Gollwitz

Rettungsaktion für zertrümmerte Orgel

Ein großes Echo hat die MAZ-Berichterstattung über die in Trümmern liegende Orgel in der Kirche zu Gollwitz (Brandenburg an der Havel) gefunden. Die neue Pfarrerin hatte das Kircheninstrument per Zufall entdeckt. Seit Jahrzehnten gammelt die zerlegte Orgel auf der Empore der Kirche vor sich hin. Nun meldet sich ein Nachfahre des Orgelerbauers zu Wort.

Das zerlegte Orgelmanual zeigt deutliche Spuren des völlig unsachgemäßen Umgangs mit dem kostbaren Instrument. Kirchenoberbaurat Matthias Hoffmann-Tauschwitz nennt den Zustand „desaströs“.
Quelle: Marion von Imhoff
 
Pfarrerin Christiane Klußmann an der zerlegten und in völlige Vergessenheit geratenen Orgel. Das Instrument modert seit Jahrzehnten auf der Empore der Gollwitzer Kirche vor sich hin.
Quelle: Marion von Imhoff
 
Vermoderte Noten als Sinnbild des Verfalls.
Quelle: Marion von Imhoff
 
Christian-Alexander Wäldner, Historiker aus Ronnenberg bei Hannover. Er ist der Ur-Ur-Enkel des Orgelbauers aus Thüringen.
Quelle: privat
 
Gertrud Klietzek vom Gollwitzer Gemeindekirchenrat (hier vor der Dorfkirche) hat die Orgel zuletzt in den 80er Jahren klingen gehört. Die 77-Jährige hatte die Hoffnung, dass das kostbare Instrument gerettet werden könnte, fast aufgegeben.
Quelle: JACQUELINE STEINER

Gollwitz. Die MAZ-Berichterstattung über die Gollwitzer Kirchenorgel, die – wie jetzt öffentlich wurde – seit Jahrzehnten in Trümmern liegt und teils schon vermodert ist, hat ein großes Echo gefunden. So meldete sich der Ur-Ur-Enkel des Orgelerbauers August Ferdinand Wäldner bei der MAZ. Christian-Alexander Wäldner aus der Nähe von Hannover ist Historiker für Zeitgeschichte.

Dank seiner Informationen steht nun auch das Alter der denkmalgeschützten Orgel fest: „Die Gollwitzer Orgel wurde 1869 von meinem Ur-Ur-Großvater August Ferdinand Wäldner in dessen Orgelbauwerkstatt in Halle an der Saale erbaut.“ Damit ist das Instrument 148 Jahre alt. Alexander Wäldner bedauert, wie mit dem Kircheninstrument umgegangen worden ist. Er spricht von einer „Zerfledderung“.

Entsetzt zeigte sich am Mittwoch auch Matthias Hoffmann-Tauschwitz, Kirchenoberbaurat der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Er werde „das Mögliche tun und auch das kirchliche Bauamt“, damit die Orgel gerettet werden könne, sagte er als Reaktion auf den MAZ-Bericht. Dazu gelte es zunächst als wichtigster Schritt, das nötige Geld zusammenzubekommen. Dazu werden auch dringend Spenden gesucht.



Bald 150 Jahre alt

Die Gollwitzer Orgel wird 2019 genau 150 Jahre alt. Erbaut wurde sie 1869.
Ob das Instrument bis zu diesem Jubiläum saniert sein wird, wagt noch niemand zu sagen. „Es wäre ein sportliches Ziel“, so Kirchenoberbaurat Matthias Hoffmann-Tauschwitz. „Wenn bis dahin gelingt, die Finanzierung zu sichern und den Auftrag der Sanierung auszulösen, wäre das ein toller Erfolg.“
Die Orgel gilt als Königin der Instrumente. Kirchenmusikdirektor Konrad Brandt, Professor an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Halle, nennt die beiden Orgelbaumeister Friedrich Wilhelm und August Ferdinand Wäldner Künstler. Ihre größte Orgel steht im Dom zu Halle.


Nach Angaben der Gollwitzer Pfarrerin Christiane Klußmann sind nach einem ersten Kostenvoranschlag 74 000 Euro nötig, um das kostbare Instrument zu sanieren. Dessen Zustand nennt der Kirchenoberbaurat „desaströs und darüber hinaus auch ärgerlich“. Noch könne er nicht sagen, „ob jemandem Vorwürfe gemacht werden können oder ob schlicht niemand gefunden wurde, der sich mit Orgeln auskennt.

Die Orgel ist so aufgetürmt, das muss jemand gewesen sein, der davon keine Ahnung hat, dass das Instrument so zugerichtet wurde“, so Matthias Hoffmann-Tauschwitz. Er kündigte an, gemeinsam mit der Kirchengemeinde als erstes zur Rettung der Orgel diese vor dem weiteren Verfall zu sichern. „Wir müssen Sofortmaßnahmen einleiten; das werden wir veranlassen und finanzieren können.“

Orgelbauer August Ferdinand Wäldner lebte von 1817 bis 1905 in Thüringen. Er erbaute in seiner Werkstatt das Gollwitzer Kircheninstrument vor fast 150 Jahren.
Quelle: privat

Die Gollwitzer Ortsvorsteherin Nicole Näther sicherte Christiane Klußmann gegenüber der MAZ jede Unterstützung zu: „Ich wünsche der Pfarrerin viel Kraft bei der Rettungsaktion.“ Gertrud Klietzek, Mitglied im Gollwitzer Gemeindekirchenrat, zeigte sich erfreut, dass die Orgel gerettet werden soll: „Ich hatte wenig Hoffnung, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt“, sagt die 77-Jährige.

Gertrud Klietzek, die als fünfjähriges Mädchen nach der Flucht 1945 nach Gollwitz kam, kann sich kaum noch erinnern, wann sie die Orgel zuletzt gehört hat: „Das muss in den 80er Jahren gewesen sein.“ Demontiert worden sei die Orgel, weil das Dach marode sei und es Monate lang hineingeregnet habe. „Jetzt haben wir das Elend!“

Dadurch sei mehr Schaden angerichtet worden als Nutzen, sagt dazu Matthias Hoffmann-Tauschwitz. Er will jetzt Kontakt zur Unteren Denkmalschutzbehörde in der Stadt Brandenburg und zum Landesdenkmalamt aufnehmen – als Multiplikatoren auf der Suche nach Finanzmitteln zur Rettung der Orgel.

Über die Geschichte des Gollwitzer Orgelerbauers Wäldner ist nun dank seines Hannoveraner Ur-Ur-Enkels einiges ans Licht gekommen. Christian-Alexander Wäldner fertigte eine Datenbank über die von seinen Vorfahren erbauten Orgeln an. Die Wäldners sind Hugenotten, die sich in Olbersleben bei Weimar niederließen. Die größte Wäldner-Orgel steht im Dom zu Halle. Sie wird derzeit saniert: „Das ist eine Riesenaufgabe.“ Wäldner-Orgeln entstanden auch in Dörfern entlang der Havel.

Die Werkstatt gründete Friedrich-Wilhelm Wäldner 1850. Sein Sohn August Ferdinand übernahm das Handwerk des Vaters. Zusammen bauten sie 75 Orgeln. „Mit ihm endete die kurze, aber erfolgreiche Orgelbautradition meiner Familie“, berichtet Christian-Alexander Wäldner. 1905 starb der Gollwitzer Orgelerbauer mit 95 Jahren an Altersschwäche.


Von Marion von Imhoff

Märkische Allgemeine vom 18. Januar 2017

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