Thomas Berger

Imposantes Stückwerk der Jahrhunderte

Altlandsberg (MOZ) Sie sind in der Regel die ältesten Bauwerke ihrer Orte, steinerner Brückenschlag zwischen den Jahrhunderten. Die MOZ stellt in einer Serie die Kirchen vor. Heute: Stadtkirche Altlandsberg.

Am Renaissancealtar: Pfarrer Johannes Menard zeigt auf die Figuren, die einmal beinahe abhanden kamen.
© Thomas Berger

Von seinem Fenster im Pfarrhaus blickt Pfarrer Johannes Menard direkt auf die Turmseite der Stadtkirche mit dem heutigen Haupteingang. Und eines ist aus dieser Perspektive bereits sehr offensichtlich: Die klare, gerade Bruchkante im Mauerwerk etwa auf sieben Metern Höhe, unmittelbar am Turmansatz. Unten die Reihen der exakt behauenen Feldsteinquader als klares Indiz der Erbauungszeit um 1250, darüber ungeordnetes, wildes Mauerwerk bis ganz nach oben.

Nein, für einen Brand oder Kriegszerstörungen als zunächst nahe liegende Vermutung (eine solche hielt sich gerade bezüglich des Hussitenfeldzugs 1432) gebe es keinen historischen Beleg, sagt Menard. Und verweist dabei auch auf die Untersuchungen seinerzeit in Zusammenhang mit der Turmsanierung, als an den Steinen keinerlei etwaige Brandspuren gefunden wurden. Mutmaßlich war dieser Teil der in der Grundform dreischiffigen Basilika also zunächst flacher, bevor später der Turm weiter aufgemauert wurde. Matthias Friske, der umfangreich zur Kirchengeschichte geforscht und auch 1996 die Infobroschüre verfasst hat, führt darin weitere Indizien an. Sie alle sprechen dafür, dass Anfang des 16. Jahrhunderts eine weitere Bauperiode folgte, die vor allem den Turm im Fokus hatte.

Dendrologische Untersuchungen des Glockenstuhls hatten dessen Alter auf 1535/36 datiert. Eine erneute Aufstockung erfolgte dann im 18. Jahrhundert, die von 1718 stammende Turmhaube wurde 1772 durch den Pyramidenhelm ersetzt. Und der oberste Mauerabschnitt ist im Stil jener Zeit nicht naturbelassen, sondern verputzt.

Der Pfarrer wie auch Friske in seiner Broschüre ziehen immer wieder bauliche Parallelen zur Strausberger Marienkirche. Anders als dort, wo die heutige Dachkonstruktion über den Hauptbaukörper später draufgesetzt wurde, sei das Dach in Altlandsberg "eingehängt" worden, verweist Menard auf einen Unterschied. Damals, wohl um 1500, erfolgte auch die Einwölbung, die bis heute den Innenraum prägt. "Ursprünglich hatten wir ja eine Holzbalkendecke, wie sie auch jedes Fachwerkhaus besaß", so Menard, vom Tonnengewölbe des Chorraums ist im Bereich des Dachbodens noch einiges erkennbar.

Von den 1540 laut Friske quellenkundlich belegten gleich drei Altären (damals nicht unüblich) ist nichts mehr übrig. Dafür bleibt im Innenraum der Blick an der prächtigen Renaissance-Kanzel haften, die aus der Zeit um 1600 stammt. Die drei Evangelistenfiguren, weiß Pfarrer Menard zu berichten, waren etwa 1980 bei einem Einbruch herausgebrochen und ins Gebüsch geworfen worden. Eine weitere Figur, Christus als Weltenherrscher zeigend, ist noch für Anfang des 20. Jahrhunderts verbrieft, wie Matthias Friske schreibt, und der ebenfalls zur Ursprungsgestaltung gehörende Matthäus galt schon damals als verschollen. Ältestes Ausstattungsstück ist allerdings nicht die Kanzel, sondern der Taufstein - etwa 1500 aus mutmaßlich Rüdersdorfer Kalkstein gefertigt.

