Von Taufkleid bis Totenkrone

DISSEN Symbolisch steht eine Tür mit Ausrufe- und Fragezeichen am Anfang der aktuellen Ausstellung "Glaube/ Kirche in der sorbischen Niederlausitz" im Heimatmuseum Dissen (Spree-Neiße). Denn an eine Tür, die der Schlosskirche zu Wittenberg, soll Martin Luther am 31. Oktober 1517 mit lauten Hammerschlägen seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel genagelt haben. Auch wenn das mit dem Thesenanschlag wohl eher eine Legende ist, diese Schrift hat die Welt verändert, fand bald auch Eingang in das religiöse Leben der Sorben/Wenden in unserer Region.

Museumschefin Kathrin Schwella in der Schau.
Foto: Renate Marschall

Bereits im 11. Jahrhundert begann die Christianisierung der slawischen Stämme in der Lausitz, die bis dahin ihre heidnischen Gottheiten verehrten, durch Bischof Benno von Meißen. Friedlich, was durchaus nicht überall der Fall war.

Da der jeweilige Landesherr die Konfession bestimmte, war die Entstehung einer einheitlichen sorbisch/wendischen Kirche schwierig. 1537 wurde die Cottbuser Klosterkirche zum religiösen Zentrum für etwa 16 Dörfer des Umlandes. 1543 verfasste Pfarrer Martin Richter aus Zossen die erste Taufagende in sorbisch/wendischer Sprache, und 1545 übersetzt Simon Gast, erster lutherischer Geistlicher in Lübben, deutsche Choräle ins Niedersorbische. Eine Schrift in ihrer Sprache hielten die Niederlausitzer Sorben erst 1574 in den Händen, als Albin Moller, Pfarrer, Astronom, Astrologe, Botaniker und Schriftsteller in Straupitz, ein "Wendisches Gesangbuch darinnen auch . . . der Kleine Katechismus" veröffentlichte. Das sind nur einige der Jahreszahlen, die auf vier langen Tafeln in der Ausstellung Auskunft über das religiöse Leben der sorbisch/wendischen Bevölkerung in der Niederlausitz und den Einfluss auf ihren Alltag geben.

Zu erfahren ist viel über die Geschichte, über das, was Menschen in dieser Gegend über Jahrhunderte prägte und bewegte und wie schwer sie es mitunter hatten, ihre Kultur und ihren Glauben zu leben. 1941 zum Beispiel verbot die evangelische Kirchenleitung Berlin-Brandenburg Predigten in sorbischer Sprache. Erst 1996 entschuldigte sich die Kirchenleitung dafür.

Der letzte Eintrag auf den Zeittafeln nennt das Jahr 2017: Die Dissener Pfarrerin Katharina Köhler wird als Seelsorgerin für die evangelischen Niedersorben eingesetzt.

Vitrinen in den zwei Ausstellungsräumen beherbergen Gegenstände, die Zeugnis ablegen von gelebtem Glauben in Dissen und Umgebung. Eine edle Decke, ein Taufkleid aus der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts sind zu sehen, Kannen und Teller für den besonderen Anlass, eine Trachtenhaube und wunderschöner Brautschmuck, Kelch und Oblatenbehältnis . . . Die Kirchgemeinde steuerte eine verzierte Bibel bei.

Hochzeitsurkunden erzählen freudige Familiengeschichte. In einer anderen Vitrine künden Totenkronen von Tränen und Trauer. "Diese Kronen wurden vor allem, wenn junge Menschen gestorben waren, zum Gedenken in der Kirche aufgehängt", erzählt Petra Kusch, die ehrenamtlich Führungen im zum Museum gehörenden mittelalterlichen Siedlungsausschnitt "Stary lud" macht und gerade noch in einem Gewand aus jener Zeit steckt. Die hier ausgestellten Kronen sind sehr gut erhalten, wenn man davon ausgeht, dass oft fragile Materialien wie Draht und Naturmaterial verwendet wurden.

Oft gehörten zu den Kronen auch Konsolen oder Gehäuse aus bemaltem Holz, um sie würdig zu präsentieren. Auf einer solchen Konsole ist zu lesen: Martin Rinza, geb. 18. April 1826, gest. 4. Mai 1847 um 7 Uhr, 21 Jahre und 16 Tage. "Mitunter vermerkten Eltern den Tod ihrer Kinder auch in ihrer Bibel", so Kusch. 1870 schrieb ein Vater oder eine Mutter: "Heute ist unser Junge gestorben, er war 1 Jahr, 6 Tage."

Der Rundgang endet mit einem Wort von Pfarrerin Katharina Köhler, in dem es unter anderem heißt: "Der Glaube hilft, nicht aufzugeben, wenn die Lage aussichtslos erscheint. . ." Den Sorben/Wenden mag er über manch schlimme Zeiten hinweggeholfen haben. Seit 1987 gibt es in der Niederlausitz wieder sorbisches Kirchenleben. In Dissen findet alle zwei Monate ein Wendischer Gottesdienst statt.

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Die Ausstellung kann bis 17. September Dienstag, Mittwoch, Donnerstag von 9 bis 16 Uhr sowie Samstag von 11 bis 15 Uhr und Sonntag von 13 bis 17 Uhr besucht werden.

Renate Marschall

Lausitzer Rundschau vom 18. Juli 2017

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