Oliver Schwers

Die Glocken schweigen

Greiffenberg (MOZ) In Polßen ist die Kirche gesperrt. In Greiffenberg dürfen seit Kurzem die Glocken nicht mehr läuten. Mit heftigen Problemen kämpfen viele Pfarrgemeinden der Uckermark. Der Kirchenkreis hat nun einen Gutachter beauftragt, alle Gebäude auf Schäden zu untersuchen.

Äußerlich gut erhalten: Doch hinter der Verkleidung des Greiffenberger Kirchturms lauert der Schwamm. Der neu eingestellte Baubeauftragte des Kirchenkreises Uckermark sorgt für manche Überraschung. Der Kirchgemeinde jedoch fehlt das Geld.
© MOZ/Oliver Schwers

Es ist eine Sicherheitsmaßnahme: Durch das Läuten der schweren Glocken könnten schadhafte Balken am Turm der Greiffenberger Kirche leiden. Bevor Schlimmeres passiert, muss das Geläut nun schweigen. "Wir haben es hier mit einem Schwammbefall aus der Vergangenheit zu tun", erklärt Jens Radtke, Baubeauftragter der evangelischen Kirche in der Uckermark. "Ob der Schwamm noch aktiv ist, kann man erst nach einem Holzschutzgutachten sagen." Das soll so schnell wie möglich in Auftrag gegeben werden.

"Eine Katastrophe", sagt Pfarrer Uwe Eisentraut. "Wenn wir Pech haben, müssen wir den Turm ab- und dann wieder aufbauen. Und wir haben noch keine Vorstellung, was das kostet." Ob es wirklich so schlimm kommt, steht aber noch nicht fest. Das Problem sind die leeren Kassen. Eigenmittel der Kirchgemeinde sind nicht mehr vorhanden. Die fließen in die dringend notwendige Sanierung des Wilmersdorfer Gotteshauses. In Greiffenberg baut Pfarrer Eisentraut auf die Hilfe aller Kirchenmitglieder und Einwohner. "Als Kirchengemeinde allein können wir das gar nicht stemmen." Er denkt auch an eine Stiftung, um das Geld aufzutreiben oder an private Spenden. Ende Februar soll dazu im Ort eine öffentliche Versammlung stattfinden.

Greiffenberg ist kein Einzelfall. Auch in Polßen steht die Ampel auf Rot. Dort musste die Dorfkirche schon vor Weihnachten gesperrt werden. Eine der vier Hauptstützen des Turms war aus der Verankerung geraten. Mit Spanngurten haben Handwerker die Gefahr gebannt. Eine Dauerlösung ist das aber nicht. Für eine dauerhafte Sicherung soll ein beauftragtes Planungsbüro sorgen.

Jens Radtke untersucht alle Gotteshäuser im Kirchenkreis auf mögliche Probleme. Ziel ist eine Baubegehung mindestens alle zwei Jahre. "Wir wollen verhindern, dass aus kleinen Schäden ganz große werden." Die Aufgabe erscheint immens, denn es geht um immerhin 132 Kirchen. Und irgendwo gibt es an den oft jahrhundertealten Gebäuden meist ein Problem. "Ich finde es toll, dass der Kirchenkreis einen Baubeauftragten eingestellt hat", so Pfarrer Eisentraut. "Natürlich schmerzt es, wenn er den Finger auf die Wunde legt. Aber wir haben dadurch auch Klarheit, die von einem Profi bescheinigt wird. Und ich bin mir sicher, dass er uns noch ein paar Sachen aufdeckt, bei denen uns die Kinnlade herunterfällt."

Die Pfarrer selbst können das kaum schaffen, sind sie doch meist für ein Dutzend Kirchen oder mehr zuständig. Das Strukturproblem deutet sich schon seit Jahren an. Die Schar der immer kleiner werdenden Kirchgemeinden auf dem Lande steht vor immer höheren Ausgaben zum Erhalt der Denkmale.

An eine erweiterte Nutzung von leeren Kirchen durch Vereine oder Kommunen denkt der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg. Der hat schon zahlreiche Kirchen und Fördervereine in der Region mit Geldern zur Notsicherung, Erhaltung und Sanierung von Gebäuden oder wertvollen Ausstattungsstücken unterstützt. "Ihre Erhaltung als nahezu letzte verbliebene nicht-kommerzielle Räume sollte als gesamtgesellschaftliche Aufgabe wahrgenommen werden", so der Vorstand in seinem Jahresbericht. So ähnlich empfindet es auch Pfarrer Eisentraut: "Wir müssen sehen, was allen Menschen im Ort das Glockenläuten wert ist."

Märkische Onlinezeitung vom 11. Februar 2017

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