Selbelang

Mission Kirchenrettung ist gelungen

Zwei Fördervereine sorgen in Selbelang mit seinen 280 Einwohnern dafür, dass das Dorfleben funktioniert: Sie kümmern sich darum, dass es dem Gotteshaus und der Wehr gut geht und dass das gesellschaftliche Leben im Ort funktioniert. Davon konnten wir uns bei unserem Besuch für die Serie „MAZ zu Hause in...“ überzeugen.

Rund 280 000 Euro wurden in die Dorfkirche gesteckt, die heute schöner ist denn je. Der Förderverein beteiligt sich aber auch am alljährlichen Sommerfest.
Quelle: Tanja M. Marotzke

Selbelang. Eines Tages staunten die Feuerwehrkameraden nicht schlecht. „Da hielt jemand mit seinem Auto am Gerätehaus an und fragte, wo Kamerun liegt“, erinnert sich Ortswehrführer Mario Haufe. Er habe Asylbewerber aus Kamerun dabei, die wollten sich mal Kamerun im Havelland anschauen.

Viel zu sehen werden sie dort aber nicht gehabt haben. Gerade mal fünf Häuser gibt es in der Siedlung, die zu Selbelang gehört. Auch Margarete Dickert wohnt da. „Wir haben Anfang der 90er-Jahre das Haus der Schwiegereltern übernommen, kamen aus Berlin“, sagt sie. Ihr Mann war dort nach dem Krieg einst aufgewachsen als eines von sechs Geschwistern. Schon als Kinder mussten sie schwer in der Landwirtschaft arbeiten. „Er wollte da eigentlich nie wieder hin“, sagt die 87-Jährige. Dann baute er das Erdgeschoss aus und oben auch noch, fand Gefallen daran. Schließlich blieben sie, gaben die Wohnung in Berlin auf. „Es war schon eine Umstellung, aber es machte auch Spaß, im Garten zu arbeiten.“

Der Hauptort Selbelang ist ursprünglich ein Gutsdorf. Die Bredows haben dort ebenso ihre Spuren hinterlassen, wie die von Erxleben und Bardeleben. Immer spielte die Landwirtschaft eine große Rolle, auch zu DDR-Zeiten. Das Volkseigene Gut (VEG) bestimmte das Leben im Dorf, auch die Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion. Noch heute wird die Verbindung zwischen Berge und Paulinenaue von vielen KAP-Straße genannt. 1973 war der damalige Landwirtschaftsweg befestigt worden, nach der Wende geriet er zur Schlaglochpiste. Er wurde dann im Schulterschluss mit Ribbeck, Berge und dem Amt Nauen-Land erneuert, wie Ortsvorsteher Erich Ball sagt. „Das war eine gute Sache.“ Aber erst nachdem er mit dem Amtsdirektor dort entlang gefahren war, sei die Sache in Gang gekommen, erinnert er sich schmunzelnd.

Der Landwirt ist in Selbelang geboren und seither mit dem Ort fest verwurzelt. „Manchmal bin ich drei Tage vom Kirchturm entfernt, aber dann muss ich auch wieder hier sein.“ In der Stadt wollte er nie leben. Vieles habe sich zuletzt in Selbelang zum Guten verändert. So wurde unter anderem die Dorfstraße in Ordnung gebracht, davor neue Trinkwasserleitungen verlegt.

Im Zuge der Dorferneuerung haben die Selbelanger auch die Platz vor der Feuerwehr und der Kirche neu gestaltet. Das Gotteshaus trat dadurch mehr in Erscheinung. Dass die Kirche heute so toll aussieht, ist dem Förderverein Dorfkirche zu verdanken. Mehrere engagierte Selbelanger wollten mit dessen Gründung 2005 dem Verfall Einhalt gebieten. „Der Zustand der kulturhistorisch wertvollen Kirche hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten rapide verschlechtert“, sagt Vereinschef Erich Wallbaum. Im Kirchenschiff gab es Risse, auch zwischen Turm und Schiff. Scheiben fielen aus den Rahmen, der Dachstuhl war desolat.

Der Verein organisierte Fördermittel, schon bald konnte die Sanierung beginnen, die bisher rund 280 000 Euro kostete. In vier Bauabschnitten gelang die Mission Kirchenrettung, ist aber noch nicht abgeschlossen. So müssen etwa die Fenster saniert werden, wie der 79-Jährige sagt, der sich wünschen würde, dass weitere Leute sich für die Dorfkirche engagieren. Derzeit hat der Förderverein 40 Mitglieder.

