Joachim Eggers

Ein Fahrstuhl für Woltersdorfs Kirche

Woltersdorf (MOZ) Die etwa 1150 Woltersdorfer Protestanten müssen in den nächsten Monaten zusammenrücken: In ihrer Kirche hat der vierte Sanierungs-Bauabschnitt begonnen. Das Gotteshaus bekommt einen Aufzug.

Unpraktische Fenster: Pfarrer Matthias Trodler zeigt eines der alten Modelle. Sie lassen sich nur nach unten klappen, so dass man schlecht lüften kann. Sie sollen nun ausgewechselt werden.
© MOZ/Eggers

1998, erinnert sich Pfarrer Matthias Trodler, sammelten die Woltersdorfer in einem mittlerweile aufgelösten Freundeskreis der Kirche Geld, um die Sanierung des Turms zu unterstützen; das war der erste Bauabschnitt. Der zwei galt Dach, Fassade und Außenhaut, der dritte dem Innenbereich. Die Arbeiten endeten 2005. Mehr als zehn Jahre lang ist also an der St. Michael-Kirche nichts Größeres mehr gemacht worden. "Wir mussten erst wieder Luft holen und Geld sammeln", sagt der Pastor.

Was jetzt vorgesehen ist, betrifft die beiden übereinander liegenden, schlauchförmigen Nebenräume links des Kirchenschiffs. Im Untergeschoss wird eine Wand versetzt, so dass eine Lücke entsteht, in die ein kleiner Aufzug passt. "Ein Rollstuhlfahrer und eine Begleitperson können da mitfahren", sagt Trodler. Die Gemeinde hatte auch überlegt, einen seitlichen Treppenlift zu errichten, diesen Gedanken aber verworfen - er wäre in Konflikt mit einem Fenster geraten.

Neben den Aufzug kommt eine behindertengerechte Toilette, die das bisherige WC an sehr ungünstiger Stelle ablöst. Logische Folge der neuen Einrichtungen: der übrige Raum wird kleiner als er jetzt ist, soll gleichwohl als Küche hergerichtet werden. Die war bislang im Obergeschoss ganz hinten angeordnet - ein sehr weiter Weg, so Trodler. Im Untergeschoss bleibt damit vom bisherigen Christenlehre-Raum noch ein kleiner Gesprächsraum, der unter anderem den Suchtgefährdeten-Kreis und andere Gruppen aufnehmen soll.

Die Räume sind jetzt zwar schon Baustelle, aber noch hat sie keine Handwerksfirma betreten. Engagierte Mitglieder der Kirchengemeinde haben in Eigenarbeit Holzpaneele entfernt und andere Vorbereitungen getroffen. Die abgeschraubte Heizung soll wieder angebracht werden, damit es eine Winterbaustelle werden kann. Als nächstes werden die Elektro- und Sanitärarbeiten ausgeschrieben, auch der Auftrag für den Aufzug ist noch nicht erteilt. Laut einem Bauablaufplan soll Ende April alles fertig sein. Gegen Ende des Vorhabens sollen im Obergeschoss auch die unpraktischen Fenster ausgetauscht werden - sie lassen sich nur großflüglig nach unten klappen. "So kann man gar nicht lüften", sagt Trodler. 164 000 Euro kostet das Vorhaben laut Plan, davon kommen 15 000 Euro vom Kirchenkreis. Alles andere sind Eigenmittel, sagt Trodler.

Bis auf weiteres können wegen der anstehenden Arbeiten keine Ausstellungen in der Kirche stattfinden, die Christenlehre ist in das "Entdeckerland" der christlichen Kita verlegt.

Das Gotteshaus, so wie es jetzt steht, wurde 1948 auf den Grundmauern der dritten, 1855 gebauten Kirche am selben Standort wieder errichtet. Am 28. April 1945 war jene dritte Kirche ausgebrannt, als vermutlich lettische SS-Männer vom Kirchturm aus auf deutsche Soldaten schossen, die sich vor der anrückenden Roten Armee zurückzogen. Der Beschuss sollte sie zur Umkehr zwingen. Daraufhin wehrte sich einer der Soldaten mit einer Panzerfaust, die er auf die SS-Männer im Kirchturm abfeuerte, die Kirche brannte, niemand löschte.

Trodler weiß das, wie er berichtet, weil er dem deutschen Soldaten einmal begegnet ist und der ihm das gestand. "Ich erzähle diese Geschichte immer Kindern, als Beispiel für den Irrsinn des Krieges", sagt der Pfarrer.

Märkische Onlinezeitung vom 24. Oktober 2016

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