Natürlich fallen Besuchern der Gottesdienste, der im Sommerhalbjahr vom Freundeskreis Stadtkirche seit Jahren organisierten Konzerte und bei anderen Veranstaltungen die im Unterteil zum besseren Austrocknen vom Putz befreiten Mauern auf, die schon länger auf die geplante Sanierung im Kircheninnern hindeuten. Ein grob auf 800 000 Euro beziffertes Vorhaben, wie Pfarrer Menard sagt, das in der Umsetzung schon mehrfach verschoben werden musste. Erst war der Bau der kirchlichen Kita vordringlich, dann gab es Fördermittel für die Kirche Wegendorf, die man nicht verfallen lassen wollte.

Hinsichtlich der Stadtkirche hingegen sah sich der Gemeindekirchenrat in der Auseinandersetzungen mit der Denkmalschutzbehörde erst im vorigen Jahr genötigt, deren Verweigerung von Neuerungsideen in mehreren Punkten hinzunehmen. Das betrifft unter anderem das Ersetzen der wenig sitzfreundlichen Bänke durch eine Bestuhlung, was bei der Behörde nicht durchsetzbar sei, so der Pfarrer.

Aktuell gibt es nun nicht nur das Bekenntnis der Kommunalpolitik, sich über den Stadthaushalt an den Sanierungskosten zu beteiligten, sondern es stehen auch Fördermittel in Aussicht. Größter Brocken wird der Heizungseinbau sein. Denn unter dem heutigen Fußboden liegt der Ältere aus der Barockzeit, teilweise deutlich angegriffen, sowie mehrere Grabstätten. Und was bei den archäologischen Untersuchungen noch alles an Überraschungen zutage tritt, wisse niemand. Im Keller der Emmauskapelle, ehemals auch eine Gruft, soll ein Technikraum untergebracht werden.

Dieser Anbau an der Südseite, übrigens von 1725 stammend, beherbergte seinerzeit die Sakristei und eine berühmte Bibliothek, die vom damaligen, sehr bekannten Pfarrer Nikolaus Leutinger eingerichtet wurde. Ihr Bestand, weiß Johannes Menard, sei später in den Brandenburger Dom überführt worden.

Wer das Kirchengebäude umwandert, dem fallen diverse zugemauerte Fenster und Türöffnungen aus früherer Zeit auf. Besonders ins Auge springt das in der straßenseitigen Ansicht im Osten, wo es statt der ursprünglich drei schmalen Chorfenster heute ein Größeres in der Mitte gibt. All dies sind Resultate der von 1890 bis 1895 erfolgten Umbauten. Die vormals halb zugemauerten Fenster im Turmbereich wurden bei dessen Sanierung wieder geöffnet, kann sich der Pfarrer erinnern. Was die Turmuhr angeht (deren erster Vorläufer 1719 installiert wurde), bekomme er immer wieder Angebote zur Elektrifizierung. Menard aber findet es nicht ohne Reiz, dass traditionsgemäß alle vier, fünf Tage jemand nach oben steigen und sie mit den drei Kurbeln aufziehen muss, damit sie ordnungsgemäß anzeigt, was die Stunde geschlagen hat.

Apropos: Vom einst dreiteiligen Geläut sind nur noch zwei Glocken übrig, die Älteste aus dem 13. oder 14. Jahrhundert stammend, die andere durch die Inschrift von ihrem Guss genau auf 1646 datiert. Pastor Matthäus Rosenthal war damals Pfarrer, ist ebenso wie die beiden Kirchenvorsteher und der Glockengießer namentlich verewigt.

Im Zweiten Weltkrieg blieb die Stadtkirche weitgehend unversehrt. Lediglich ein Prospekt der Orgel verschwand zu jener Zeit, was die Bespielbarkeit des von der Frankfurter Firma Sauer stammenden Instruments aber nicht einschränkt, wie Johannes Menard betont. Eine erste Orgel hatte schon der 1643 verstorbene Gutsherr und Kirchenpatron Joachim von Krummensee gestiftet. Und die prächtige Stadtkirche ist mit ihren äußeren Abmaßen von 43,7 auf 20,7 Meter sogar nur unwesentlich kleiner als die Berliner Nikolaikirche, ist bei Matthias Friske vermerkt.

Märkische Onlinezeitung vom 23. Februar 2017

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