Thomas Berger

Ein rosa Barockbau am alten Dorfanger

Fredersdorf-Vogelsdorf (MOZ) Sie sind in aller Regel die ältesten Bauwerke in ihren Orten, steinerner Brückenschlag zwischen den Jahrhunderten. Die MOZ stellt in einer Serie die Kirchen vor. Heute: Kirche Vogelsdorf.

Dorfkirche Vogelsdorf am alten Anger: 2014 wurde ihr 300-jähriges Jubiläum gefeiert.
© Thomas Berger

So einladend sich die Vogelsdorfer Kirche heute präsentiert, nicht zuletzt in erster Linie durch das schon jahrzehntelange segensreiche Wirken des Ehepaares Edeltraud und Adolf Dünow, so sehr hat das Bauwerk auch manch dunkle Zeiten erlebt. 1945 zum Beispiel, als nach Kriegsende die Soldaten der siegreichen Roten Armee den Sakralbau eine Weile als Pferde- und Kuhstall benutzten. Und die Orgel, bereits abgebaut und verpackt, verschwand damals auf nicht mehr nachvollziehbaren Wegen. Ebenso die alte Turmuhr, die erst 1999 im Zuge der umfassenden Sanierungsarbeiten durch eine Neue ersetzt wurde.

Immerhin: Große Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg gab es nicht. Und in die leeren Fensteröffnungen wurden 1948 neue Scheiben mit Glasmalereien der Mahlsdorferin Katharina Peschel eingesetzt, wie an der Jahreszahl ohne Nachblättern in Chroniken noch gut zu sehen ist.

Weitaus weniger glimpflich hatten Dorf und Kirche seinerzeit den Dreißigjährigen Krieg überstanden, als sie 1633 vollkommen zerstört wurden. Ganze sechs Jahrzehnte dauerte es, bis Gutsherrschaft als adlige Kirchenpatrone und Vogelsdorfer Bürger gemeinsam den Neubau eines Gotteshauses in Angriff nahmen, der dann 1714 eingeweiht werden konnte. Wie weit dabei noch Reste des Vorgängerbauwerks Verwendung fanden, ist nicht bekannt. Fest steht aber, dass schon dies nicht mehr die ursprüngliche Kirche war - bereits im Zuge der Hussitenkriege 1432 hatte es massive Schäden am alten Bauwerk gegeben.

Edeltraud und Alfred Dünow, die guten Geister der Vogelsdorfer Kirche, mit dem Abendsmahlstuch, das die katholische Nachbargemeinde St. Hubertus in Petershagen 2014 zum 300-jährigen Jubiläum dieses Gotteshauses schenkte.
© Thomas Berger

Im Stil der Zeit, also nunmehr des Barocks, wurde einerseits in dessen Pracht, aber doch in Verbindung mit typisch norddeutscher Schlichtheit und protestantischer Zurückhaltung eine neue Kirche errichtet. Bibelverse in goldenen Lettern zieren die ansonsten graue Emporenbrüstung, und das größte Schmuckstück ist der Altar, der 1715 im Zuge der noch fehlenden Inneneinrichtung angefertigt wurde. Die beiden korinthischen Doppelsäulen an beiden Seiten der mittig sitzenden Kanzel, rötlich marmoriert, laufen oben dem prachtvollen Giebel zu, auch sonst gibt es im Detail noch reiche Verzierungen. Der Schriftzug Jahwe, also das althebräische Gotteswort in der Mitte des Dreiecks mit Strahlenkranz im Schalldeckel, wurde der Überlieferung zufolge in der Nazizeit entfernt, weil die regimetreuen Deutschen Christen gegen den "Judenaltar" gehetzt hatten.

Mit einer ganzen Festwoche wurde vom 24. bis 29. Juni 2014 das 300. Jubiläum gefeiert, zum abschließenden Festgottesdienst war auch Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein zu Gast. Für die Festschrift in Form einer gut 70-seitigen Broschüre wurde noch einmal akribisch alles zusammengetragen, was sich an Informationen zur örtlichen Kirchenschichte ergründen ließ.

Und weil Vogelsdorf nun einmal direkt an der Bundesstraße 1 liegt, die ihrerseits nur modernes Teilstück einer uralten Handelsstraße von Aachen bis ins Baltikum schon aus der Zeit des Römischen Reiches ist, schrieb man im Zuge des Jubiläums viele andere Kirchengemeinden entlang dieser Strecke an, wie Pfarrer Rainer Berkholz berichtet. Die Orte, aus denen Antwort kam - von Aachen über Düsseldorf, Hameln, Hildesheim, Paderborn, Braunschweig ebenso wie Potsdam, Müncheberg und Seelow sowie in Polen Elblag (Elbing) bis hin zum russischen Kaliningrad (vormals Königsberg) und Gussew (Gumbinnen) -, sind an einer langen Bahn entlang der linken Seitenwand im Kircheninnern eingezeichnet, Symbol für eine Verbindung über teils Hunderte Kilometer hinweg.

Noch auf eine andere Besonderheit weist der heutige Pfarrer hin: Den schiefen Turm von Vogelsdorf. Vor gut 300 Jahren wurde dieser nur an drei Seiten auf solide Mauern gesetzt, zum Schiff gibt es keine Trennmauer, lediglich einen Balken zum Auffangen der Last, was aber nicht ganz reichte. Schon bald neigte sich der Turm nämlich, und 1898 mussten die Behörden auf den Plan treten, konnte das Bauamt angesichts der Besorgnis aber Entwarnung geben. Anders sah das dann schon 1935/36 aus, als die Kirche wegen der bedrohlichen Schieflage baupolizeilich gesperrt und leer geräumt wurde, damit in den Folgejahren Eisenträger zur Stütze eingezogen werden konnten.

Eine unverzichtbare Stütze, und zwar für die Kirchengemeinde, sind derweil Dünows. Immer wieder schauen sie nach dem Rechten, schmücken wie jetzt zur Adventszeit und zu Weihnachten, kümmern sich um Kleinstreparaturen und mancherlei mehr. Die Sitzkissen haben sie selbst gemacht, der mittlerweile 79-Jährige auch jene hölzernen Aufsätze gefertigt, die am Ende der Bankreihen wechselnd Kerzen oder Adventssträuße tragen. Für Kirchenbesucher lohnt es, einen Moment im Vorraum unter der Empore zu verweilen. Dort hängen einige alte Bilder, darunter eines vom 1945 abgetragenen alten Gutshaus jenseits der B 1.

Märkische Onlinezeitung vom 27. Dezember 2016

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