Wallbaum kam einst aus Sachsen-Anhalt, war seit 1961 im VEG bis zu dessen Ende beschäftigt. Sein Arbeitsbereich war das Lehr- und Versuchsgut. Ähnlich ging es Harry Rackwitz. Der heutige Gemeindevertreter kam ebenfalls der Arbeit wegen in die Region, 1962. Im Auftrag der Humboldt-Universität war er erst in Berge, später leitete er das Lehr- und Versuchsgut Selbelang. Seit 1975 wohnt er im Dorf.

Der Kirchenverein ist einer der beiden Vereine im Ort, die auch für ein abwechslungsreiches Dorfleben sorgen. Der andere ist der Förderverein der Feuerwehr. Dass er existiert, geht auf die Gemeindegebietsreform zurück. „Schon vorher, im März 2003, hatten sich acht Kameraden zusammengesetzt und den Verein ins Leben gerufen. Wir wussten ja nicht was passieren wird“, sagt der Vorsitzende Dirk Lorenzsonn. Der Verein übernahm das Gerätehaus mit der Verpflichtung, das Gebäude instandzuhalten.

Dann kam die Reform und Selbelang war plötzlich keine selbstständige Gemeinde im Amt Nauen-Land mehr, sondern gehörte als Ortsteil von Paulinenaue dem Amt Friesack an. Ein großer Einschnitt. „Wir haben uns dagegen gewehrt und haben Unterschriften dafür gesammelt, dass der Ort eigenständig bleibt“, sagt Ortsvorsteher Ball.

Am Ende bewahrheiteten sich die schlimmsten Befürchtungen aber dann doch nicht. „Wir konnten von Glück sagen, dass viele Herzen von Paulinenaue nach Selbelang schlagen“, so Ball. Denn ohne dem wäre es mit der Dorfstraße nichts geworden und wohl auch nicht mit dem Anbau für die Feuerwehr, wie Dirk Lorenzsonn anmerkt. „Wir waren sehr beengt. Ohne die Gemeinde ging’s nicht und geredet worden war über einen Anbau auch schon lange vorher im Amt Nauen-Land.“ Doch bis dahin vergeblich. 2009 war es dann soweit. „In sehr kurzer Zeit konnte der Anbau realisiert werden“, hebt Ortswehrführer Haufe hervor. Im Juni kamen die Fördermittel, Ende November war die Einweihung.

Beide – Haufe und Lorenzsonn – sind in Staaken geboren. Während der Ortswehrführer von Anfang in Selbelang lebte, kam Dirk Lorenzsonn 1991 dorthin. Erst wohnte er mit seiner Frau im Schloss, das zu dem Zeitpunkt seine besten Zeiten schon hinter sich hatte. Das im englischen Landhausstil errichtete Haus war nur noch ein schmuckloser Zweckbau. Lorenzsonn trat schon bald in die Feuerwehr ein. „Das war ein guter Schritt, um Anschluss im Dorf zu finden“, sagt er. „Plötzlich war man mittendrin. Das gegenseitige Helfen, ohne eine Gegenleistung zu erhalten, hat hier einen hohen Stellenwert.“

Der Förderverein organisiert zusammen mit dem Kirchenverein das Sommerfest, das es seit zehn Jahren gibt. Er initiiert den Frühjahrsputz und sammelt Spenden, mit denen er die Arbeit der Feuerwehr unterstützt. Mit dem Geld konnte schon viel angeschafft werden. Auch für die Jugendfeuerwehr, auf die die Selbelanger stolz sind. Die wird neuerdings von Hannes Haeberle und Florian Haufe geleitet, die selbst vorher in der Jugendfeuerwehr waren. Auch eine Einheit für Kinder gibt es jetzt.

Nicht zuletzt kümmert sich der Verein ums Dorfgemeinschaftshaus. Es ist an der Zeit, dass auch dort etwas gemacht wird“, sagt Lorenzsonn, der sich um Fördermittel bemüht. So müssten Risse beseitigt werden und Arbeiten am Dach erfolgen. 1996 war das Haus aus einem Rohbau entstanden, der ursprünglich für die Kita gedacht war. Vor einigen Jahren hatte das Berufausbildungszentrum (BAZ) Parkett verlegt. „Das BAZ ist ein Segen fürs Dorf“, so Lorenzsonn. Auch bei der Kirche habe es sich engagiert.

Von Andreas Kaatz

Märkische Allgemeine vom 19. Dezember 2016

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