Ferchesar

Geheimnis der Kirchturmkugel gelüftet

Vor 111 Jahren wurde die Ferchesarer Turmkugel versiegelt. Im Zuge der Kirchensanierung öffneten Handwerker nun die geheimnisvolle Kapsel. Und förderten höchst interessante Dokumente ans Tageslicht.

Der Turmknopf wird zur Sanierung aus seiner Verankerung genommen.
Quelle: Fotos: Norbert Stein
 
Mitglieder der Kirchengemeinde und des Fördervereins schauen sich die in der Turmkugel aufbewahrten Dokumente an.

Ferchesar. Bauarbeiten statt Gottesdienste und Kultur bestimmen derzeit das Leben in und um die Kirche in Ferchesar. Die Dorfkirche wird saniert und ist eingerüstet. Auch der Kirchturm sorgt für einen ungewöhnlichen Anblick. Damit Kugel und Wetterfahne überholt werden können, wurden sie am Donnerstag vom Turm geholt. Dafür stiegen Handwerker und Mitglieder des Fördervereins Dorfkirche Ferchesar auf den Turm. Ein kurzer Blick aus 30 Meter Höhe über das Dorf, dann ging es an die Arbeit.

Ohne Mühen konnte Dachdeckermeister Jürgen Markus mit seinen Mitarbeitern Ronald Mahr und René Burmeister den Turmknopf von einer Eisenstange ziehen, die ihm seit 111 Jahren Halt und Standfestigkeit gibt. Zuvor hatten sie die Wetterfahne abgenommen. Nur ein paar Kilogramm schwer ist der aus Kupferblech gefertigte Turmknopf. Deshalb war auch keine besondere Technik zum Abseilen des Turmknopfes und der Wetterfahne mit dem 24-zackigen Morgenstern erforderlich. Beide Teile wurden von den Männern an der Hand über das Gerüst nach unter getragen, wo es nun erst richtig spannend wurde.

„Es ist schon ein erhebendes Gefühl“, sagt Matthes Mustroph, der Vorsitzende des Kirchenfördervereins, als die Dachdecker mit Vorsicht und Bedacht den Turmkopf öffnen und eine Hülse hervorholen. Den Verschluss der Hülse öffnen sie mit Hilfe eines Lötkolbens.Weil die Hülse aus Blei eine Delle hat, müssen die Handwerker sie aufschneiden. Erst danach kann der Vorsitzende der evangelischen Reformationsgemeinde Westhavelland Andreas Tutzschke vier gut erhaltene Schriftstücke aus der Hülle ziehen. Die Spannung wächst unter den Anwesenden. Alle wollen wissen, welche historischen Dokumente die Vorfahren beim Bau des Kirchturms im Jahre 1906 in die Hülle gelegt haben.

Als erstes zeigt Andreas Tutzschke ein gesiegeltes mehrseitiges Schriftstück aus dem Jahr 1906, verfasst vom damaligen Pfarrer Paul Hülsen. Er beschreibt den Bau des Kirchturms und das Leben im Dorf zur damaligen Zeit. Der Richtspruch des Zimmermanns Schneider vom 11. November 1906 ist ebenfalls in der Hülle. „Glück auf! Der Turm hat sich erhoben und ist gefügt durch Holz und Stein....“, liest Detlef Zemlin vom Kirchenförderverein aus dem Richtspruch vor. Auch das Kreisblatt für das Havelland vom 11. November 1906, dem Tag der Turmeinweihung, ist in der Hülle. Das vierte Schriftstück ist das älteste Dokument, verfasst im Jahr 1838 anlässlich der Einweihung des Vorgängerturms. Fein säuberlich mit Feder auf Papier geschrieben, schildert der nicht genannte Verfasser, wie das Leben damals war in Ferchesar, einem Dorf mit 30 Feuerstellen. Alte Münzen, wie von Mitgliedern des Fördervereins erhofft, waren nicht in der Hülle.

Die Schriftstücke wird der Förderverein den Einwohnern vorstellen. Voraussichtlich im Spätsommer kommen sie mit aktuellen Zeitdokumenten und einigen Euros in eine neue Hülle, die dann wieder in den gesäuberten und überholten Turmknopf gelegt werden, bevor dieser an seinen angestammten Platz gesetzt wird. Doch bis dahin müssen noch viele Sanierungsarbeiten verrichtet werden. Marode Balken sind auszutauschen, Kirchenschiff und Turmhaube neu einzudecken, die Gesimseverblechungen müssen erneuert werden und das Holztragwerk ist auszubessern. Auch an anderen Stellen müssen Fachleute noch Hand angelegen, bis zum Abschluss der Sanierungsarbeiten im September und einem Festgottesdienst zur Wiedereröffnung.



Zur Kirchengeschichte

1735 wird die Dorfkirche Ferchesar mit einem Fachwerksaal und Turm errichtet.
1838 bekam die Kirche einen neuen Turm.
1904 bis 1906 wurde abermals ein neuer Turm errichtet und diesmal auch auf neuen Fundamenten.
1907 wurde der Turm eingeweiht und bis heute erhalten.
Kirche und Turm werden nun saniert. Dafür stehen 390 000 Euro zu Verfügung. Das Land unterstützt das Vorhaben mit 287 000 Euro aus dem Leader – Förderprogramm.


Von Norbert Stein

Märkische Allgemeine vom 17. Februar 2017

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