Thomas Berger

Turmsteine mit Ritzzeichnungen

Werder (MOZ) Sie sind in aller Regel die ältesten Bauwerke in ihren Orten, steinerner Brückenschlag zwischen den Jahrhunderten. Die MOZ stellt in einer Serie die Kirchen vor. Heute: Dorfkirche Werder.

Eine der ältesten und zweifellos eine der schönsten Dorfkirchen: Das Gotteshaus von Werder stammt nachweislich aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Selbst ohne den auf 1234 datierten Holzbalken lässt sich das auch am regelmäßigen Mauerwerk des Langhauses.
© Thomas Berger
 
Werderaner Besonderheit: Gleich mehrere der Steinquader im Turm tragen alte Ritzzeichnungen. Wolfgang Reichwald zeigt hier auf das Bildnis mit liegendem Kreuz, Lanze und Ysopstab.
© Thomas Berger

Sie ist nicht nur eine der ältesten Kirchen weit und breit, sondern zweifellos auch eine der Schönsten. Obwohl es sich im Falle Werders allgemein eher um eine schlicht gehaltene Dorfkirche handelt, gebieten doch schon die uralten Mauern Ehrfurcht. Und der alte Dorfangerbereich mit dem historischen Kirchhof, auf dem auch noch einige Grabsteine aus früherer Zeit überdauert haben, bietet zwischen Bäumen und wechselnden Sichtachsen gerade im Wechsel der Jahreszeiten immer wieder andere, reizvolle Ansichten.

Kaum einer weiß besser über die Geschichte des Gebäudes Bescheid als Wolfgang Reichwald. 1978 zog er ins Dorf - und kann sich noch gut an den damaligen Zustand erinnern. Viele Jahre war die Kirche infolge der Kriegsschäden baupolizeilich gesperrt. "Das Dach eingefallen, keine Fenster mehr drin, nur der Turm nutzbar zum Glockenläuten und zum Aufbahren der Verstorbenen bis zur Beerdigung, weil es ja keine Leichenhalle gibt", erinnert er sich noch gut. Und die Dorfjungen hatten Pfeifen der Orgel abmontiert und verkökerten diese im Freundeskreis.

1982 begannen dann die bis zur Wiederindienststellung 1987 andauernden Sanierungsarbeiten. Viele Dorfbewohner halfen damals tatkräftig mit, "von der LPG wurden die Hänger geholt, um sie mit dem Bauschutt zu beladen". Vor allem wurde der marode Dachstuhl erneuert, die heute so charakteristische dunkle Holzdecke unterhalb der Balken eingezogen. Und nicht für alles reichte das knapp bemessene Geld. So wurde der Altarraum der Einfachheit halber mit gelber Farbe übertüncht - und damit das bisherige Bild im Innern deutlich verändert. Denn auf einem alten Foto, das im Vorraum der Kirche hängt, ist trotz Schwarz-Weiß-Reduktion und begrenzter Qualität noch die vormalige Gestaltung verewigt: Jeweils ein Spruchband verlief außen am Bogen entlang sowie in der Mitte, der Rest der um 1840 vermutlich noch einmal vergrößerten Apsis war im romantischen Stil ausgemalt. Mit einem Sternenhimmel, wie es ihn ähnlich noch in Neuhardenberg gibt. Der alte Altar im Stil des Bauernbarock war nicht mehr zu retten, meinten damals die Fachleute, von Schädlingen befallen und giftigen Holzschutzmitteln belastet. "Da bleibt nur das Verbrennen, wurde uns gesagt", blickt Reichwald zurück. Bei der von 1858 stammenden Orgel dauerte es bis in die Neunzigerjahre, dass ein versierter Laie das Instrument zumindest wieder so aufbereitete, dass der Klang für die Choralbegleitung ausreicht. Zu Orgelkonzerten langt es aber nicht.

1234, plus/minus zehn Jahre. Das ist anhand eines in einer früheren Fensternische gefundenen Bauholzes, das seinerzeit dendrologisch untersucht wurde, das ermittelte Baujahr der Kirche. Ein rechteckiger Saalbau mit Apsis, noch ohne Turm. Besonders ebenmäßig ist das Mauerwerk, zumindest in den unteren Quaderreihen. Der obere Teil sieht weit weniger sorgfältig gearbeitet aus - Resultat der Reparaturen massiver Schäden, die es im Dreißigjährigen Krieg gab.

Der Turm wurde frühestens 1450 nachträglich angebaut. Das Geläut in seinem Innern hat drei Glocken - von denen zwei noch die Ursprünglichen aus der spätmittelalterlichen Zeit sind. Die Größte ist die sogenannte "Lilienglocke", von einem Spruchband umzogen, dessen Einzelzitate durch Lilien abgegrenzt sind. Und beide überstanden auch den zweiten Weltkrieg, wurden zurückgeholt, nachdem sie schon zum Einschmelzen eingelagert waren. Die Dritte und Kleinste war beim Gedächtnisläuten nach dem Ersten Weltkrieg gesprungen - und wurde neu gegossen. "Die Namen der wichtigsten Spender aus dem Ort wurden eingraviert", verweist Wolfgang Reichwald auf die Widmungen.

Und natürlich zeigt er noch die Werderaner Besonderheit, nämlich die Steine mit den alten Ritzzeichnungen. An mehreren Stellen finden sie sich in den Turmmauern. Ziemlich weit oben, über dem Ansatz zum Kirchenschiff, findet sich ein Uhu, der Vogel der Weisheit. Ein stilisiertes Schiff mit geblähten Segeln, die Gemeinde der Gläubigen symbolisierend, ziert einen Stein ganz in der Nähe. Unten, eher auf Augenhöhe für den Betrachter, gibt es noch einen Eckquader mit einem Geistlichen, der eine Narrenkappe trägt. Und auf der anderen Seite, nur zwei Reihen voneinander getrennt, eine Sonnenuhr und ein Bildnis mit liegendem Kreuz, Lanze und Ysopstab (mit dem Jesus der Überlieferung nach ein Schwamm mit Essig gereicht wurde) sowie einem Hahn, ebenfalls Hinweis auf eine Bibelstelle.

Märkische Onlinezeitung vom 07. November 2016

   Zur Artikelübersicht