Thomas Berger

Kunstkirche mit speziellem Charme

Gielsdorf (MOZ) Sie sind in aller Regel die ältesten Bauwerke in ihren Orten, steinerner Brückenschlag zwischen den Jahrhunderten. Die MOZ stellt in einer Serie die Kirchen vor. Heute: Kunstkirche Gielsdorf.

Ein echtes Schmuckstück: Gemeindekirchenrats-Vorsitzende Brigitte Kurras im Innern, wo im Hintergrund Richtung Chorraum der Blick auf den seinerzeit aus Wilkendorf herübergebrachten Flügelaltar von 1460 und das Epitaph des Friedrich von Pfuel
© Thomas Berger

"Erbherr auf Ranft, Heiligensee, Gielsdorf, Schoenfelde und Warpin, Amtshauptmann von Sandow, Pfandherr von Jerichow", heißt es über Friedrich von Pfuel, dessen Epitaph die linke Seite des Altarraums in der Gielsdorfer Kirche ziert. Auch die Lebensdaten des damaligen Kirchenpatrons, dessen Familie in der Gegend lange umfassende Besitztümer hatte, sind auf dem Grabstein vermerkt. Geboren 1460, gestorben 1527 - und zunächst im alten Dom von Berlin beigesetzt, wie zu lesen ist.

Jener frühe Gielsdorfer Gutsherr wäre nicht nur überrascht, könnte er das Dorf insgesamt in seinem heutigen Zustand sehen. Auch beim Blick auf das Gotteshaus, das Vorbeifahrende von der Kuppe des Hügels im Ortszentrum grüßt, würde sich faszinierendes Staunen einstellen. Ist doch dieses Bauwerk nunmehr die erste Kunstkirche der Region - und erstrahlt seit zwei Jahren in einem neuen Glanz, der vermutlich über all die Jahrhunderte ihres Bestehens hinweg seinesgleichen sucht.

Es hat aber auch einiges gekostet, das in regelmäßigen Feldsteinreihen gemauerte Bauwerk, mit den beiden Verstärkungen an der Turmseite und anderen Aspekten klar als alte Wehrkirche erkennbar, wieder so herauszuputzen. Allerlei Geduld seitens der Kirchengemeinde, bis es mit den Arbeiten nach drei Jahren Vorlaufzeit 2012 endlich losging. Und nicht wenig Geld - 700 000 Euro sind seinerzeit insgesamt geflossen, blickt die Gemeindekirchenrats-Vorsitzende Brigitte Kurras zurück. "Ohne die 400 000 Euro EU-Fördermittel darunter wäre es gar nicht vorstellbar gewesen", fügt sie noch hinzu. Mit der stattlichen Summe konnte dann aber auch bis auf Kleinigkeiten alles gemacht werden, was wirklich nötig war. Der Dachstuhl, die neue Eindeckung des Daches, die Elektrik, Renovierung im Innern. Wobei die Ausgestaltung, wenn man mitten im Schiff steht und den Blick schweifen lässt, sich nicht wirklich verändert hat. Möglichst originalgetreu, nur etwas heller die Farben. Und dann die Vorrichtungen, die sie - neben der fortbestehenden sakralen Grundbestimmung - zu dem machen, was sie nun zugleich ist: Kunstkirche. Platz für wechselnde Ausstellungen ist an den Wänden auf der Empore. Zudem finden etliche weitere kulturelle Veranstaltungen statt. Erst im Juli waren die Wolga-Kosaken für ein Konzert zu Gast, die Chöre aus Müncheberg, Altlandsberg und Gielsdorf selbst haben hier auch schon gesungen.

Von der rötlichen Wandbemalung, die der Chorraum früher hatte, kündet heute nur noch ein kleines Viereck, das bei der Sanierung so belassen wurde. Die Apsis wiederum erstrahlte einst mit einem Sternenhimmel. Zudem sei es ja nicht ganz einfach, bestimmte moderne Installationen in ein Denkmal hineinzubringen, kann sich Brigitte Kurras an manche Debatten mit den Behördenvertretern zur Bauzeit und in der Planungsphase erinnern. Leicht sei es für die Gemeinde während der Arbeiten nicht gewesen. Schließlich war die Kirche da überhaupt nicht nutzbar, mit allem musste in die 2008 nebenan als Neubau errichtete Winterkirche ausgewichen werden. Einschließlich des Weihnachtsgottesdienstes, der deshalb in zwei Etappen stattfand, weil für alle Besucher auf einmal die Plätze nicht gereicht hätten.

Die Emporen an der West- und Nordseite datieren übrigens aus dem 16. Jahrhundert, im 19. Jahrhundert kam die Kanzel hinzu, während der Taufstein, ein Relikt aus dem Jahr 1551, ein ähnliches Alter hat wie die zwei Glocken im Turm. Beide Weltkriege haben sie unbeschadet überstanden, rufen die Gläubigen bereits seit 1517 bzw. seit 1615 zum Gebet. Und dann ist da noch der Flügelaltar, das wertvollste Stück. Auch das Älteste, weil bereits 1460 erschaffen - in Gielsdorf allerdings erst seit 1975 zu bewundern, als er aus der baufälligen Wilkendorfer Kirche herübergeholt wurde.

Märkische Onlinezeitung vom 06. Oktober 2016

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