Interior sind dann sicher gut besetzt. Um 14Uhr beginnt am ersten Festtag anlässlich der Wiedereröffnung ein musikalischer Gottesdienst. Hugenotten aus aller Welt übermitteln ihre Grußworte und es wird den Spendern der Kirchensanierung gedankt. Fünf Jahre ist die Renovierung des Hauses her.

Eine Wiederbelebung, die erst kürzlich vonstattenging, ist die des Gartens hinter dem Pfarrhaus. "Vor einem Jahr war hier noch Ödnis und Wildwuchs", sagt Cornelia Müller. In seiner Grundstruktur aber wurde das Areal einst wie ein kleines Labyrinth angelegt, mit vielen versteckten Plätzen. Diese Struktur ist nun wieder erkennbar und soll am Festwochenende zum Lustwandeln einladen. Unmittelbar hinter dem Pfarrhaus wird ein Festzelt stehen. Ab 16 Uhr gibt es im Garten Kaffee und Kuchen. Und um 17 Uhr findet in der Kirche ein Konzert des Kammerchors der Uckermärkischen Musik- und Kunstschule "Friedrich Wilhelm von Redern" aus Angermünde statt. Anschließend wird gegrillt.

Historiker dürfte vor allem der Sonntagvormittag interessieren. Dann nämlich hält Professor Matthias Asche ab 11Uhr einen Vortrag in der Dorfkirche. Asche hat den Lehrstuhl für Allgemeine Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Potsdam inne und will mit Legenden über die Hugenotten in den Ziethendörfern aufräumen. Ein Vortrag des Potsdamer Historikers und Groß Ziethens Gemeindeältesten Robin Villain erwartet die Gäste am Nachmittag. Er nimmt sich ab 14 Uhr das Hugenottische Leben zwischen Uckermark und Berlin vor.

Einen Teil dieses Lebens können die Besucher während der Festtage auch am eigenen Leib erfahren. Und zwar des kulinarischen Lebens. Im Pfarrgarten darf für 15 Euro vom Hugenottenbuffet gespeist werden. Anmeldungen werden bis zum 10. September unter der Telefonnummer 033364 50 600 entgegengenommen. Kleiner Vorgeschmack? "Es gibt zum Beispiel Zimttüten. Mit Zimt gebackene Waffelhörnchen gefüllt mit Mouse au Chocolat", verspricht Pfarrerin Cornelia Müller.

Fürs Gelingen der Jubiläumsveranstaltung sorgt neben ihr der etwa 20 Mitglieder starke Verein "Lebendiges Hugenottenerbe". Er hatte sich gegründet, um allen Geschichtsinteressierten die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen. Auch solchen, die konfessionelle Gründe bisher daran hinderten. Der Verein hatte auch dabei geholfen, den Pfarrgarten in Schuss zu bringen.

Auf seiner Internetseite verweist er neben dem Festwochenende im September auf weitere Veranstaltungen mit Bezug zum Hugenottenjubiläum. Auch die bereits eröffnete Ausstellung in der Galerie Alte Schmiede hat den Wiederaufbau der Groß Ziethener Kirche vor 300 Jahren zum Anlass. Gezeigt werden Gemälde, Grafiken und Zeichnungen Brandenburgischer Dorfkirchen. Das Kartoffelfest, am 2. September in Klein Ziethen, gäbe es ohne die Franzosen wohl auch nicht. Sie hatten den Anbau der Knolle in der Region verfeinert.

Märkische Onlinezeitung vom 16. August 2017

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