Vetschauer Orgelgehäuse entsteht im alten Glanz neu

Frauen restaurieren die Außenhülle des Instruments

VETSCHAU Auf der Empore riecht es nach Alkohol: Mit Skalpell und getränktem Wattetupfer machen sich Carina Ostendorf-Köpnick und Friederike Hänold über die alten Farbschichten her. Millimeter für Millimeter rücken sie der Farbe auf den Leib, die das Orgelgehäuse in der Deutsch-Wendischen Doppelkirche in Vetschau bedeckt.

Friedericke Hänold (vorn) und Carina Ostendorf-Köpnick legen die alten Schichten an der Orgel frei.
Foto: Peter Becker/peb1

Die beiden diplomierten Restauratorinnen haben sich schon im Vetschauer Rittersaal erfolgreich betätigt und dort den alten Zustand wiederhergestellt. Die jungen Frauen sind selbstständig tätig, handeln aber im Auftrag der Berliner Bauforschungsfirma KvO. Mit sehr viel Sorgfalt und Bedacht lösen sie die alte Farbschicht ab und holen so den Zustand von vor über 140 Jahren zurück. Damals war das Gehäuse in Blau und Gold auf Weiß gehalten. Vermutlich 1958 wurde der wenig schöne graue Anstrich vom Vetschauer Maler Hanusch auf Gebälk, Kanzel und eben auch auf die Orgel aufgetragen.

Die Orgel wurde 1859 vom Stettiner Orgelbaumeister Kaltschmidt errichtet, nachdem drei Jahre zuvor die gesamte Kirche umgebaut wurde. Die Abnahme fand durch den damals berühmten Organisten und Komponisten Carl Loewe statt.

Im Ersten Weltkrieg wurden die Zinnpfeifen für Kriegszwecke ausgebaut und gegen Zinkpfeifen ausgetauscht. Zu DDR-Zeiten verfiel die wendische Kirche zusehends und damit auch die Orgel. Seit 1977 wurde kein Gottesdienst mehr abgehalten, das Gebäude diente als Einlagerungsstätte für die Pritzener Kirche, die dem Tagebau weichen musste.

Erst der in der Nachwendezeit gegründete Förderverein konnte erwirken, dass die inzwischen entweihte Kirche seit 1995 als "Kulturkirche" genutzt werden kann. Vorangegangen waren zahlreiche und auch kostspielige Sanierungs- und Sicherungsarbeiten, die praktisch immer noch andauern. Eine der größten Aufgaben war die Wiederbespielbarkeit der Orgel. Ein Enkel, des Erbauers der Schlag & Söhne-Orgel in der angrenzenden deutschen Kirche, Jürgen Schlag aus Berlin, war es, der gemeinsam mit dem Jahr 2014 verstorbenen Pfarrer Klaus Lischewsky alle Register zog, um die "wendische" Orgel ebenfalls wieder erklingen zu lassen. Insgesamt zogen sich die Arbeiten von 2002 bis 2012 hin, fachliche Unterstützung kam vom Orgelbaumeiser Matthias Vogt aus Bad Liebenwerda.

Eine der letzten großen Aufgaben ist die Wiederherstellung des Originalzustandes des Orgelgehäuses. Die beiden Restauratorinnen haben 250 Arbeitsstunden dafür einkalkuliert, täglich kommen sie aus Potsdam und Berlin nach Vetschau und verrichten hier ihre Sisyphusarbeit. Dass diese Maßnahme noch einmal viel Geld kostet, liegt auf der Hand. Der Förderverein der Wendischen Kirche sammelt aktuell Spendengelder und bittet die Vetschauer um ihre Unterstützung. Jürgen Schlag: "Wir hoffen, dass das Geld reicht, um dann auch noch die Vergoldungen in vollem Umfang auftragen zu können."

Zum Thema:
Am 12. November gastiert das Berliner TIP-Theater in der wendischen Kirche. Das Gastspiel beginnt um 16 Uhr.

Peter Becker/peb1

Lausitzer Rundschau vom 24. Oktober 2016

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