Tüchen

Autor vermutet „Frau Holle“ in Dorfkirche

Einer sagenhaften Geschichte spürt Hans Serner in der Dorfkirche von Tüchen nach. Seinen Recherchen zufolge gab es dort einen reich verzierten Altaraufsatz, mit dem die Dorfbewohner, obwohl getaufte Christen, noch heidnische Gottheiten verehrten. Im Buch „Bertaldas Altar“ legt der im Hauptberuf als Marionettenspieler tätige Hans Serner seien Erkenntnisse dar.

Hans Serner aus Lindenberg (Groß Pankow) stellt sein neues Buch „Bertaldas Altar“ über ein verschollenes Bild aus der Kirche Tüchen vor.
Quelle: Andreas König

Tüchen. Klein und zierlich steht die Dorfkirche von Tüchen in der Mitte des Ortes. Eine nette, freundliche Kirche, die mehrfach umgebaut wurde und den Stürmen der Epochen widerstanden hat. Es bedarf schon einer gehörigen Portion Neugier und Hartnäckigkeit, ihre verborgenen, ja im Wortsinne unsichtbaren Geheimnisse ergründen zu wollen.

Marionettenspieler hat viel Zeit und Mühe aufgewandt

Dieser Aufgabe hat sich Hans Serner aus Lindenberg verschrieben. Der Marionettenspieler hat viel Zeit und Mühe aufgewandt, um einer sagenhaften Gestalt nachzuspüren, die aus irgendeinem Grund mit der Kirche von Tüchen verbunden zu sein scheint. „Bertalda“ heißt die Frau, und ein Bild von ihr soll es auf dem Altaraufsatz des Tüchener Gotteshauses gegeben haben. Das war auch der erste Hinweis, der den Wahl-Lindenberger auf die Spur jener anbetungswürdigen Figur brachte. Die Ergebnisse legt er jetzt in dem Buch „Bertaldas Altar“ vor.

„Wohlgestaltetes Frauenbild“ auf „stark verguldetem Altar“

Bei seinen Recherchen zur Geschichte des Kehrbergschen Wunderknaben stieß er in der „Historischen Beschreibung der Chur und Mark Brandenburg“ von Johann Christoph Bekmann und Bernhard Ludwig Bekmann auf folgende Beschreibung zu dem Dorfe Tüchen bei Pritzwalk: „Eben daselbst in der kirche ist noch ein altar aus dem Pabstthum vorhanden, der gar künstlich geschnitzet und stark verguldet ist. Er stellet in 4 fächern, und zwar in dem ersten ein wohlgestaltetes frauenbild dar; begleitet von etlichen mannspersonen, unter welchen ein Mohr befindlich: im 2. eben die Frauensperson mit 2 engeln, in dem 3. ebendieselbe mit einem thier so einem rehe ähnlich siehet und mit den füssen nach ihrem schooß eilet; in dem 4. abermahls beides das Frauenbild und rehe, welches letzter von hunden angefallen und verfolget wird, dabei ein mann, so ein horn, gleich als ein Jägerhorn am munde führet. Diese altarbilder sein ganz ungewöhnlich?...“

Erinnerungen an die Genovefa-Sage

„Diese Zeilen erinnerten mich sofort an die Geschichte der Genovefa, die ja ebenfalls oft mit einer Hirschkuh dargestellt wird“, sagt Hans Serner. Nur warum sollte man Genovefa von Brabant (im heutigen Belgien) einen Altaraufsatz in eier christlichen Kirche in der Prignitz stiften? Fragen über Fragen, denen nachzugehen Hans Serner keine Mühe gescheut hat. Als besonders schwierig gestalten sich die Nachforschungen, weil von dem Altaraufsatz keinerlei bildlichen Darstellungen mehr vorhanden sind. Der Marionettenspieler vergleicht sie mit Bekanntem lässt sie von Experten deuten, wobei er stets mindestens eine zweite Meinung einholt, studiert Fachliteratur spricht mit Dorfbewohnern, die möglicherweise aus der Familienüberlieferung einiges wissen, und kommt am Ende zu bemerkenswerten Schlussfolgerungen.

Die Spur führt zu Frau Holle

Die verschiedenen Ansätze wiederzugeben, ist in Kurzform so gut wie unmöglich und soll den Lesern des Buches vorbehalten bleiben. Jedenfalls findet Hans Serner Parallelen zwischen der Genovefa-Legende und der Darstellung der Perchta. Die wiederum ist in vielen vor allem nördlicheren Gefilden als Holda oder Hulda bekannt. Und auch in der Prignitz kennt sie in einer weiteren Abwandlung des Namens buchstäblich jedes Kind. Denn Holda ist niemand anders als Frau Holle – genau, die aus dem Märchen. Aber in der Figur steckt noch viel mehr. Ihr wird auch zugeschrieben, die Gefährtin des nordischen Göttervaters Wotan oder Odin zu sein. Und auch in der regionalen Mythologie findet sich mit der Frau Harke, die der Sage nach in den Kamernschen Bergen bei Havelberg gelebt haben soll, eine Entsprechung.

Christianisierte Bewohner behielten Teile ihrer Religiosität bei

Wie aber soll eine im Grunde heidnische Göttin in einer christlichen Kirche verehrt worden sein? „Meinen Erkenntnissen zufolge haben die Ureinwohner auch nach der Christianisierung Teile der früheren Religiosität bewahrt und in die neue Zeit hinübergerettet“, sagt Hans Serner. Das könnte auch an den von Wartenbergs gelegen haben, einem alten märkischen Adelsgeschlecht, das vielleicht mit den Gans Edlen zu Putlitz in die Gegend gekommen war und wahrscheinlich schon vor Albrecht dem Bären die Herrschaft ausübte.

Autor gibt Bertalda ein Gesicht

Leider führen sämtliche Hinweise zum Verbleib des Altarufsatzes ins Leere. Selbst die plausible und vielversprechende Theorie, das die künstlerische Darstellung des „Frauenbildes“ ins nahe gelegene Luggendorf gelangt sein könnte, lässt sich nicht bestätigen. Immerhin gibt Hans Serner seiner Bertalda ein Gesicht. Es ziert den Einband seines Buches, das wiewohl viel mit Vermutungen arbeitend, einige Klarheit in die wunderbare Prignitzer Geschichte sowie die Sagen- und Märchenwelt bringt.

Von Andreas König

Märkische Allgemeine vom 30. Januar 2017

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