Thomas Berger

Anekdoten um Orgelpfeifen und Blattgold

Hennickendorf (MOZ) Sie sind in aller Regel die ältesten Bauwerke in ihren Orten, steinerner Brückenschlag zwischen den Jahrhunderten. Die MOZ stellt in einer Serie die Kirchen vor. Heute: Kirche Hennickendorf.

Unregelmäßiges Feldsteinmauerwerk: Im 14. oder 15. Jahrhundert, als die Hennickendorfer Kirche gebaut wurde, wurde nicht mehr ganz so ebenmäßig gearbeitet wie mit den akkurat behauenen Quaderreihen der vorangegangenen Epoche.
© Thomas Berger

Zwei Hennickendorfer Urgewächse, beide im Ort geboren "und mit Stienitzwasser getauft", wie Heinz Wehrmann lächelnd sagt. Zudem saß er bis 2015 gut ein halbes Jahrhundert im Gemeindekirchenrat. Wer wäre da besser als er und seine Frau Irmgard imstande, Auskunft zu geben über das Gebäude, das beim Passieren des Kreisels jedem Autofahrer ins Auge fällt?

Tatsächlich sind Wehrmanns sozusagen die Hüter der Hennickendorfer Kirchengeschichte. Ein Griff ins persönliche Archiv, und es werden alte Bilder und Zeitungsausschnitte auf dem Tisch im Gemeinderaum ausgebreitet. Größte Schätze sind dabei jene historischen Aufnahmen, die längst Verschwundenes zeigen. So das Bild aus den frühen 1960er-Jahren, auf dem noch der barocke Kanzelaltar zu bewundern ist. Der verschwand 1962: "Unser Pfarrer damals kam von der Ostsee und meinte, Kirchen müssen einfach und schlicht sein", kann sich Heinz Wehrmann gut erinnern.

Der Altar, der heute an seiner Stelle steht, kam in den Achtzigern (ebenso wie die Kanzel) aus Küstrinchen bei Lychen. Ein Werk aus dem Jahr 1720, erschaffen von einem Meister aus der Neumark. "Der stand in Küstrinchen zerlegt in einer Scheune", weiß Irmgard Wehrmann zu berichten. Ihr Mann steuert bei, dass man kurz vor der Wende Blattgold aus der westdeutschen Partnergemeinde erhielt. "Damals fand sich aber kein Betrieb, der das machen konnte." Die Restaurierung des Altars musste bis 1996 warten. Das Blattgold war zwischenzeitlich beim Konsistorium eingelagert.

Es war der Auftakt zu einer ganzen Reihe von weiteren Sanierungsmaßnahmen: Im Januar 1997 konnte nach dem Einsatz des Strausberger Experten Jürgen Fritsch, dessen Team unter anderem die Zifferblätter entrostet hatte, die Turmuhr - nunmehr auf Funkbetrieb umgerüstet - wieder richtig in Dienst treten. 1999 folgte als größter Brocken die Neueindeckung des Dachs. Da viele der alten Balken nach den Jahrhunderten zumindest an ihren Enden marode waren, musste auch die Zwischendecke über dem Kirchenschiff vollkommen geöffnet werden. 2001 wurde dann unter Einbeziehung der Sakristei noch der Anbau des neuen Gemeinderaums vorgenommen.

Im Krieg gab es keine größeren Schäden. Allerdings brachen die sowjetischen Soldaten, die vorübergehend in der Kirche lagerten, aus der Orgel etliche Pfeifen heraus. Dabei waren die früheren Prospektpfeifen aus Zinn, die eingeschmolzen wurden, erst 1917 durch solche aus Zink ersetzt worden. Die Orgel selbst mit ihren acht Registern hatte 1876/77 die Berliner Firma Albert Lang gebaut.

Im Zweiten Weltkrieg musste die Gemeinde die beiden alten Kirchenglocken abgeben. Ersatz kam nach 1945 aus der örtlichen Glockengießerei Voß, die in der Berliner Straße saß. Drei Exemplare wurden gegossen und zunächst an einer externen Konstruktion aufgehängt. Da eine gesprungen war, kamen später am Ende nur zwei in den Turm. Dieser datiert von 1863 - damals fand der größte Umbau der aus dem 14. oder 15. Jahrhundert stammenden Kirche statt.

Märkische Onlinezeitung vom 20. Oktober 2016

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