In der Kirche ist der Wurm drin

FRIEDERSDORF/BEI RÜCKERSDORF Friedersdorfer Kulturgut wird mit einer Biowaffe gerettet. Bayerische Schlupfwespen werden auf die Larven des Holzwurms losgelassen.

Beate Mitmeier von der Firma APC AG setzt Schlupfwespen in der Friedersdorfer Kirche aus.
Foto: Franziska Dorn
 
Eine Schlupfwespe ist nur etwa fünf bis neun Millimeter groß.
Foto: Franziska Dorn

In der 800 Jahre alten Kirche in Friedersdorf bei Oppelhain steckt der Wurm, genauer gesagt der "Anobium punctatum", auch als Holzwurm bekannt. Eine neue schonende Art der Schädlingsbekämpfung soll dem zerstörerischen Werk des gemeinen Nagekäfers nun ein Ende machen. Dabei setzt man auf eine Art Biowaffe. Eine Schlupfwespe, im Labor der bayerischen Firma APC AG nur für diesen Zweck gezüchtet, richtet ihr parasitäres Wesen einzig und allein auf die Larven des Holzwurms. Mit Erfolg.

Immer wieder stießen die Friedersdorfer Kirchgänger auf Holzwurmmehl in ihrer Kirche. Auf den Kirchenbänken, auf dem Boden, den Emporen und auch vor dem Altar: Überall hat der Nagekäfer seine "Arbeitsergebnisse" hinterlassen. Für die Kirchengemeinde und den kreiskirchlichen Baubeauftragten Christian-Matthias Rosenow sind die kleinen Haufen Zeichen großer Bedrohung. "Es war an der Zeit, dass hier etwas gegen den Holzwurm gemacht wird. Die jahrhundertealte wertvolle Innenausstattung geriet in Gefahr. Üblicherweise wird mit Gas oder Gift vorgegangen. Bei meiner Recherche bin ich aber auf diese neue Methode gestoßen. Gemeinsam mit dem kirchlichen Bauamt unserer Landeskirche wurde ein Pilotprojekt gestartet, denn das Verfahren hat viele Vorteile", so Rosenow.

Vorsichtig fegt Beate Mitmeier das Mehl des Holzwurmes von der Kirchenbank und deutet auf eine Reihe kleiner und großer Löcher. Für das ungeschulte Auge ist der Unterschied kaum wahrzunehmen. Für die gelernte Forstwirtin von der Firma APC AG ist allerdings das Verhältnis von Groß und Klein der alles entscheidende Faktor. Das Prinzip ist einfach: Die großen Löcher hinterlässt der böse Holzwurm, die kleinen die gute Wespe. Sind es mehr kleine als große Löcher, ist der Kampf zugunsten von gut entschieden. Das geht allerdings nicht von heute auf morgen. Etwa zwei Jahre lang kommt die Biowaffe Schlupfwespe, immer in den warmen Monaten, zum Einsatz. In diesen Tagen ist Beate Mitmeier mit etwa 600 Kämpferinnen angereist. Die unscheinbare weibliche Wespe wird in der Kirche "ausgesetzt". Dank ihres guten Geruchssinns spürt sie relativ schnell Holzwurmlarven auf. Mit ihrem Legestachel dringt sie in das Holz ein und paralysiert zunächst die Larve des Schädlings, um daneben ihr Ei abzulegen. Nach einigen Tagen schlüpft die Wespenlarve und frisst die betäubte Schädlingslarve in Ruhe auf. Beim Verlassen hinterlässt sie ein kleines Loch. Gibt es kein "Futter" mehr für die jungen Wespen, müssen auch die Nützlinge leider sterben. "Die Vorteile liegen auf der Hand", sagt Rosenow. "Das Verfahren ist rein biologisch, preiswert und mit wenig Aufwand verbunden. Es kommen weder Gift noch Gas zum Einsatz. Der Kirchenbetrieb kann normal weiterlaufen, die Besucher werden die kleinen Gäste nicht bemerken. Zudem bleiben andere Nützlinge, wie Fledermäuse und Wildbienen, die gern in den Dächern der Kirchen leben, unbehelligt. Es müssen weder die Naturschutzbehörden noch die Denkmalbehörden in das Verfahren eingebunden werden. All das macht es einfach". Die patentierte Methode sei erst seit wenigen Jahren marktreif, informiert Beate Mitmeier. Insbesondere in Bayern, wo das Unternehmen seinen Hauptsitz hat, sei man in Kirchen und Museen schon sehr erfolgreich gewesen. "Die Häufchen werden weniger", sagt Gemeindehelferin Doreen Brauer und zeigt ihre Freude über den einsetzenden Erfolg.

Im August feiert die Gemeinde 800 Jahre Ersternennung der Kirche. Der Kampf gegen die Holzwürmer könnte weitere Jahrhundertfeiern sichern.

Franziska Dorn

Lausitzer Rundschau vom 17. Juni 2017

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