Lisa Mahlke

300 neue Orgelpfeifen erklingen

Neulietzegöricke (MOZ) Von 1845 ist die Orgel der Firma "Lang und Dinse", die in der Kirche in Neulietzegöricke (Dorfkirche des Monats April 2010) steht. Im vergangenen Jahr wurde mit ihrer Restaurierung begonnen. Die Orgelbauer schließen die letzten, klanglichen Arbeiten voraussichtlich Ende dieser Woche ab.

Mit Stimmhorn, Stimmhammer und Stimmzange: Viele der Werkzeuge, die Intonateur Tino Herrig zum Stimmen der Orgelpfeifen und zum Einstellen des Klangs braucht, hat er selbst gebaut.
© MOZ/Lisa Mahlke

Zwischen Vogelgezwitscher mischt sich der volle, beeindruckende Klang der Orgel - das Instrument ist schon draußen, vor der Neulietzegöricker Kirche, zu hören. Mit dem Öffnen der großen Tür erklingen die Melodien lauter. Im Kirchenschiff steht Tobias Schramm und lauscht dem Spiel seines Kollegen. Dieser sitzt oben am Spieltisch und improvisiert - spielt also ohne Noten.

"Das klingt doch schon gut", ruft Tobias Schramm nach oben. Dann geht auch er wieder hoch - denn das, was auf den Laien vielleicht schon perfekt wirkt, verfeinern Tobias Schramm und Tino Herrig momentan noch. Die klanglichen Arbeiten an der Orgel laufen voraussichtlich noch bis Ende dieser Woche. Seit Ende August des vergangenen Jahres wird sie restauriert, am 7. Mai findet die Wiedereinweihung statt.

Intonateur Tino Herrig zeigt Stimmhorn, Stimmhammer, Stimmzange. Diese Werkzeuge seien wichtig, um den Klang der Orgelpfeifen einzustellen und sie zu stimmen. "So kann ich hören, ob sie laut, leise, hart, weich klingen und ob sie die richtige Tonhöhe haben", erklärt er und sagt, dass es einen großen Unterschied zu anderen Instrumenten gebe. "Ein Orchester stimmt am Tag ein paar Mal die Instrumente. Die Orgel wird nur alle paar Jahre gestimmt", beschreibt er. Viele der Werkzeuge, die er dafür braucht, sind selbst gebaut - den Kopf des Stimmhammers hat er geschliffen und auch den Stiel hat er selbst gebaut.

Die Intonation und Stimmung der Orgel sind "das Sahnehäubchen der gesamten Sanierung", sagt Gisela Sommer von der Kirchengemeinde. In der Tat: Die sechs Mitarbeiter der Sieversdorfer Orgelwerkstatt Christian Scheffler hatten in den vergangenen Monaten noch einiges mehr zu tun. Die Orgelbauer bauten das komplette Pfeifenwerk aus, um es gründlich zu säubern. Sie behoben auch technische Störungen. Dazu gehörten zum Beispiel Manual- und Pedalklaviatur, die beide in der Werkstatt waren. Die Orgelbauer reparierten außerdem die Traktur, also die Verbindung von Tasten und Ventilen. Den Blasebalg überzogen sie mit neuem Leder. Das elektrische Gebläse ist mittlerweile neu.

"Entscheidend für den Klang der Orgel ist das Pfeifenwerk", sagt Tobias Schramm. Jede Orgel unterteile sich in verschiedene Register mit unterschiedlichen Klangfarben. Die Orgel in der Neulietzegöricker Kirche habe zehn Register, also zehn Klangfarben. "Bei einigen Registern haben viele Pfeifen gefehlt", erzählt der Orgelbauer. Ungefähr 200 Pfeifen aus Metall haben er und seine Kollegen ausgewechselt, außerdem bauten sie 27 Pfeifen aus Holz. Die größte davon ist 2,40 Meter lang. Hinzu kamen 69 Prospektpfeifen aus Zinn. Das sind die außen sichtbaren Orgelpfeifen.

Für die klanglichen Arbeiten an einem Register benötigen sie etwa einen Tag - je nachdem, in welchem Zustand diese sind. Die Männer müssen sich dann das Klangbild von zwei Seiten anhören, weshalb einer von ihnen am Spieltisch sitzt, spielt und dort zuhört und ein zweiter unten steht und auf den Klang achtet, der sich im Kirchenraum ausbreitet.

Die Pfeifen, die zuvor verbaut waren, passten klanglich nicht zur Orgel, waren aus minderwertigem Material und zum Teil beschädigt, erzählen die Orgelbauer. Einige wiesen sogar noch Kriegsschäden auf. Einen Anhaltspunkt für den Neubau der Pfeifen gab der Name der Orgelbaufirma, "Lang und Dinse". Tino Herrig, Tobias Schramm und ihre Kollegen nutzten andere Pfeifen dieser Firma als Vorlage und nahmen an ihnen Maß.

Tobias Schramm sucht einen schmiedeeisernen Nagel heraus und erzählt, dass er und die anderen Männer bei der Restaurierung so gut wie keine Schrauben verwendet haben. Diese waren durch frühere Reparaturarbeiten in die Orgel gelangt, gehörten ursprünglich jedoch nicht dazu, denn früher wurden Orgeln geleimt und genagelt.

"Wir haben die Verbindungen mit Warmleim geleimt und mit schmiedeeisernen Nägeln hergestellt", erzählt er und betont, dass sie in einer Restaurationswerkstatt arbeiten. "Wir wollten die Orgel nicht einfach irgendwie zum Spielen bringen, das wäre relativ einfach", sagt er. Es gehe darum, die Orgel in einen solchen Zustand zu bringen, wie sie zur Bauzeit geklungen hatte.

Finanziert werden die Arbeiten fast ausschließlich über Spenden, beispielsweise von der Stiftung Denkmalschutz, der Sparkasse Märkisch-Oderland und der Lübbering-Stiftung. Mehr als 40 000 Euro wird die Sanierung kosten. Auch auf der Zielgeraden der Arbeiten kamen noch Spendengelder zusammen. Gisela Sommer freut sich über die vielen engagierten Menschen.

"Wir hoffen sehr, dass wir junge Leute finden, die vielleicht schon Klavier spielen oder das Orgelspielen lernen wollen", sagt Pfarrerin Nanna-Maria Luttenberger. In der Vergangenheit ist die Orgel nur wenig zum Einsatz gekommen. Tino Herrig ergänzt dazu: "Der Organismus muss bewegt werden, sonst schläft er ein." Er selbst spielt am Wochenende auf Gottesdiensten Orgel. "Musik ist so wichtig", sind sich beide einig.

Märkische Onlinezeitung vom 29. März 2017

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