Niebendorf

Glocke mit Pilgerzeichen

„Ave Maria Gracia Plena“ steht in Großbuchstaben als Umschrift auf einer der beiden Glocken der Niebendorfer Kirche (Dorfkirche des Monats Dezember 2011). Außerdem weist sie fünf weitere Prägungen auf. Eines davon ist ein Pilgerzeichen, das einst einem der Kirchenmitglieder verliehen wurde. Eine Reisegeschichte kann man aber auch von der Glocke selbst erzählen.

Die Glocke befindet sich im Glockenturm neben der Kirche.
Quelle: Victoria Barnack
Der Glockenturm von Niebendorf.
Quelle: Victoria Barnack

Niebendorf. Wegen ihrer besonderen Prägungen ehrt der Landkreis Teltow-Fläming im Dezember die Glocke der Niebendorfer Kirche mit einem Beitrag in der Reihe „Denkmal des Monats“. Besonders auffällig sind an der über 600 Jahre alten Glocke vor allem die Umschrift und ein Pilgerzeichen. Auf mittelalterlichen Glocken sei das zwar keine Seltenheit, erklärt Kreisarchäologe Stefan Pratsch. Passend sei die Prägung aber trotzdem. Denn auch die Glocke selbst musste vor fast 100 Jahren erst einmal an ihren jetzigen Standort reisen.

Zu verdanken hat das Denkmal seine kleine Pilgerfahrt den speziellen Umständen zur Zeit des Ersten Weltkrieges. Denn ab 1917 umfasste die sogenannte „Metallspende des deutschen Volkes“ auch Kirchenglocken, die nach ihrem Wert gelistet und zum Teil für die Herstellung von Waffen eingeschmolzen wurden. So geschah es wohl auch in Niebendorf. Heute geht man davon aus, dass es in dem kleinen Ort deshalb mehrere Jahre lang überhaupt keine Kirchenglocke gab. „Erst im Jahr 1924 wurde diese Glocke von der Gemeinde Heinsdorf abgekauft“, erklärte Gerhard Niklowitz. Der Niebendorfer und seine Frau Almut engagieren sich seit vielen Jahren für die Kirche im Ort und kennen deshalb auch die Geschichte der Glocke gut.

Glocken-Kauf im Gemeindebuch belegt

Niklowitz kann sogar ein Protokoll aus dem Buch der Gemeinde präsentieren, in dem der Kauf festgehalten wurde. „Der Kaufpreis beträgt 400 Mark“, heißt es darin und weiter: „Zu dem Kaufpreis zahlt Herr Rittmeister Trittel für den Gutsbezirk Niebendorf 200 Mark“. Der einstige Gutsherr war ein Vorfahre von Almut Niklowitz, die heute Kirchenälteste der Gemeinde ist. Er ließ damals zum Kauf der Glocke auch den Glockenturm restaurieren. Und das Engagement ist offenbar erblich. Denn Almut Niklowitz setzte sich stark für die Sanierung der Kirche seit 2007 ein und machte gemeinsam mit ihrem Mann den Landkreis überhaupt erst auf die geheimnisvollen Prägungen der Glocke aufmerksam.

Die Prägung „Maria“ ist gut lesbar.
Quelle: Victoria Barnack

Heute ist das Rätsel gelüftet: „Ave Maria Gracia Plena“ lautet die Umschrift der Glocke. Übersetzt: „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade.“ Der Spruch ist der Anfang eines alten, katholischen Gebets. Da einige der circa vier Zentimeter hohen Buchstaben um 45 oder 90 Grad gedreht oder sogar gespielt sind, ist die Inschrift jedoch nicht sofort lesbar. Grund für die Drehungen und Spiegelungen ist das Bestreben, keine Lücke in der Umschrift aufzureißen. „Die 45 Grad-Drehung des E beim ,AVE’ und des G beim ,GRACIA’ ist wahrscheinlich gewollt, um Platz auszufüllen“, erklärt Stefan Pratsch beispielhaft.

Kreisarchäologe: „Heilbringende Wirkung der Pilgerzeichen“

Auch die anderen Prägungen sind mittlerweile vom Kreisarchäologen untersucht worden. Insgesamt fünf bildliche Darstellung weist die Glocke auf: zwei Medaillons, die Darstellung eines Rades mit sechs Speichen, ein Malteserkreuz und das Pilgerzeichen mit einer Kreuzigungsgruppe von drei Figuren. „Pilgerzeichen auf mittelalterlichen Glocken sind keine Seltenheit“, erklärt Pratsch, „sie sind der Beweis für eine erfolgreich vorgenommene Pilgerfahrt, von der man das lokal hergestellte Pilgerzeichen mitbrachte.“ Anschließend wurde es in den noch weichen Ton gedrückt und hinterließ so die hervorstehende Prägung. Der Kreisarchäologe erläutert außerdem den Hintergrund dieses Brauchs. „Früher nahm man an, dass sich mit dem Klang der Glocke die heilbringende Wirkung des Pilgerzeichens in die Umgebung ausbreitete“, sagt er.

Private Initiative zur Sanierung der Kirche

Diese befindet sich offenbar noch heute rund um die Niebendorfer Kirche. Denn gemeinsam mit dem Ehepaar Niklowitz setzten sich in den vergangenen Jahren auch zahlreiche andere Einwohner für den Erhalt des Gotteshauses ein. Inzwischen ist die Innensanierung komplett abgeschlossen, unter anderen mit Restaurierung des Altars, Freilegung einer Wandmalerei und Einbau einer Sitzheizung. 250 000 Euro wurden dabei verbaut. Auch das Landesdenkmalamt beteiligte sich mit einer fünfstelligen Summe.

Ein großer Teil des Geldes kam aber auch über private Spenden zustande. 2012 konnte auf diese Weise ebenfalls der beschädigte Schlagring des heutigen Denkmal des Monats erneuert werden. „Die Glocke hat jetzt auch eine Aufhängung, damit sie nicht aus der Halterung herausfliegen kann“, erklärt Almut Niklowitz.

Von Victoria Barnack

Märkische Allgemeine vom 10. Dezember 2016

   Zur Artikelübersicht