Selbelanger Luther und Rohrbecker Taufengel

56 Kirchen des Havellandes beteiligen sich an der Aktion "Offene Kirchen" und laden zu Erkundunq und Besinnung ein

Während die Hülle der Butzower Dorfkirche bereits in neuem Glanz erstrahlt und das Dach mit neuen Biberschwänzen eingedeckt ist,...
© MZV

Havelland. Die meisten Taufengel haben die Reformation ja nicht überlebt. Als katholischer Schnickschnack geschmäht, wurden sie aus vielen Kirchen verbannt. Einige haben sich erhalten. So in Rohrbeck. ,,Wir sind froh, dass wir ihn haben", sagt Elisabeth Fleisch. Der Engel mit dem herben Gesicht und der klassisch anmutenden Frisur wird bei Taufen heruntergelassen. "Es gibt Leute, die kommen extra, um sich den Taufengel anzuschauen", hat auch Christel Waeder beobachtet. Für Karfreitag hat sich eine Besucherin aus Berlin angesagt. Sie wurde über die Broschüre "Offene Kirchen" auf die Rohrbecker aufmerksam.

Die Rohrbecker Kirche ist eine von 56 aus dem Havelland, die sich an dieser Aktion in diesem Jahr beteiligen. Den Schlüssel gibt es wieder bei Christel Waeder. ,,Da kommen nicht massenhaft Besucher, aber es wird immer mal wieder nachgefragt", beschreibt sie ihre Erfahrung. Die Kirche ist derzeit noch eine Baustelle, aber bis Karfreitag sollen die Malerarbeiten abgeschlossen sein. Dann ist ein Großteil der Kirche saniert, neu ist jetzt auch eine Vorrichtung mit Seilzug, um den Engel bei Taufen hinabschweben zu lassen. Ganz ist aber die Sanierung nicht fertig. Altar und Kanzel müssten noch aufgearbeitet werden, sagt Elisabeth Fleisch, die Vorsitzende des Förderkreises Kirchensanierung.

Wahrscheinlich ist man mit einer Kirchensanierung nie fertig, vermutet auch Erich Wallbaum. Er ist Vorsitzender des Fördervereins der Dorfkirche von Selbelang. 2005 gegründet, setzte sich eine Gruppe von Frauen und Männern für den Erhalt der Kirche ein. Die war echt gefährdet, starke Risse zogen durchs Gemäuer, die Scheiben fielen raus, Holzwürmer zerfraßen die Empore. Inzwischen ist viel an dem kleinen Backsteinbau geschaffen worden. Auch hier wurde die letzten Tage frische·Farbe aufgetragen. Als nächstes haben die Selbelanger ihre Fenster im Blick. Die sind mit farbigen Gläser und Grisaille-Malerei verziert. Einige Glasfelder sind zersprungen oder ohne Bemalung ersetzt worden. Bei einem Benefizkonzert am 30. April soll etwas Geld für die Erneuerung der Kirchenfenster in die Kasse kommen, dann spielt ein Ensemble der Musik- und Kunstschule Havelland unter Leitung von Anke Heinsdorff.

Glanzstück der Selbelanger Kirche ist aber der Kanzelaltar. Er wurde 1717 in Auftrag gegeben. Damals gab es ein Reformationsjubiläum, und das brachte verstärkt Luther Bildnisse hervor. Auf dem Schalldeckel des Altars steht ein predigender Luther mit der Bibel in der Hand, flankiert von zwei ,,katholischen" Engeln. ,,Die Figur war doch arg zerfressen", erinnert sich Erich Wallbaum. Nicht jeder hat sie als Luther ausgemacht; Lutherfiguren mit Bart sind nicht so häufig zu finden.

Der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, der in diesem Jahr wieder zur Aktion "Offene Kirchen" und damit zur Erkundung der Mark Brandenburg einlädt, hat den Selbelanger Luther in seine aktuelle Publikation aufgenommen. Mehr als 1000 Kirchen im Land machen bei der Aktion mit. In dem umfangreichen Begleitheft ist dabei auch ein Beitrag zum Altar in der Börnicker Kirche enthalten. Die Ausstattung stammt aus der Zeit um 1600. Der Renaissancealtar folgte ganz dem Geschmack seiner Zeit - mit Säulen, Voluten und wuchtigem Gebälk, nahm dabei aber Figuren aus Vorgängeraltären auf. So fand sich auch ein Plätzchen für Maria mit dem Jesuskind.

Jede Kirche hat ihre Besonderheit. In den meisten Fällen können Besucher sich bei einem Schlüsselverantwortlichen melden, Die Broschüre " Offene Kirchen" vermerkt alle Kontaktdaten. Daneben gibt es aber auch einige Kirchen, die ohne Anmeldung zu betreten sind. So in Falkensee-Falkenhagen, Paretz, Premnitz, Ribbeck, Seeburg, Zeestow, in Pessin ab Mai, in Rathenow und in Tremmen an Wochenenden.



Von Börnicke bsi Zeestow

Im Osthavelland sind geöffnet: Berge, Börnicke, Brädikow, Buchow-Karpzow, Dyrotz, Elstal, Etzin, Falkensee (Falkenhagen, Seegefeld, Finkenkrug), Friesack, Haage, Hoppenrade, Lietzow, Markau, Markee, Paretz, Paulinenaue, Perwenitz, Pessin, Priort, Retzow, Ribbeck, Rohrbeck, Schönwalde, Seeburg, Selbelang, Senzke, Tremmen, Vietznitz, Wagenitz, Warsow, Wustermark, Wutzetz und Zeestow.
Im Westhavelland: Buckow, Döberitz b. Premnitz, Ferchesar, Görne, Großderschau, Hohennauen, Kleßen, Liepe, Mögelin, Nennhausen, Parey, Premnitz, Rathenow, Rhinow, Spaatz, Stechow, Steckeisdorf, Stölln, Wassersuppe, Witzke und Wolsier.


Von Marlies Schnaibel

Info Die Broschüre "Offene Kirchen 2017" hat 124 Seiten und ist im Buchhandel erhältlich.

Märkische Allgemeine vom 09. April 2017

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