Rossow

Kleinod schlummert in der Dorfkirche

Von außen wirkt die Rossower Dorfkirche klein und bescheiden – eben wie zahlreiche andere Feldsteinkirchen in Brandenburg. Doch im Inneren verbirgt sich ein Kunstschatz, der bereits 410 Jahre in dem Gotteshaus schlummert. Der ehemalige Hochaltar war 1607 aus dem Havelberger Dom nach Rossow gelangt, vermutlich, um ihn vor Bilderstürmern zu schützen.

Die spätmittelalterliche Feldsteinscheune in Rossow beherbergt seit 1607 den ehemaligen Hochalter aus dem Dom zu Havelberg. Der Altar wurde vermutlich zum Schutz vor Bilderstürmern evakuiert.
Quelle: Christian Bark

Rossow. Vor genau 410 Jahren gelangte ein Kunstschatz in die kleine Rossower Dorfkirche, der sogar bundesweit so ziemlich einzigartig ist. Bis heute lässt der ehemalige Hochaltar aus dem Dom zu Havelberg die Besucher der Dorfkirche staunen. „Das Besondere daran ist, dass der Betrachter sehr nahe an den Altar herankommt“, sagt Rossows Ortsvorsteherin Nicole Rösler. dadurch seien die Details viel besser erkennbar. Zum Beispiel die Weihrauchkrüge, die zwei Engel am oberen Rand des Altars tragen. „Die bewegen sich beim kleinsten Luftzug“, sagt Nicole Rösler.

Zum Beispiel wenn sie die Flügel des Altars auf- und zuklappt. Dabei fällt nicht nur auf, dass die Außenseite wesentlich besser erhalten ist, als die Innenseite – außen muss wahrscheinlich auch ein anderer Künstler gewirkt haben. „Der Altar wurde 1411 ein zweites Mal geweiht, vielleicht nachdem die Außenseite verziert war“, informiert die Kirchenexpertin. Möglicherweise könnte die Außenseite auch bei einem Feuer beschädigt und erneut bemalt worden sein.

Dass die Flügelinnenseite, die dem Stil der Schnitzfiguren des Altars stilistisch gleicht, nur noch Fragmente einstiger Pracht aufweist, könnte an der langjährigen Aufbewahrung der Türen an einem ungünstigen Ort liegen. „Die Türen wurden erst in den 70er Jahren wiedergefunden“, berichtet Nicole Rösler. Zuvor hätten die Rossower buchstäblich darauf gestanden. Sie lagen an der Stelle, an der bis in die 90er Jahre das Geläut im Turm betätigt wurde. In den 70er Jahren ist der Altar dann restauriert worden. „Da wird wohl auch keine Restaurierung mehr nachfolgen, höchstens noch eine Reinigung“, vermutet Nicole Rösler.

Dennoch sei das Kleinod für seine fast 690 Jahre (das Holz könnte sogar um 1310 geschlagen worden sein) gut erhalten – wenngleich einzelne Stellen beschädigt sind. So fehlt das Ende des Schlüssels, den der Apostel Paulus in den Händen hält, am Kreuze Jesu ist ein Stück abgebrochen an anderen Figuren fehlt ein Finger. Und dennoch, für Nicole Rösler und die Rossower bedeutet der Kunstschatz eine unglaubliche Aufwertung der kleinen Kirche. „Solche mittelalterlichen Schnitzaltare existieren heute nur noch in Bad Doberan und im Rheinland“, sagt sie. In einer Dorfkirche wie dieser würde man das Schmuckstück kaum vermuten.

Das war wahrscheinlich auch der Grund, weshalb die Adelsfamilie von Rohr auf Havelberg, aus deren Linie im 15. Jahrhundert auch ein Bischof entsprang, den Altar vor 410 Jahren nach Rossow evakuiert hatte. „Rossow gehörte damals den von Rohrs“, erklärt Nicole Rösler. Den Altar habe man wohl vor drohenden Bilderstürmern, wie es sie in der Reformationszeit zu Haufe gegeben hat, in Sicherheit bringen wollen. Überhaupt, so verweist Nicole Rösler auf die Decken- und Wandmalereien, sei die Dorfkirche ziemlich prächtig ausgeschmückt.

Der Altar selbst hatte bis zur Wiederentdeckung der Flügel an der Ostseite der Kirche gestanden. Für gewöhnlich seien die Flügel auch geschlossen – nur zu besonderen Anlässen und Führungen würden sie geöffnet.

Mehr Informationen zur Kirche und zum Altar unter: www.kirche-rossow.de

Eine lange Historie

1330 wurde der frühgotische Altar unter Bischof Dietrich I. im Havelberger Dom geweiht. Das Holz dürfte weitaus früher, womöglich zu Beginn des 14. Jahrhunderts geschlagen worden sein.
1411 erfolgte die zweite Weihe unter Bischof Otto von Rohr. Der Rahmen des Schreins ist ein Band aus ornamentiertem, vergoldetem Zinn, in das rote und blaue Glasflüsse wechselnd in Kreis- und Rhombenform eingefügt sind.
1607 gelangte der Altar in die Dorfkirche nach Rossow. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die Flügel wiederentdeckt. Es folgte eine Sanierung.

Von Christian Bark

Märkische Allgemeine vom 06. Juli 2017

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