Gollwitz

Hundertjährige Orgel ist ein Trümmerhaufen

Pfarrerin Christiane Klußmann hat im Herbst die Evangelische Kirchengemeinde Wust-Gollwitz übernommen. Was sie auf der Empore der Gollwitzer Kirche dabei entdeckt hat, schockiert sie: Zwischen Taubendreck fand sie den Trümmerhaufen einer denkmalgeschützten rund hundertjährigen Orgel. Nun startet die Pastorin eine Aktion, die Orgel zu retten.

Wie Sperrmüll aufgeschichtet, die Einzelteile der denkmalgeschützten Gollwitzer Orgel. Pfarrerin Christiane Klußmann sucht nun nach einer Chance, die Kirchenorgel zu retten.
 
Wie ein Sperrmüllhaufen liegt die kostbare Orgel auf der Empore und war mehr als 20 Jahre dem Verfall preis gegeben.
Quelle: Marion von Imhoff
 
Das Manual der Gollwitzer Orgel.
Quelle: Marion von Imhoff
 
Zwischen der demontierten Orgel verrottete Notenblätter.
Quelle: Marion von Imhoff

Gollwitz. Die neue Gollwitzer Pfarrerin Christiane Klußmann hat auf der Empore der dortigen Kirche eine schockierende Entdeckung gemacht. Auf der völlig mit Taubendreck verunreinigen Fläche modert der Trümmerhaufen einer Orgel vor sich hin.

„Ich habe mir im November alle Schlüssel geben lassen und mir die Gollwitzer Kirche angeschaut, um mit ihr warm zu werden.“ Was ihr als erstes auffiel, war der verdreckte Zustand des Gotteshauses. Neugierig stieg sie auch die Treppe zur Empore hinauf und blieb fassungslos stehen. Vor ihr türmte sich eine zerlegte Orgel auf. „Ich bin schockiert und traurig, dass man eine Orgel wie Müll hingeworfen hat.“

Ohne jeden Schutz türmen sich die Orgelteile aufeinander. Auf den wild übereinanderliegenden empfindlichen Orgelpfeifen hat jemand einen Karton gestellt. Die Pedalleiste lehnt an der Wand, die Tasten liegen irgendwo dazwischen. Verfaultes Notenpapier versinnbildlicht den gedankenlosen Umgang mit der alten Gollwitzer Orgel. „Mein einziger Gedanke war, dass man diese Orgel wieder zum Klingen bringen muss.“

1996 wurde die Orgel demontiert. Erbaut wurde sie von der Firma Wäldner. Aus welchem Jahr sie stammt, ist nach Angaben Christiane Klußmanns noch offen. „Sie ist über 100 Jahre alt und nach Aussage des Orgelbauers Schuke denkmalgeschützt.“

Warum das Instrument demontiert wurde, kann Klußmann nicht nachvollziehen. Möglicherweise aus Sorge vor Schwammbefall, doch auch das ergäbe keinen Sinn. Aufzeichnungen gibt es über das Instrument seit 1922. Die Pfarrerin bat den Potsdamer Orgelbauer Alexander Schuke um einen Kostenvoranschlag für die Instandsetzung des historischen Instruments. 77 642 Euro würde es kosten. Teile der Orgel sind nicht mehr zu retten, so vermodert sind sie.

„Eine neue Orgel zu bauen dieser Größe, wäre nicht unter 200 000 Euro zu bekommen, wahrscheinlich wäre es noch teurer.“ Das Instrument sei für die Gollwitzer Kirche gebaut worden „mit Geld von Gollwitzer Kirchenmitgliedern, die ihre Kirche geliebt haben“, so die Pastorin. Auch das sei ein Grund, die alte Gollwitzer Orgel wieder zum Klingen zu bringen.

Doch noch ist völlig unklar, woher das Geld zur Rettung des kirchlichen Großinstrumentes kommen soll. Zwar gibt es einen Orgelfonds der Landeskirche. Doch der ist eher für Kleinreparaturen und nicht für derartige Großprojekte gedacht. Immerhin: 15 000 Euro sei ihr für dieses Jahr aus dem Fonds zugesagt worden.

Eine Orgel sei wichtig für eine Kirche, auch, um dort Kulturveranstaltungen anbieten zu können, betont Christiane Klußmann. Weihnachten waren gut 60 Gollwitzer im Gottesdienst. Was die meisten von ihnen nicht wussten, ist, dass die Pfarrerin zuvor anderthalb Stunden lang tote Fliegen zusammen fegen musste im Kirchenschiff. Für Christiane Klußmann ist der über Jahre vernachlässigte Zustand der Gollwitzer Kirche ein Sinnbild auch für den lieblosen, von wenig Kultur- und Sachverstand geprägten Umgang mit der Orgel.

Eine Kirchengemeinde sei überfordert mit der Betreuung einer Kirche, das sei schon Aufgabe eines Pfarrers, sagt die Pastorin der Evangelischen Lukas-Gemeinde, zu der Jeserig, Deetz, Schenkenberg und Trechwitz zählen. Die Doppelgemeinde Wust-Gollwitz kam jetzt im Herbst als eigenständige Gemeinde hinzu.



Die Dorfkirche Gollwitz

Seit 21 Jahren lagert die Gollwitzer Orgel auf der Empore der Kirche. Wer das Gotteshaus durch die behaglich beheizte und liebevoll weihnachtlich geschmückte Winterkirche betritt, ahnt nicht, welch vergessener Schatz auf dem offenen Dachboden lagert.
Kirchenmusik ist mit einem kostenlos zur Verfügung gestellten elektronischen Harmonium möglich. „Doch was ist das für ein Klang, wenn man auf dem Dachboden eine Orgel hat im Vergleich“, sagt Pfarrerin Christiane Klußmann.
Die Dorfkirche Gollwitz ist ein mehrfach erweiterter Feldsteinbau, aus der vorreformatorischen Zeit stammt.


Die Gollwitzer Kirchengemeinde sei sehr klein, so Klußmann. Dass diese aus eigener Finanzkraft das Projekt stemmen könnte, ist nach Angaben der Pfarrerin unmöglich. „Ich habe noch nie erlebt, dass mit einer Orgel zu umgegangen wird wie mit Sperrmüll.“ Nun hofft die Pfarrerin auf ein Wunder und Geldgeber zur Rettung der Gollwitzer Orgel.

Von Marion von Imhoff

Märkische Allgemeine vom 11. Januar 2017

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