Thomas Berger

Geschichtsbuch aus Feldsteinen

Rehfelde (MOZ) Sie sind in aller Regel die ältesten Bauwerke in ihren Orten, steinerner Brückenschlag zwischen den Jahrhunderten. Die MOZ stellt in einer Serie die Kirchen vor. Heute: Kirche Rehfelde.

Dorfkirche Rehfelde: Schiff und Chor stammen aus dem 13. Jahrhundert, Turm und Vorhalle kamen später hinzu.
© Thomas Berger

Gemeinsam mit den Nachbarorten Hennickendorf, Herzfelde, Werder und Zinndorf ist das 1247 urkundlich erstmals erwähnte Rehfelde einst durch Schenkung der Markgrafen aus dem Geschlecht der Askanier in den Besitz der Zisterziensermönche gekommen. Vom Kloster Zinna aus wurde damals die Besiedlung im Raum Rüdersdorf weiter vorangetrieben, und eben aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert im Ursprung auch die Kirche. Die regelmäßigen Quaderreihen der Feldsteine im Mauerwerk von Chor und Schiff zeugen noch von der großen Sorgfalt, die damals üblich war.

Der Zugang erfolgt heutzutage von der Turmseite. Aber wer seine Schritte durch den südlichen Anbau, die Sakristei, lenkt (wohl 1499 errichtet, wie die Jahreszahl in einem großen Stein vermuten lässt), der kann dort noch deutlich durch das alte Hauptportal ins Innere sehen. Ebenfalls wird bei einem Rundgang ersichtlich, dass die Fenster des Schiffes später vergrößert wurden, frühere Fensteröffnungen am Chor ebenso wie eine spitzbogige Pforte im Süden und eine Rundbogige im Norden irgendwann zugemauert wurden.

Denkbar wäre dies im Zusammenhang mit den Rekonstruktionsarbeiten und Umgestaltungen, die 1720 bis 1722 stattfanden. Auch der Altar (1722) stammt aus jener Zeit. Pfarrer Michael Uecker ist der Hinweis wichtig, dass es sich bei dem prägnanten, die Innenausstattung klar dominierenden Stück um einen typisch lutherischen Kanzelaltar handelt: Der heilige Geist in Gestalt der Taube findet sich im Schalldeckel, um gewissermaßen den Pfarrer bei der Predigt durchdringen zu können. Und neben dem Gekreuzigten frontal trägt der Kanzelkorb die vier Evangelisten - linker Hand Matthäus mit dem Engel und Markus mit dem Löwen, rechter Hand Lukas mit dem Stier und Johannes mit dem Adler, weist der theologische Fachmann auf die jeweiligen Erkennungszeichen. Ganz oben rahmen im Innern des Strahlenkranzes drei Engelsköpfe den hebräischen Gottesnamen (Jahwe) ein.

Der gleichen Epoche sind die Kronleuchter zuzuordnen. Elektrische Deckenbeleuchtung gibt es bisher nicht - echte Kerzen sind es, die im Bedarfsfall ihren flackernden Schein verbreiten. Und für so einen hochgewachsenen Mann wie Uecker sind die reichlich tief hängenden Leuchter nicht ganz ungefährlich - es kam schon vor, dass der Pfarrer sich den Kopf gestoßen hat.

Auf einem alten Foto vor der Neubemalung der Empore 1954 ist auch zu sehen, dass damals noch der Chorbogen verziert war. Die Orgel mit acht Registern, derzeit nicht bespielbar, wurde 1860 oder 1861 von der Berliner Firma Dinse eingebaut. Der Kachelofen, der momentan die Heizung liefert - aber nach Vorgabe des Denkmalschutzes möglichst nicht zu oft angefeuert werden soll -, wird im Zuge der jetzt geplanten Arbeiten einschließlich Schornstein verschwinden, Wärme künftig von einer Bankheizung kommen. Dafür sowie für die Neueindeckung des Daches, den Rückbau des Betonfußbodens zugunsten des alten Ziegelpflasters sowie Putzarbeiten in den zur Austrockung des Mauerwerks schon 2010 freigelegten Bereichen hilft auch der unlängst als Interessengemeinschaft gegründete Förderkreis. "Eine wertvolle Ergänzung", ist Michael Uecker dankbar dafür.

Wahrhaftig ein steinernes Geschichtsbuch sei die Kirche, die im Pfarrsprengel eine der Größeren ist, wie der Pfarrer erzählt. Und wer ein besonderes Kapitel in diesem Buch lesen will, der muss die Treppen bis nach oben in den Glockenstuhl steigen. Dort nämlich hängen gleich vier Glocken - das größte Exemplar hat einen Durchmesser von 117, die anderen von 96, 83,5 und 75,8 Zentimetern. Zudem tragen alle Inschriften: Eine erinnert zum Beispiel an Ernst A. Haube, der bei damals bei der Aufhängung Ortsvorsteher war. Gerhard Schwarz, der sich mit seiner Frau Erika für Recherchen zu ihrem Buch "Rehfelde. Ein Dorf auf dem Barnim" auch im Kirchenarchiv vergraben hatte, kennt die genaue Geschichte. Die beiden größeren Glocken des ursprünglichen Bronzegeläuts wurden im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen, "am 25. Juni 1917 wurde in einem Gottesdienst Abschied von ihnen genommen".

Der bereits sechs Wochen später ausgelöste Auftrag für Ersatz in Form von Stahlgussglocken konnte erst nach zweieinhalb Jahren umgesetzt werden. Am 25. März 1920 dann, so die Rechercheergebnisse laut Schwarz, fand das Probeläuten statt - einschließlich der 1919 noch bestellten vierten Glocke. Was aus der Kleinsten des alten Geläuts wurde, für deren Verkauf der Pfarrer eine Annonce aufgegeben hatte, ist nicht bekannt.

Und auch sonst bleibt manches mangels genauer Überlieferung im Ungewissen, gibt Anlass zu Spekulationen. So ist etwa auf halber Turmhöhe eine klare Trennlinie im Mauerwerk erkennbar: Darunter ist es versuchsweise noch ebenmäßig, im oberen Teil geht es völlig durcheinander. Ob er in zwei getrennten Etappen gebaut oder nach Zerstörung in der oberen Hälfte wieder aufgemauert wurde, dazu hat Gerhard Schwarz nichts gefunden. Zumindest im Zweiten Weltkrieg blieb die Kirche äußerlich unversehrt, habe der damalige Pfarrer niedergeschrieben. Schon am 13. Mai 1945 konnte demnach der erste Gottesdienst im Frieden gefeiert werden.

Noch auf zwei Kuriositäten weist Gerhard Schwarz hin: "Die Kirche ist nicht ganz rechtwinklig, die Südseite etwa 45 Zentimeter kürzer als die Nordseite." Und das Mauerwerk des Turms ist oberhalb des Schiffes um einen halben Meter zurückgesetzt.

Märkische Onlinezeitung vom 05. Dezember 2016

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