Thomas Berger

Eine "Wiedergeburt" im Jahre 1995

Altlandsberg (MOZ) Sie sind in der Regel die ältesten Bauwerke ihrer Orte, steinerner Brückenschlag zwischen den Jahrhunderten. Die MOZ stellt in einer Serie die Kirchen vor. Heute: Dorfkirche Seeberg.

Der Turm kam erst später hinzu: Bis zur Erweiterung im 19. Jahrhundert musste die Seeberger Kirche ohne auskommen, hing die einzige Glocken lediglich an einem Dachreiter.
© Thomas Berger

Wenn Pfarrer Johannes Menard an dieser Stelle den Schlüssel ins Schloss steckt und aufschließt, hat das gewissermaßen Seltenheitswert. Nur noch zu drei, vier Gelegenheiten im Jahr wird die Tür der Seeberger Kirche zu Gottesdiensten geöffnet. Immerhin, muss man aber sagen. Denn dass die Dorfkirche in dieser zur Stadt Altlandsberg gehörenden Siedlung überhaupt noch als solche genutzt wird, ist beinahe ein kleines Wunder. Schließlich war sie zwischendurch schon einmal längere Zeit faktisch auf- und dem schleichenden Verfall preisgegeben.

"Ich kenne eine Frau aus dem Dorf, die dort noch in den Sechzigerjahren Christenlehre mit den Kindern gemacht hat", erzählt Johannes Menard. Ein Jahrzehnt später war die Kirche dann ungenutzt, was auch kriminelle Zeitgenossen als Einladung für ihr dunkles Tun interpretierten. Nahezu die komplette Inneneinrichtung verschwand in jener Zeit: "Kanzel, Altar, auch Bänke gab es am Ende nicht mehr", blickt der Pfarrer zurück. Dafür war das sakrale Bauwerk zwischendurch sogar als Möbellager vermietet. Ende der Achtzigerjahre kam dann schrittweise eine Sanierung in Gang, die - über den gesellschaftspolitischen Umbruch der Wendezeit hinweg - dann 1995 abgeschlossen werden konnte.

Obwohl in den Dimensionen deutlich bescheidener, ist der dörfliche Sakralbau in Seeberg genauso alt wie seine große Schwester, die Stadtkirche Altlandsberg, errichtet um die Mitte des 13. Jahrhunderts. Wofür neben den architektonischen Aspekten, also Reihen akkurat behauener Feldsteinquader im Mauerwerk, zusätzlich in der historischen Einordnung der Umstand spricht, dass Seeberg als Dorf 1283 erstmals nachweislich in Schriftzeugnissen erwähnt ist.

Allerdings war die Siedlung schon damals nicht groß, weshalb die Kirche zunächst nur als rechteckiger Saalbau ohne Turm errichtet wurde. Ein Dachreiter genügte, um die Glocke aufzuhängen - vermutlich die Gleiche, die noch heute im später angebauten Turm hängt und auf das 13. bis 14. Jahrhundert geschätzt wird. Ein kunstvolles Exemplar mit Verzierung durch sieben Reliefscheiben, die unter anderem eine Stadtansicht mit Rundtürmen, zwei verschiedenen Löwenfiguren, einen Adler und ein Wappen mit Fabeltieren zur Schau tragen, wie auch bei Matthias Friske, dem Experten in Sachen regionaler Kirchengeschichte, nachzulesen ist. Neben dieser größeren Glocke, Durchmesser 86 Zentimeter, gab es lange Zeit noch eine Zweite. Diese, wohl nur wenig jünger aus dem 14. Jahrhundert, wurde aber ein Raub des Ersten Weltkrieges, als sie wie viele andere zur Waffenproduktion eingeschmolzen wurde.

Abgesehen von solchen Einschnitten ist die Geschichte der kleinen Seeberger Kirche relativ geradlinig und ereignisarm. Ihr heutiges Erscheinungsbild erhielt sie in der Gründerzeit. Beim Umbau von 1872 kamen nicht nur der Turm - aus gelben Backsteinen im Stil der Neogotik - und eine Sakristei auf der Nordostseite hinzu, sondern wurde auch die alte Apsis durch eine Neue, ebenfalls aus gelben Backsteinen gemauert, ersetzt. Die Vorhalle auf der Südseite datiert im Kern noch aus gotischer Zeit, wurde Ende des 19. Jahrhunderts aber ebenso im Geschmack der Zeit überformt. Original erhalten blieben immerhin einige der Fenster.

Zu den Ausstattungsstücken, die während der Siebziger- und Achtzigerjahre verschwanden, gehören auch zwei barocke Leuchter aus dem Jahr 1660, die für frühere Zeiten aktenkundig sind. Ebenso sind die Glasmalereien aus der Zeit des Umbaus verloren. Bei der großen Restaurierung rund 100 Jahr später wurde aber für Ersatz gesorgt.

Märkische Onlinezeitung vom 26. Mai 2017

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